Junge Welt 21.07.2006, Seite 8
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»Israel testet die Reaktion der Weltöffentlichkeit«
Tel Avivs Aggression ist auch eine Warnung an Iran. Ein Gespräch mit Magdi Gohary
Magdi Gohary ist Nahostexperte und Friedensaktivist. Er stammt aus Ägypten und lebt seit 49 Jahren in Deutschland
Sie sprechen am heutigen Freitag auf einer Kundgebung in München gegen die Angriffe Israels auf Gaza und den Libanon. Welche Ziele verfolgt Israel?
Es geht nicht um die gefangenen Soldaten. Letztlich ist auch die Ausschaltung der Hisbollah nur ein Nebenprodukt. Ich betrachte das, was augenblicklich in Gaza und Beirut passiert, als einen Test, verbunden mit einer Botschaft an Teheran. Die Iraner sollen wissen, daß Israel und die Amerikaner in der Lage sind, die Infrastruktur zu zerschlagen und ein Land um 20 Jahre zurückzubomben, wie es der israelische General Dan Halutz ausdrückte, ohne einen Soldaten hineinzuschicken. Das ist die Botschaft an die Mullahs, aber auch an die iranische Bevölkerung. Denn ohne Infrastruktur wie Strom, Wasser, Straßen und Brücken gibt es auch keine atomare Bewaffnung und Forschung.
Gleichzeitig testet man die Reaktion der Weltöffentlichkeit. Bush hat Olmert zwar grünes Licht für die Angriffe gegeben, aber nur für ein bis zwei Wochen. Bis jetzt will Bush allerdings von einem Waffenstillstand nichts wissen, weil das abschreckende Beispiel wirken soll. Es handelt sich also nicht um einen israelischen Alleingang, sondern um eine Kooperation auf allen Ebenen. Langfristig aber kommen die amerikanischen Interessen zur Geltung. Die Großmacht setzt sich immer durch, trotz allem Gerede von der zionistischen Lobby.
Warum ist es so merkwürdig ruhig in den arabischen Staaten?
Die Haltung der Regierungen sagt nichts über die tatsächliche Stimmung in diesen Ländern aus. Unter der Bevölkerung der arabischen Staaten, in Kairo, Damaskus, Rabat, sogar in Saudi-Arabien ist Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah heute der angesehenste Politiker. Daß der Protest auf der Straße begrenzt ist, ist keine Frage der Freiwilligkeit, denn es gibt repressive Maßnahmen gegen die Entfaltung der Protestbewegung. Man geht aus der Moschee raus und steht Tausenden Polizisten gegenüber. Die arabische Bevölkerung ist zudem total resigniert. Die Menschen bekommen ja alles, was im Irak passiert, jeden Tag über den Bildschirm mit. Da herrscht eine Übersättigung mit ungeheuerlichen Nachrichten. Doch das sagt absolut nichts aus über das Befinden der Seelen der Menschen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Wut und Ohnmacht dieser Menschen an anderer Stelle abreagieren kann.
Was wird dann passieren?
Eine Folgeerscheinung dieses Krieges werden Attacken auf Ölressourcen und -transportwege sein. Die arabischen und moslemischen Massen werden wahrscheinlich bald keinen anderen Ausweg sehen, als solche Einrichtungen anzugreifen. Und die NATO hat sich in ihrer Doktrin zur Sicherung der weltweiten Rohstoffressourcen und -transportwege verpflichtet.
Gilt die genannte Resignation auch für Deutschland, wo es erst sehr wenige Proteste der Friedensbewegung gab?
Die Friedensbewegung in Deutschland ist resigniert, weil sie in der irrigen Annahme war, den Irak-Krieg verhindern zu können. Doch vielleicht haben wir andere Katastrophen wie einen Krieg gegen Syrien verhindert, über den damals ganz offen gesprochen wurde. Dazu kommt natürlich das Reizwort Israel: Die Sicherheit des Landes wird als moralische Verpflichtung der Bundesregierung und der deutschen Bevölkerung gesehen. Wenn die israelische Politik kritisiert wird, ist immer die Angst vor der Keule des Antisemitismus da.
Während des Irak-Krieges haben auch arabische und islamische Migranten in Deutschland protestiert. Wie ist denn die Stimmung unter diesen Menschen heute?
Die meisten begnügen sich damit, ihren Alltag zu bewältigen und am Abend traurig Al Dschasira zu schauen und Horrormeldungen zu konsumieren. Der Druck auf die muslimischen Gemeinden ist enorm gewachsen. Heute steht jeder Moslem unter Generalverdacht, ein Terrorist zu sein, und nur Beckstein und Konsorten verhindern, daß diese genetisch bedingte Eigenschaft zur Geltung kommt. Auch aufgrund dieser Einschüchterung haben die Leute Angst, etwas zu machen.
Interview: Nick Brauns