Zürich ist eine Stadt von Mieter:innen. 90 Prozent der in Zürich wohnhaften Menschen wohnen zur Miete. Doch wie in vielen europäischen Grossstädten herrscht auch hier extreme Wohnungsnot. Eine Leerwohnungsziffer unter 0.5 Prozent gilt als kritisch – in Zürich liegt sie bei nur 0.07 Prozent (Stand 2023). Nicht erfasst sind Wohnungen, die nicht auf dem Markt gehandelt werden und als Spekulationsobjekte dienen.
von BFS Zürich
Verdrängung durch Sanierung und Neubauten
Diese Knappheit ermöglicht es Immobilienfirmen und privaten Vermieter:innen die Mietpreise nach ihrem Gusto in die Höhe zu treiben. Sie nutzen u.a. „Luxussanierungen“, um die Mieten massiv zu erhöhen. Besonders einkommensschwächere Haushalte können sich keine Wohnung mehr in den Stadtquartieren leisten und werden verdrängt. Zwar ist der soziale Wohnungsbau gewachsen, doch nicht in ausreichendem Masse: In den letzten zehn Jahren entstanden ca. 5’800 neue Wohnungen im Eigentum der Stadt Zürich sowie von Wohnbaugenossenschaften, während Immobilienfirmen ihren Wohnungsbestand um rund 20’000 erhöhten (bei einer Abnahme von ca. 9’000 Wohnungen in Besitz von Privatpersonen). Die Mietkosten bei privaten Vermieter:innen sind gegenüber gemeinnützigen Träger:innen bei Bestandesmieten zwischen 60 und 80 Prozent höher und bei Neubauten bzw. Neuvermietungen sogar mehr als doppelt so hoch.
Die Anzahl Wohnungen in der Stadt Zürich nimmt also insgesamt zu – im Kontext einer Wohnungskrise auf den ersten Blick eine erfreuliche Entwicklung. Dass aber mehr Bauen zu mehr bezahlbaren Wohnungen führt, ist und bleibt ein Mythos. Gerade erschwingliche Wohnungen werden abgerissen und die Neubauten teurer vermietet. Dabei werden besonders vulnerable Bewohner:innen aus ihren Städten und angestammten Quartieren verdrängt.
Ökologisch bauen?
Die Notwendigkeit einer ökologischen Erneuerung wird von bürgerlicher Seite nicht selten als Rechtfertigung für sanierungs- und neubaubedingten Verdrängungen genutzt. Allerdings zeigt sich hier, gerade im Bezug auf Neubauten, ein Trugschluss. Obwohl sie im Vergleich zu sanierten Altbauten als energieeffizienter gelten, sind Neubauten in vielen Fällen – zumindest mittelfristig – weniger nachhaltig. Grund dafür ist die «graue Energie», also die Gesamtmenge an Energie für die Produktion, den Transport und die Entsorgung von Baumaterialien. So erzeugen Abriss und Neubau durchschnittlich ca. 50 Prozent mehr CO2 als eine Sanierung. Bis diese Mehrenergie durch die energieeffizientere Nutzung ausgeglichen ist, vergehen Jahrzehnte. Dennoch werden viele sanierungsfähige Bauten aus den 1950er bis 1970er Jahren abgerissen, da ein Ersatzneubau wirtschaftlich profitabler ist.
Ein zentraler Faktor der ökologischen Erneuerung sind Heizsysteme. In der Stadt Zürich (und in der gesamten Schweiz) wird noch immer hauptsächlich mit Erdgas und Heizöl geheizt. Seit dem Inkrafttreten des kantonalen Energiegesetzes im September 2022 sollen bei Renovierungen und Neubauten (bis auf bewilligungspflichtige Ausnahmen) nur noch Heizungssysteme installiert werden, die als erneuerbar gelten: Wärmepumpen, Fernwärmeanschlüsse und Holzheizungen. Obwohl dies ökologisch begrüssenswert ist, stellen solche Renovierungen für Vermieter:innen immer eine Möglichkeit dar, den Gewinn weiter zu steigern. Die Kosten der Erneuerung werden nämlich meist zu überhöhten Sätzen an die Mieter:innen abgewälzt.
Soziale und ökologische Forderungen gehören zusammen
Unabhängig davon, ob es sich um energetische Sanierungen, den Ausbau von erneuerbaren Heizungen oder um Neubauten handelt: In einem profitorientierten und dermassen gesättigten Wohnungsmarkt werden diese ökologischen Erneuerungen immer für eine maximale Mietzinserhöhung genutzt und führen somit zu Verdrängung.
Es zeigt sich einmal mehr, dass ökologische und soziale Forderungen, auch in Bezug auf die Wohnungsfrage, nicht voneinander getrennt werden können. Nur eine Überwindung des privaten Wohnbaueigentums ermöglicht einen wahrhaftig öko-soziale Ausweg. Deshalb fordern wir:
- Einen Ausbau des sozialen Wohnungsbaus in allen Städten.
- Flächendeckende ökologische Sanierungen voll auf Kosten der Eigentümer:innen.
- Ein Stopp der Abwälzungen der Kosten auf die Mieterschaft und die Einführung eines Mietendeckels.
Wenn der Wohnungsmarkt weiterhin mehrheitlich in privater Hand ist, lassen sich all diese Forderungen allerdings kaum umsetzen. Nur die Enteignung privater Immobilieneigentümer:innen, allen voran bspw. Swiss Life oder die UBS, und Überführung in die öffentliche Hand macht die Umsetzung dieser Forderungen überhaupt möglich.