Dieser Text ist der erste von zwei Artikeln zum Thema Geldschöpfung und Modern Monetary Theory (MMT). Wir erleben gegenwärtig eine Repolitisierung des Geldes. Die Modern Monetary Theory stellt alte Glaubenssätze über die Staatsverschuldung infrage. Sie weckt Hoffnungen über ein Ende der neoliberalen Hegemonie der Austeritätspolitik. Dies verschafft ihr in Zeiten multipler Krisen viele Anhänger:innen. Der erste Teil will den Leser:innen das Konzept der MMT näherbringen und dabei insbesondere erklären, wie Banken Geld schaffen und warum der Finanzmarkt die Staatsverschuldung sogar braucht. Der zweite Teil, welcher in der neuen antikap erscheint, widmet sich dann der Kritik an der MMT. Hier gehts zum zweiten Teil.
von Raphael Liebermann (BFS Zürich)
Was ist Geld?
Es gibt zwei Auffassungen darüber, was Geld ist und wie es entstanden ist. Die «materialistische» Auffassung nimmt an, dass Geld einen Wert enthält , und geht zudem davon aus, dass Geld aus der Notwendigkeit entstand, dass wir zum Tausch gezwungen sind 1. Denn als Einzelpersonen können wir nicht alles selbst herstellen, was wir für unser Leben brauchen. Geld ist in dieser Auffassung ein universelles, haltbares und teilbares Tauschmittel, welches einen bestimmten Wert enthält 2. Diese Beobachtung deckt sich auch mit unseren Alltagserfahrungen. Bei jedem Einkauf tauschen wir Geld gegen eine Warenmenge, die denselben Geldbetrag darstellt. Da Geld einen Wert enthält, muss dieser irgendwann durch menschliche Arbeit geschaffen worden sein. Es gibt dementsprechend auch immer eine maximale Geldmenge, weil die Produktion von Werten eine physische Grenze im weltweiten Gesamtprodukt hat. Im «materialistischen» Sinn ist Geld immer knapp. Auch das entspricht nur zu gut unseren Alltagserfahrungen.
Marx beschreibt Geld sogar als die perfekte Ware, da sie nur Tauschwert besitzt und gegen alle anderen Waren eingetauscht werden kann. Eine zweite Auffassung der sogennante Chartalismus (von Charta, gleichbedeutend mit Vertrag) widerspricht dem aber fundamental. Und zwar in dem Sinn, dass Geld anders als nach marxistischer Vorstellung selbst keinen Wert, also selbst auch keinen Tauschwert enthält, da Geld geschaffen werden kann, ohne Arbeit zu verrichten 3.
Die chartalistische Theorie lässt sich mit dem Ausspruch ihres Begründers Georg Friedrich Knapp zusammenfassen: «Das Geld ist ein Produkt der Rechtsordnung». Diese Theorie sieht den Ursprung des Geldes nicht in der Wirtschaft, sondern im Rechtswesen. Hier kommt der Staat ins Spiel. Er gibt das Geld als einen Steuergutschein heraus. Laut dem «Chartalismus» erzeugt der Staat, und nur dieser (Gewaltmonopol), eine Nachfrage nach der von ihm geschaffenen Währung, indem er Steuern in ebendieser Währung erhebt. Demzufolge ist es eine politische Entscheidung in der Hoheit des Staates, wieviel Währung er in Umlauf bringt und wieviel er durch Steuern wieder einzieht. Diese Theorie widerspricht dem, wie wir tagtäglich mit Geld umgehen. Denn laut der chartalistischen Theorie hat Geld keinen fixen Wert hat und seine Schöpfung bedarf keiner Anstrengung im Sinne von Arbeit. Geld ist prinzipiell immer genug da, wieviel genug ist und für was es ausgegeben wird, wird zu einer politischen Frage.
Geld gibt es auf der Bank
Nachdem wir nun Geld aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet haben, wenden wir uns der Geldschöpfung im modernen Kapitalismus zu. Geld entsteht zum einen auf der Bank. Jedes Mal wenn eine Bank einen Kredit vergibt, erschafft sie Geld. Dieses Geld existiert genauso lange, bis der Kredit plus Zinsen abbezahlt wurde. Alles Geld ist nur geliehen.
Banken sind kapitalistische Unternehmen und haben ein Profitinteresse. Zum einen erhält die Bank einen Profit, wenn der Kredit vollständig zurückgezahlt wird in der Form des Zinses. Es gibt jedoch eine weitere Art mit der Geldschöpfung Profite zu erzielen. Dazu müssen wir die Geldschöpfung noch einmal genauer betrachten. In dem Moment, in dem der Kredit vergeben wird, erzeugt die Bank doppelt Geld: Auf der einen Seite geht das Geld auf dem Konto der Schuldner:in in die kapitalistische Produktion ein, jenachdem werden Firmen finanziert, Löhne bezahlt, Waren gekauft.
Auf der anderen Seite erscheint der Kredit als ein Schuldtitel, als ein positiver Betrag in den Büchern der Bank. Diese Schuldtitel sind Buchgeld, sie sind das Anrecht auf die Rückzahlung des ausgeliehenen Geldes plus Zinsen. Die Bank kann diese Schuldtitel an andere Banken verkaufen und einen direkten Gewinn verbuchen. Zusätzlich ist sie das Risiko des Kreditausfalls los. Durch den Handel mit Schuldentiteln von Banken erhalten die Kredite einen spekulativen Wert. Der Handel und die Spekulation mit diesen Schuldtiteln ist die Basis des Finanzmarktes. (Anm. Auch Aktien sind nichts anderes als Schuldtitel von Firmen, welche Kredite aufgenommen haben.)
In dieser Art der Geldschöpfung ist ein exponentielles Wachstum der Geldmenge angelegt. Denn bei der Rückzahlung des Kredits wird mehr Geld vernichtet als in den Wirtschaftskreislauf hineingegeben wurde. Die Lösung ist die Flucht nach vorn, indem die Bank einen neuen grösseren Kredit vergibt. Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass die Menge der Schuldtitel kontinuierlich steigen muss, um die sich im Umlauf befindliche Geldmenge konstant zu halten.
Ausserdem zeigt sich, dass die kapitalistische Warenproduktion – die «Realwirtschaft» – und der Finanzmarkt durch die Kreditvergabe miteinander verbunden sind. Sie sind gewissermassen Spiegelbilder. Das, was an Schulden in der «Realwirtschaft» existiert, wird als Schuldtitel auf dem Finanzmarkt spekulativ gehandelt. Gleichzeitig benötigt die kapitalistische Realwirtschaft für ihr Wachstum eine steigende Geldmenge, welches die Banken in Form von Krediten bereitstellen. Diese schuldengetriebene Wachstumsdynamik funktioniert natürlich nur solange, die steigende Warenmenge auf eine steigende zahlungsfähige Nachfrage trifft. Ist dies nicht der Fall, sinkt die Profitrate und die Investitionen fallen aus. Das hat weitere Krisenerscheinungen zur Folge. Kapital wird vernichtet oder gehortet, bis die Profitabilität wiederhergestellt ist.
In der Krise sinkt die Nachfrage nach Krediten, gleichzeitig erhöht sich die Sparquote. Dies erzeugt zweifach Druck auf die Banken. Denn so wie ein Kredit eine positive Bilanz in den Büchern der Bank ist, ist eine Spareinlage eine negative. Durch eine Spareinlage «verschuldet» sich die Bank bei den Sparer:innen, da sie zur Rückzahlung plus Zinsen verplichtet ist. Dies macht eine Zahlungsunfähigkeit der Bank immer wahrscheinlicher. Bildlich gesprochen steht die Bank vor der Herausforderung einen löchrigen Eimer mit Wasser zu füllen.
Ein Ausweg aus dieser Lage ist es, die Sparzinsen zu senken. Dies ist seit Jahren zu beobachten. Niedrigere Zinsen verringern die Schulden, welche die Banken bei den Sparer:innen haben. Ausserdem setzt dies Anreize Geld zu investieren , statt zu sparen. Da das Geld in der Krise aus der Warenproduktion abfliesst, wird es bei der Senkung der Sparzinsen nur bedingt dahin zurückfliessen. Unter den Bedingungen sinkender Profitabilität und tiefer Zinsen muss ein Ausweg her. Der Ausweg ist, dass das Geld in den Finanzmarkt fliesst. Dies schiebt mehrere Krisenerscheinungen auf die lange Bank. Da nun aber mehr Geld nach einer Anlage sucht, steigen die Preise von Finanzprodukten.
Was an den Finanzmärkten passiert hat dabei reale und teils destabilisierende Effekte auf die Warenproduktion. Denn was gekauft und verkauft wird, ist prinzipiell irrelevant. Spekulation muss keinen Nutzen erfüllen, solange sie die Preise nach oben treibt, findet sich ein:e weitere:r Käufer:in. Es geht nur um die Profitmaximierung bzw. die Rettung sinkender Profitraten. In den letzten Jahren hat sich der Boden- und Immobilienmarkt als beliebtes Investitionsobjekt hervorgetan. Das Kapital kann auf der Angebots- und der Nachfrageseite auftauchen und sich so seinen eigenen «Markt» schaffen. Es kann gleichzeitig in Bauunternehmen investieren oder bereits bestehende Immobilien zu horrenden Preisen kaufen. Diese Dynamik sorgt für einen Boom im Bausektor und für eine Inflation der Mieten und Immobilienpreise. Diese Entwicklung wurde politisch begünstigt durch den Angriff auf die umlagefinanzierten Rentensysteme und die Förderung kapitalbasierter Pensionskassen. Dies verwandelt die Altersvorsorge in einen riesigen Haufen Geld, welcher investiert werden muss, um die Rendite zu erwirtschaften. Eine ausführliche Analyse der Rolle der Pensionskassen als Finanzmarktakteure wurde bereits auf sozialismus.ch veröffentlicht.
Um mehr Geld für die Finanzmärkte zu besorgen, müssen nicht nur Spareinlagen mobilisiert werden. Eine weitere Quelle von Geld ist natürlich der Kredit. Die Zentralbank ist die Bank der Banken. Sie ist die Institution, welche den Banken auf Knopfdruck erzeugtes Geld leiht. Seit der Finanzkrise 2008/2009 und der darauffolgenden Eurokrise, sind die Zinsen für Kredite an Banken nahe Null. Mit dieser Politik, dem sogennanten Quantitative Easing, versuchen die Zentralbanken die Geldmenge zu erhöhen und Investitionen anzuregen, um die Warenproduktion anzukurbeln. Da das Geld an die Banken verliehen wird, bestimmen die Profiterwartungen der einzelnen Banken darüber, wohin es anschliessend fliessen wird. So hat das QuantitativeEeasing die Industrienationen 2008/2009 nicht aus der Stagnation herausgeführt, sondern die Aktienkurse in ungekannte Höhen katapultiert.
Die Finanzmärkte sind aber keine Entartung, welche sich von der «normalen» «Realwirtschaft» unterscheidet. Vielmehr ist die kreditfinanzierte Finanzmarktspekulation die konsequente Fortführung der kapitalistischen Akkumulation, wie sie Marx beschrieben hat (G – W – G‘). Nur, dass hier die Hürden der Warenproduktion, der Logistik und des Verkaufs wegfallen (G – G‘). Die Finanzmärkte sind seit ihrer Entstehung massiv krisenanfällig. Da eine immer grössere Menge an Schuldtiteln und der darauf basierenden Wetten einer verhältnismässig immer kleineren Warenproduktion gegenübersteht. Wenn am Anfang noch von einem spiegelbildlichen Verhältnis der Warenproduktion und des Finanzmarktes ausgegangen wurde, muss dieses Bild also revidiert werden. Es gibt ein immer grösseres Ungleichgewicht zwischen der Warenproduktion und den Schuldtiteln, auf denen sie basiert.
Es wurde ein prinzipieller Weg aufgezeigt, mit denen Banken die Geldmenge erhöhen und wie dies mit der Profitlogik zusammenhängt. So stieg die Geldmenge im Zeitraum von 1980 bis 2020 um mehr als das Hundertfache an, das entspricht einer jährlichen Wachstumsrate von 12.2%, was weit höher ist als das Wachstum des globalen BIP. Die konservative Wirtschaftstheorie stösst hier offensichtlich an ihre Grenzen. Denn in der konservativen Vorstellung, muss das Geld erst in der Warenproduktion erwirtschaftet werden und von den Bankkund:innen auf ihre Sparbücher einbezahlt werden, bevor Banken das Geld anderen leihen können. Diese Theorie schafft es nicht, den zentralen Mechanismus des modernen Kapitalismus zu verstehen.
So wie das System der privaten Geldschöpfung beschrieben wurde, übersteigen zu jedem Zeitpunkt die Schulden das Geldvermögen. Und sobald es eine Krise gibt, stürzt das Kartenhaus in sich zusammen und die Bank bleibt auf einem Haufen Schulden sitzen. Doch wie fängt nach dem Platzen einer Blase alles wieder von vorne an? Es fehlt offensichtlich ein Gegenstück, welches dieses System auch durch Krisen trägt. Hier kommt der Staat, bzw. die Staatsverschuldung und damit die Modern Monetary Theory ins Spiel.
Fussnoten
1 Marx leitet im 1. Band des Kapitals zwar auch das Geld aus dem Tausch von gleichwertigen Waren her, aber gleichzeitig operiert er auch mit dem Begriff des «Fetisch». Marx meint mit dem Fetischbegriff, dass etwas verschleiert wird. In dem Fall, wird verschleiert, dass Geld an sich keinen Wert besitzt. Wert ist bei Marx nämlich ein soziales Verhältnis in einer auf Ausbeutung basierenden Tauschgesellschaft, dem Kapitalismus. Ohne diesen sozialen Rahmen verliert Geld seine Funktion. Geld hat also keinen ihm auf ewig innewohnenden Wert.
2 Bei Marx sind der Wert (also die zur Herstellung im Schnitt notwendige Arbeitszeit) und der Preis (der zum Kauf einer Ware notwendige Geldbetrag) nicht identisch. Marx beobachtet aber, dass Preise aus mehrerlei Gründen um einen gewissen Durchschnitt schwanken. Dieser Durchschnitt repräsentiert für Marx den objektiven Tauschwert der Ware. Siehe: Iorio 2012, S. 281- 283. Bei Robinson 1987, 90 – 97 findet sich jedoch, dass die Wirtschaftswissenschaft bisher keine endgültige Theorie hervorgebracht hat, welche die Höhe des Preises einer Ware zu jedem Zeitpunkt erklären könnte.
3 Das Bretton-Woods Systems welches unter anderem den Wert des US-Dollars mit hinterlegten Goldreserven garantierte endete nach mehreren Krisen im Jahr 1973. Da viele grössere Währungen vorher in einem festen Wechselkurs zum US-Dollar standen, endete auch ihre Goldsicherung.
Literatur
Robinson, J. 1987. Grundprobleme der Marxschen Ökonomie. Metropolis
original Robinson, J. 1966. Essays on Marxian Economics 2nd ed. MacMillan & Co. Ltd.
Sahr, A. 2017. Keystroke-Kapitalismus: Ungleichheit auf Knopfdruck. Hamburger Edition
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