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Israel nimmt eine ganze Bevölkerung zur Geisel

Interview mit Gilbert Achcar

Gilbert Achcar wuchs im Libanon auf bevor er nach Frankreich zog. An der Universität Paris-VIII lehrt er politische Wissenschaften. Zu seinen jüngsten Büchern zählen Eastern Cauldron (2004) and The Clash of Barbarisms (2. Aufl. 2006).

Das Interview führte Alan Maass von der Zeitung Socialist Worker (USA). Wir haben es stark gekürzt.

Die Medien in den USA machen die Hizbollah für den Angriff Israels verantwortlich. Sie habe mit der Gewalt begonnen. Wie siehst Du die Situation?

Was man auch immer über Hisbollah und die von ihr durchgeführte Aktion denken mag – und ich habe meine eigenen Vorbehalte gegenüber der Angemessenheit bezüglich ihrer vorhersehbaren Konsequenzen – das, was Israel tut, ist durch keine einzige Logik zu rechtfertigen. Die Tötung der sieben israelischen Soldaten und die Entführung von zwei Soldaten war eine Kriegshandlung, und der Libanon und Israel sind zwei Länder, die immer noch im Kriegszustand sind.

Israel greift regelmäßig die Hoheit des Libanon an: Es hat das Land unzählige Male angegriffen, besonders nach 1967 (der erste verheerende israelische Angriff auf den Flughafen Beiruts fand 1968 statt); 1967 drang es in ein kleines Stück libanesischen Territoriums ein (die Chebaa Farmen), 1978 in weite Teile von Südlibanon und stieß 1982 gar bis zur Hälfte von Libanon vor. Israel besetzte anschliessend einen grossen Teil des Landes bis 1985, die Gegend ganz im Süden bis 2000, und es hält noch immer die Gebiete, die es 1967 besetzte.

Seit 2000 hat ein andauernder Krieg mit niedriger Intensität zwischen Hisbollah und Israel stattgefunden: Scharmützel über die Grenzen hinweg, verdeckte israelische Tätigkeit im Libanon, einschließlich die Ermordung von Hisbollah-Führern, etc. Aber das, was Israel jetzt im Libanon durchführt, ist eine massive Vergeltung gegen eine ganze Bevölkerung. Sie nimmt eine gesamte Bevölkerung und ein Land als Geisel und versucht, seine Bedingungen aufzuzwingen.

Diese Brutalitäten sind feige, denn welche Mittel Hisbollah oder der ganze Staat Libanon auch immer besitzen – sie werden von der militärischen Überlegenheit Israels in den Schatten gestellt. Das ist nicht irgendein Kampf unter Gleichen, obwohl Hisbollah mit einigen Raketen zurückschlägt. Eine der gewaltigsten Militärmächte begeht eine nackte Aggression gegen einen der schwächsten Staaten im Nahen Osten und ermordet eine große Zahl von Menschen.

Welche Ziele verfolgt Israel mit diesem Angriff?

Strategisch gesprochen, betrachten Israel und die Vereinigten Staaten nicht bin Laden oder Al-Kaida als ihre Hauptfeinde im Mittleren Osten – diese sind in ihren Augen nur kleine Ärgernisse, wenn auch oft nützliche Ärgernisse, – sondern den Iran. Es gibt, was sie die schiitische Achse oder den schiitischen Halbmond nennen. Diese haben ihren Ursprung im Iran und reichen über die Pro-Iranischen schiitischen Kräfte im Irak, die mit dem Iran verbündete syrische Regierung bis zur Hisbollah im Libanon.

Das ist es, warum sie Hisbollah für einen sehr wichtigen Feind halten – weil sie mit ihrer Konzeption der Welt, alles mit ihrer Obsession sehen, wen sie für ihren wichtigsten Feindstaat halten. Zur Zeit des Kalten Krieges pflegten sie alles auf der Welt im Rahmen ihrer Konfrontation mit der ehemaligen Sowjet-Union zu sehen. Jetzt sehen sie alles im Nahen Osten geprägt durch ihre Konfrontation mit dem Iran.

Außerdem hat Israel seine eigenen spezifischen Gründe, um Hisbollah loszuwerden, als jene Organisation, die die Hauptrolle dabei spielte, Israel zum Rückzug aus Libanon im Jahr 2000 zu zwingen. Hisbollah ist eine Organisation, die Israel alleine durch ihre Existenz dauernd herausfordert. Seitdem Israel den Libanon verließ, war es entschlossen, sich an Hisbollah zu rächen. Und wir sehen jetzt, dass Israel voll dabei ist, das umzusetzen, unter dem Vorwand der Scharmützel an der Grenze.

Die US-Regierung denunziert Hisbollah als eine Bande von Terroristen. Welche spielt diese Bewegung im Libanon tatsächlich?

Während der Jahre war die politische Entwicklung im Libanon durch eine Dynamik der einzelnen Gemeinschaften geprägt. So gibt es eine gewisse Identifizierung der Gemeinschaften mit dieser oder jener politischen Organisation. Hisbollah schaffte es, die Hauptkraft der schiitischen Gemeinschaft zu werden, die die größte Minderheit im Libanon ist, wo keine Glaubensgemeinschaft die Mehrheit ausmacht. Hisbollah konnte diese Rolle wegen einer Reihe von Gründen erringen. Der Hauptgrund ist die Rolle, die Hisbollah bei der Befreiung des Südlibanon von der israelischen Invasion spielte, wo die schiitische Gemeinschaft konzentriert lebt. Aber es gibt weitere Faktoren. Allgemein gesprochen müssen wir den zunehmenden Einfluss Hisbollahs im Kontext der letzten dreissig Jahre in der gesamten Region sehen. Das Scheitern der Linken und der Bankrott der nationalistischen Führungen hat ein Vakuum bei den Führungen von Massenbewegungen verursacht, das durch Organisationen mit einem fundamentalistischen islamischen Charakter gefüllt wurde.

Kannst Du darüber sprechen, wie der Angriff Israels auf den Libanon mit dem verstärkten Krieg gegen Palästinensern verbunden ist, seit Hamas die Kontrolle über die palästinensische Behörde gewann?

Es gibt mehrer Verknüpfungen. Es gibt auch Verbindungen, die zur Verschwörungstheorie Washingtons passen. Hamas und Hisbollah nehmen beide am gleichen regionalen Bündnis teil. Ein Teil der Führung von Hamas lebt im Exil in Syrien und sie unterhält sehr gute Beziehungen mit dem Iran. Teheran unterstützt Hamas: Als die neue palästinensische Regierung gewählt wurde und die westlichen Regierungen und Israel einen Boykott begannen, sprang der Iran als erstes Land mit Hilfeversprechungen ein, um den Boykott zu kompensieren.

Die andere Verbindung ergibt sich, weil der israelische Angriff auf Gaza für die gesamte Region so traumatisierend ist.

Was auch immer der ursprüngliche Beweggrund für Hisbollahs Operation zur Gefangennahme der beiden israelischen Soldaten war – ich erwähne das, weil Hassan Nasrallah, der Führer von Hisbollah sagte, dass die Planung Monate dauerte – als sie stattfand, wurde sie im gesamten Nahen Osten als legitime und notwendige Geste der Solidarität mit den Menschen in Gaza gesehen, die von Israel zerquetscht werden. Darum gab es viel Sympathie für die Aktion.

Wie jetzt im Libanon, benutzte Israel den Vorwand der Entführung eines Soldaten in Gaza, um die gesamte Bevölkerung in Gaza zur Geisel zu nehmen und eine Raserei der Zerstörung und des Mordens loszutreten, die sich in eine Reihe des schlimmsten Staats-Massenterrorismus, wie er in der Geschichte bekannt ist, einreiht.

<http://www.socialistworker.org/2006-2/596/596_08_GilbertAchcar.shtml>