Menu Schließen

Migration: Papierlos in Zeiten von Corona

Die Corona-Pandemie war und ist für viele Menschen mit sozialer Isolation, finanziellen Problemen und grossen Zukunftsängsten verbunden. Für die mehr als 76’000 Menschen, die ohne geregelten Aufenthalt in der Schweiz leben, ist die Situation noch herausfordernder. Die folgenden Ausführungen basieren auf Interviews, die ich im Rahmen meiner Maturaarbeit mit Hausarbeiterinnen ohne gültige Aufenthaltsbewilligung geführt habe. Sie zeigen nicht nur auf, dass prekarisierte Menschen unsere politische Solidarität brauchen, sondern auch, wie viel Arbeit illegalisierte Menschen trotz widrigster Umstände täglich für unsere Gesellschaft leisten.

von Mathilde Beige (BFS Basel)

Ungefähr 1% der Menschen in der Schweiz leben und arbeiten ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Weit über 80 Prozent sind erwerbstätig und leisten beispielsweise wichtige Betreuungs- und Pflegearbeit. Sans-Papiers arbeiten häufig in der Bauwirtschaft, im Gastrobereich sowie als Pfleger:innen und Reinigungskräfte in Privathaushalten. Vor allem im Bereich der Hauswirtschaft sind fast ausschliesslich Frauen tätig.

Menschen können auf mehrere Arten illegalisiert werden. Viele reisen als Touristen:innen in die Schweiz ein und werden nach drei Monaten zu Sans-Papiers, ohne je einen geregelten Aufenthaltsstatus besessen zu haben. Es gibt auch den Fall der Entziehung einer Aufenthaltsbewilligung bei längerer Arbeitslosigkeit oder «zu langem» Sozialhilfebezug. Auch abgewiesene Asylsuchende, welche nach einem Negativ-Entscheid in der Schweiz verbleiben, werden zu Sans-Papiers.

Die grössten Herausforderungen im Alltag

Sans-Papiers befinden sich aufgrund ihres irregulären Aufenthaltes in einer äusserst prekären Lage. Eine der Hauptstressfaktoren ist die ständige Angst vor Polizeikontrollen:

„Ich habe jede Sekunde Angst, in eine Kontrolle zu kommen. Jede Sekunde!“

Auf Grund dieser Angst vermeiden viele Sans-Papiers die Öffentlichkeit und verlassen ihre Wohnung nur, wenn es unbedingt sein muss. Was für Menschen mit geregeltem Aufenthalt selbstverständlich ist, bleibt vielen Sans-Papiers verwehrt:

„Ich habe Sehnsucht, am Rhein sitzen zu können und einfach auf das Wasser zu schauen.“

Auch auf dem Arbeitsmarkt sind Sans-Papiers massiv benachteiligt und haben oft Mühe, eine Stelle zu finden und so ihre Existenz zu sichern. Kommt hinzu, dass illegalisierte Menschen in vielen Lebenssituationen von Drittpersonen abhängig sind. Denn offiziell können sie weder eine Wohnung mieten noch ein Bankkonto eröffnen. Das Leben in prekären Lebensverhältnissen führt zu Gefühlen von Machtlosigkeit und psychischem Stress im Alltag, was wiederum oft gesundheitliche Konsequenzen hat.

Rechtlosigkeit

Sans-Papiers befinden sich in einer äusserst schwierigen Rechtslage. Als illegalisierte Menschen verstossen sie alleine schon durch ihre Anwesenheit in der Schweiz gegen das Gesetz. Bezüglich der Grundrechte von Sans-Papiers stehen sich zwei auseinandergehende Interessen gegenüber: die grundlegenden Menschenrechte einerseits, das Ausländerrecht andererseits. Obwohl Sans-Papiers theoretisch die gleichen Grundrechte wie jede:r andere haben, riskieren sie bei der Einforderung dieser Rechte den Verweis an die Fremdenpolizei und eine anschliessende Ausschaffung. So ist es schwierig, juristisch gegen Rechtsverletzungen vorzugehen. Diese Rechtlosigkeit hat für sie auch als Lohnabhängige gravierende Konsequenzen: Einerseits sind sie auf ein Erwerbseinkommen angewiesen, andererseits können sie sich kaum gegen ausbeuterische und willkürliche Arbeitsverhältnisse zur Wehr setzen:

„Ich muss schweigen und arbeiten. Ich fühle mich wie in einer niedrigen Klasse.“

sagte mir dazu eine Interviewpartnerin. Ebendiese Verhältnisse wurden vielen Sans-Papiers während der Coronakrise zusätzlich zum Verhängnis.

Die Corona-Pandemie

Viele Sans-Papiers haben während der Corona-Pandemie ihre Lohnarbeit ganz oder teilweise verloren. In vielen Fällen führten Lockdown und Homeoffice dazu, dass ihre bisherigen «Arbeitgeber:innen» die Haushalts- und Pflegearbeit zuhause selbst verrichteten und ihre Angestellten entliessen. In der Gastronomie oder auf dem Bau fiel die Arbeit oft gänzlich weg, Lohnfortzahlungen wurden in der Regel nicht geleistet. Da sich Sans-Papiers weder an die Arbeitslosenversicherung noch an sonstige staatliche Stellen wenden können, führte der Einkommensunterbruch oder -rückgang oft zu unmittelbarer finanzieller und existenzieller Not. Viele Sans-Papiers leben aufgrund ihres ohnehin schon kleinen Einkommens in sehr engen Wohnverhältnissen. Vier oder fünf Personen in einer Zweizimmerwohnung sind keine Seltenheit. Mit dem Verlust der Erwerbsarbeit, #stayathome und dem Rückgang des öffentlichen Lebens wurden diese Wohnverhältnisse für viele eine zusätzliche Belastungsprobe. Auch die Angst vor einer Covid-19-Erkrankung war und ist für viele eine enorme psychische Belastung. Denn nicht nur die Krankheit und damit zusammenhängende Kosten (die wenigsten sind krankenversichert) sind für Sans-Papiers ein Grund, das Virus zu fürchten, sondern auch die Notwendigkeit, «unsichtbar» zu bleiben. Im Falle eines Spitalaufenthaltes fürchten sie, den Behörden gemeldet zu werden und so ihre Existenz zu verlieren.

Die physische Gesundheit ist allerdings nicht das einzige Problem, auch die psychische Gesundheit vieler Sans-Papiers wird während der Krise zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Existenzielle Not, Ungewissheit über die eigene Zukunft und Lebensperspektiven, die Angst vor Corona, die erhöhte Polizeipräsenz auf den Strassen und die zunehmende soziale Isolation – all diese Faktoren führen bei vielen Sans-Papiers zu psychischen Erkrankungen. Die Corona-Pandemie zeigt nochmals deutlich auf, wie prekär die Lebenssituation von Sans-Papiers ist.

In einem offenen Brief forderten die Sans-Papiers-Kollektive Basel die Bevölkerung dazu auf, sich zu solidarisieren:

„Wir putzen Wohnungen und tätigen Einkäufe, damit andere mehr arbeiten oder Zeit für sich haben können. Wir passen auf Kinder auf, damit sie nicht alleine sind. Wir pflegen ältere Personen, damit sie betreut sind. (…) Die Coronakrise zeigt noch einmal auf, dass wir uns alle gegenseitig unterstützen müssen. (…) Wir rufen Euch alle dazu auf, uns dabei zu unterstützen, eine Regularisierung zu erreichen. Die Sans-Papiers-Frage ist eine, die uns alle betrifft.“


Die Isolation durchbrechen

Auf politischer Ebene ist die kollektive Regularisierung aller Sans-Papiers die einzige Möglichkeit, um die Lebensverhältnisse illegalisierter Menschen schnell und wirksam zu verbessern. Gleiche Rechte für alle Menschen sind eine Grundvoraussetzung für weitere Kämpfe.

Gerade weil die politischen Kräfteverhältnisse derzeit für solche Projekte ungünstig sind, lässt sich Solidarität und Unterstützung aber auch im Rahmen kleinerer Projekte umsetzen. «Zämme Vo Überall» ist ein Deutschkurs-Projekt in Basel, das im Oktober 2019 entstanden ist und zum Ziel hat, Migrant:innen mit wenigen Deutschkenntnissen mit deutschsprachigen Menschen zusammenzubringen. Im Rahmen wöchentlich stattfindender Deutschkurse organisieren wir Lerneinheiten, Diskussionen und Lernhilfen. Obgleich mangelnde Deutschkenntnisse in vielen Fällen nicht das Hauptproblem für migrierte Menschen darstellen, ist das Projekt wertvoll, um sich zu vernetzen, die Isolation zu durchbrechen und voneinander zu lernen.

Wenn du «Zämme Vo Überall» unterstützen möchtest, freuen wir uns über deine Nachricht:

ZaemmeVoUeberall@gmail.com

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert