Die Funktionsweise der Finanzkrise
Die Finanzkrise mag wegen ihrer Komplexität auf Anhieb verwirren, aber trotzdem lassen sich die grundlegenden Mechanismen herausarbeiten. Ausgangspunkt ist das Vorhandensein riesigerMengen „überschüsigen“ Kapitals auf der Suche nach maximaler Rendite. In regelmäßigen Abständen erschließt sich dieses Kapital neue lukrative Märkte und löst eine Anlageeuphorie aus, die nach dem Prinzip der Self- Fulfilling Prophecy funktioniert: Indem es sich auf den vermeintlich profitabelsten Sektor stürzt, treibt es dort den Preis nach oben und rechtfertigt somit die Anfangseuphorie. Die Warnungen derer, die darauf verweisen, dass die Finanzmärkte nicht in den Himmel wachsen können, werden abgetan, da ja alles reibungslos verläuft.
Graphik 1 gibt eine Übersicht über die zeitlichen Eckdaten: die Börsencrashs 1987 und 1990 am Vorabend des Ersten Golfkriegs; der Boom der New Economy ab Mitte der 90er Jahre, der zu einem wahren Börsenrausch führt; die Krise in Südostasien und Russland sowie die Pleite des US-Hedgefonds LTCM bringen 1998 die Blase nur vo- rübergehend zum Abschwellen und erst 2000 kommt es zum richtigen Börsenbeben; zwei Jahre später dann die erneute Flucht nach vorn und schließlich die subprime-Krise im Juli 2007.

Die subprime-Krise hat ein relativ überschaubares Marktsegment betroffen, nämlich die Hypothekendarlehen an einkommensschwache Haushalte. In Wirklichkeit waren diese Verträge Schwindel, weil die Banken davon ausgehen konnten, dass die Darlehen nicht zurückgezahlt würden. Aber durch die Verbriefung und den Verkauf der Ansprüche konnten sie sich ihrer entledigen. Mit dem Umschwung auf dem Im- mobiliensektor kamen die ersten Privatkonkurse: ein Verkauf der Häuser, auf denen die faulen Hypothekendarlehen lasteten, war nicht mehr möglich oder nur zu einem Preis, der noch unter dem Anfangskredit lag. Die Immobilienkrise löste eine Kettenreaktion aus: eine Bank nach der anderen bemerkte ihre Verluste und bekam zunehmende Probleme, neue Finanzquellen zu erschließen, um diese Verluste zu decken. Um zu verhindern, dass sich die Banken gegenseitig mit in den Abgrund reißen, pumpten die Regierungen und Zentralbanken Geld in das System oder„verstaatlichten“ sie zum Teil.
Von der Finanzssphäre zur Realwirtschaft
Jedes Geldvermögen hat einen bestimmten Wert. Wenn ich eine Million Aktien besitze, deren Kurs bei 100€ liegt, beträgt mein Reichtum 100 Millionen Euro. Wenn sich der Kurs meiner Aktien verdoppelt, verdoppelt sich auch mein Reichtum; wenn er um die Hälfte sinkt, verliere ich 50 Millionen Euro. Diese Zahlen spiegeln jedoch nur den fiktiven Wert meines Geldvermögens wider. Die Gewinne oder Verluste werden erst dann real, wenn ich versuche meine Aktien zu veräußern, um mir etwas Konkretes zu leisten, etwa ein Haus. Die Börsenkapitalisierung, also der Gesamtwert der Aktien an sich ist fiktiv. Die Finanzmärkte sind vorwiegend Nebenmärkte, auf denen man bspw. Vivendi-Aktien verkauft, um France Télécom-Aktien zu kaufen. Der Kurs dieser Aktien kann entlang von Angebot und Nachfrage schwanken, aber diese Transaktionen sind selbst genau so fiktiv wie der Kurs, zu dem sie sich vollziehen. Man könnte den Preis dafür auch vertausendfachen, als wäre es eine besondere Art von Geld, die mit dem richtigen nichts zu tun hat. Genau so könnte man sich ein Wirtschaftssystem vorstellen, in dem jeder Mensch Aktienmilliardär wäre, vorausgesetzt natürlich, er würde sie nicht verkaufen. Wir hätten es also mit einer Realwirtschaft zu tun, die ihren üblichen ruhigen Gang geht, und mit einer Finanzsphäre, die sich exponentiell aufbläht.
Die ökonomische Basis der Finanzmärkte


Der zweite von der Finanzsphäre ausgehende Effekt besteht in einer Verwischung der Grenzen zwischen Löhnen und Kapitalrenditen: ein wachsender Einkommensbestandteil der Lohnabhängigen erfolgt in Form von Entgelten, die sich eher als Verteilung von Mehrwert denn als tatsächlicher Lohn darstellen. Als letztes – und dies trifft vorwiegend auf die USA zu – ermöglicht die Geldwirtschaft eine galoppierende Verschuldung der Haushalte, deren Konsum wächst, ohne dass die Löhne steigen, aber die Sparquote sinkt.
Das Überspringen auf die Realwirtschaft
- Die Kreditklemme spielt eine wichtige Rolle bei der Ausbreitung der Finanzkrise, da die unter ihren Verlusten leidenden Banken sich nicht refinanzieren können. Diese Einschränkungen betreffen aber auch das Konsumverhalten und die Inve- stitionsneigung der Unternehmen. Besonders ausgeprägt wird dieser Effekt in den USA und Großbritannien sein, wo der Konsum der Privathaushalte auf Verschuldung beruht.
- Die Börsenbaisse entwertet das Finanz- und Immobilienvermögen der Haushalte (s. Graphik 1) und bremst ihren Konsum. Dies ist der so genannte Vermögenseffekt.
- Die allgemeine Verunsicherung –der„Vertrauensverlust“–lastet auf Konsum- und Investitionsklima.
- Die Immobilienkrise trägt als solche zum allgemeinen Abflauen der Wirt- schaftskonjunktur bei.
- Die erheblichen Summen, die für die verschiedenen Rettungspakete ausgegeben werden, haben einen Rückgang der öffentlichen Ausgaben oder eine Steuererhöhung zur Folge.
- Die Konjunkturabschwächung erreicht über Handel und Investitionen die gesamte Weltwirtschaft.
All diese Mechanismen sind gegenwärtig wirksam, zusammen mit anderen Aspekten der Krise (Erdöl etc.), und führen zu einer Ausweitung über die Finanzsphäre hinaus. Insofern gibt es keine hermetische Abschottung zwischen Finanzwirtschaft und Realökonomie, da schließlich der Finanzsektor ein Kernpunkt des neoliberalen Kapitalismus ist.
Wohin führt die Krise?
Die weitere Entwicklung der USWirtschaft wird weltweite Auswirkungen haben. Eine wesentliche Stellschraube ist dabei der Dollarkurs, der weiter fallen dürfte, weil die USA dadurch ihren Export anschieben und ihr Handelsdefizit abbauen können. Außerdem würde sich die Staatsverschuldung dadurch faktisch verringern. Zugleich dürfte damit die Rezession auf ganz Europa übergreifen, da dies eine empfindliche Aufwertung des Euro zur Folge haben wird. Eine Abwertung des Dollars oder auch der Verbleib auf gegenwärtigem Niveau wirft auch die Frage auf, ob der Kapitalzufluss in die USA weiterhin bestehen bleibt. Irgendwann werden die Schwellenländer und die Ölexportnationen abgeschreckt werden, weil die Renditen nicht ausreichen und die Risiken zu hoch erscheinen. Andererseits haben sie wenig Interesse an einem schwachen Dollar, weil dadurch die von ihnen in den USA getätigten Anlagen entwertet werden.
Auch ein weiterer Faktor muss in Rechnung gestellt werden: Wenn die US- Wirtschaft dauerhaft schwächelt, geht den Schwellenländer ein wichtiger Absatzmarkt verloren und sie werden gezwungen sein, die Nachfrage auf dem Binnenmarkt anzukurbeln. Auch wenn es nicht einfach ist, diese Faktoren, die sich unterschiedlich schnell entwickeln, zu gewichten, sind zwei Prognosen dennoch möglich:
- Die Zeit um die Krise zu überwinden wird abhängig sein vom Umfang der Geldmengen, die für die Rettung des Finanzsektors aufgewendet werden. Am wahrscheinlichsten ist ein Szenario wie damals in Japan, wonach es mehrere Jahre dauern wird, um die Summen aufzubringen, die jetzt verschlungen werden, die weit jenseits der Dimensionen der früheren Finanzkrisen liegen. Wenn keine alternativen Maßnahmen erzwungen werden, wird sich der Kapitalismus – wenigstens in den Metropolen –auf ein geringeres Wachstum und soziale Einschnitte einstellen müssen. Die wirtschaftliche Rezession ist bereits angekommen und die maßgeblichen Sektoren, wie die Automobilindustrie, stecken schon mitten in der Krise.
- Die Bewältigung der Krise wird einhergehen mit heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Hauptakteuren der Wirtschaft, die die Auswirkungen möglichst auf die anderen abwälzen wollen. Sozialpolitisch bedeutet dies, dass das Kapital verschärften Druck auf Löhne und Sozialausgaben ausüben wird. Auf internationaler Ebene wird sich der Handels- und Wirtschaftskrieg zwischen den Metropolen weiter zuspitzen und tendenziell zu einer Aufspaltung der Weltwirtschaft führen, zumal„die USA ihre Position als Supermacht auf dem Weltfinanzmarkt verlieren werden“,wie es der deutsche Finanzminister ausdrückt.
Die europäischen Dogmen auf dem Prüfstand
Die Auswirkungen auf die Arbeiterklasse
Die Lohnabhängigen sind doppelt unter Beschuss: zum einen direkt, weil die Unternehmer ihre finanziellen Verluste durch noch striktere Lohnstopps ausgleichen wollen, wobei ihnen die drohende Inflation oder der Erdölpreis als Argument gereichen und sie die allgemeine Verunsicherung ausnutzen. Zum anderen gibt es die indirekten Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft, die in erheblichem Umfang Pleiten und Entlassungen nach sich ziehen werden. Die Vernichtung von Ar- beitsplätzen hat in den USA oder Frankreich bereits begonnen. Außerdem werden die ArbeiterInnen als erste von den Kürzungen der Sozialausgaben betroffen sein, mit denen die Rettungspakete gegenfinanziert werden sollen.
Abschaffung der Finanzindustrie und soziale Sicherung
Trotzdem bedeutet dies nicht automatisch, dass durch die Krise alternative Lösungen begünstigt würden. Die neoliberalen Konvertiten salbadern nur und legen immer wieder neue Rettungsvorschläge auf Basis des bestehenden Systems auf: mehr Transparenz, bessere Bankenaufsicht, Trennung von Geschäfts- und Investmentbanking, Ausweitung der Bilanzpflicht auf die verbrieften Schuldtitel, Begrenzung der Managergehälter, Rating, Reform des Aufsichtswesens etc.
Es geht darum,„den Kapitalismus vor den Kapitalisten zu retten“, wie ein Analytiker meinte. Die o. g. Vorschläge graben der sozialliberalen Linken das Wasser ab, da es ihrem Programm entnommen zu sein scheint. Eigentlich ist es das absolute Minimum und lenkt im Grunde von den wahren Erfordernissen ab. Sicherlich sind einige der Forderungen unterstützenswert, wie etwa das Verbot von Steuerparadiesen, aber es wäre naiv, ausgerechnet den Finanzaufsichtsbehörden oder den Regierungen die Umsetzung zu überlassen. Vielmehr müssen diese Maßnahmen in einen umfassenderen Forderungskatalog eingebunden werden, der an die Wurzeln des Finanzkapitalismus reicht und die sozialen Probleme in den Vordergrund rückt. Denn letztendlich –um es noch einmal zu sagen – beruht der Finanzkapitalismus auf der bewussten Vernachlässigung der sozialen Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit. Insofern kann man die Finanzblase nicht ein für alle Mal zum Platzen bringen, ohne den Hahn abzudrehen, aus dem sie sich speist.
Der zweite Punkt wäre die soziale Sicherung, damit die staatlichen Beihilfen nicht wieder auf eine steuerliche Bevorzugung der Reichen hinauslaufen. Vielmehr müssen die Lohnabhängigen vor den Folgen der Krise geschützt werden, da ihnen dafür in keinem Fall auch nur der Funken von Verantwortung angelastet werden kann. Gleichzeitig müssen Maßnahmen propagiert werden, die auf eine andere Verteilung der Einkünfte hinauslaufen und argumentativ dem Bestreben nach sozialer Gerechtigkeit entsprechen. Es muss verhindert werden, dass die Unternehmen weiterhin riesige Dividenden an ihre Aktionäre ausschütten und zugleich Leute entlassen oder Stellen abbauen und die Löhne blockieren. Zur Verdeutlichung sei als Beispiel Frankreich genannt, wo die Nettodividenden 12,4 % der gesamten Lohnsumme entsprechen (2007), während 1982 das Verhältnis noch bei 4,4 % lag.
Die Krise bietet somit die Gelegenheit, dieses Missverhältnis wieder zu beseitigen. Statt die Löhne einzufrieren müssen jetzt die Dividenden eingefroren und in einen Ausgleichsfonds gesteckt werden, der unter der Kontrolle der Beschäftigten steht und der anderweitigen Verwendung dient. Beispielsweise könnten diese Summen darauf verwandt werden, den Entlassenen ihr bisheriges Einkommen zu sichern (Das Verbot von Dividenden würde also das Verbot von Entlasssungen finanzieren) und die Sozialversicherung, den Sozialhaushalt und die öffentlichen Ausgaben zu finanzieren. Über die Aufteilung muss demokratisch entschieden werden. Eine weitere Maßnahme wäre die Sicherung der Kaufkraft der Lohnabhängigen, indem den Unternehmen, die sich verweigern, die öffentlichen Beihilfen entsprechend gekürzt werden. Nur mit solchen Maßnahmen ließe sich erreichen, dass diejenigen bezahlen, die die Krise zu verantworten haben, und zugleich wäre eine Basis für eine bessere Verteilung der Reichtümer geschaffen. Die Summen, um die es dabei geht, liegen bei 90 Milliarden Euro –entsprechend 5 % des französischen BIP, was exakt dem Verhältnis der 700 Milliarden Dollar des Paulson-Pakets zum US-amerikanischen BIP entspricht.
Aus: INPREKORR Nr. 444/445 November/Dezember 2008