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«Ohne uns gibt es Smood gar nicht»

Am 2. November 2021 begann in Yverdon-les-Bains der Streik der Beschäftigten von Smood, der sich rasch auch in anderen Städten ausbreitete. Die Kurier:innen prangern die Prekarisierung an, die bis zum Äussersten geht. Renan und Kader arbeiten Vollzeit für das auf Essenslieferungen spezialisierte Unternehmen. Ein Interview mit den beiden Streikenden.

Interview von Guy Zurkinden; aus ssp-vpod.ch

Unter welchen Bedingungen arbeitet ihr?

Renan: In Yverdon-les-Bains sind wir direkt bei Smood angestellt. In der Stunde verdienen 19 Franken brutto. Fahrzeuge, Telefone, Arbeitskleidung – wir bezahlen alles aus unserer eigenen Tasche. 90 % der Mitarbeiter:innen liefern die Bestellungen mit ihrem eigenen Fahrzeug aus. Für die Fahrten gewährt das Unternehmen den Nutzer:innen ihrer Privatfahrzeuge eine Aufwandsentschädigung von 2 Franken pro geleisteter Stunde. Das ist oft weniger als das, was wir für Benzin ausgeben. Im September habe ich 3’600 Franken für 200 Arbeitsstunden bekommen. Davon habe ich 600 Franken für Benzin ausgegeben. Bei Smood wird die Prekarisierung bis zum Äussersten getrieben.

Kader: Der Grossteil unserer Kolleg:innen – in Genf, Lausanne, an der Riviera und wahrscheinlich auch im Rest der Schweiz – haben einen anderen Anstellungsstatus als wir. Sie sind bei der Temporäragentur Simple Pay angestellt, gegründet von einer ehemaligen Managerin von Smood. Sie werden nicht pro Stunde, sondern pro Arbeitsauftrag bezahlt. Wenn ein:e Lohnangestellte:r von 18 bis 22 Uhr eingeteilt ist, aber keine Aufträge erhält, wird sie:er weder bezahlt noch entschädigt!

Die Angestellten bei Smood haben weder einen eigentlichen Arbeitsraum noch ein Warenlager. Oft kennen sich die Kurier:innen gar nicht untereinander. So erfahren wir erst nach und nach, im Verlauf der Ausbreitung des Streiks, von den Arbeitsbedingungen unserer Kolleg:innen in anderen Städten. Es gibt unterschiedliche Beschäftigungsverhältnisse, Lohnabhängige, die diese Tätigkeit als Nebentätigkeit ausüben, und wieder andere, in Vollzeit. Aber die Probleme bleiben überall die gleichen.

Durch den Streik wächst die Solidarität unter den Smood-Kurier:innen.

Was sind die Probleme, die euch zum Streik gedrängt haben?

Renan: Die Gründe sind zahlreich. Da ist zuallererst einmal die Tatsache, dass wir alle Arbeitsmittel, die wir für unsere Arbeit benötigen, aus der eigenen Tasche bezahlen müssen, was gegen das Gesetz ist. Dann werden zudem Arbeitsstunden nicht ausbezahlt – im letzten Monat wurden mir 48 Stunden nicht bezahlt. Es gibt auch Trinkgelder, die in einen gemeinsamen Topf eingezahlt und dann ohne Kontrollmöglichkeit nach Kriterien der „Effizienz“ oder „Schnelligkeit“ verteilt werden, wie uns unser Manager erklärt hat. Man hat auch gar keine Kontrolle über die Ferienabzüge. Und in der Nacht, an Sonn- und Feiertagen geleistete Arbeitsstunden werden nicht nach der gesetzlich vorgeschriebenen Mindesthöhe bezahlt.

Nach und nach ist uns aufgefallen, dass wir alle die gleichen Probleme haben. Wir sprachen das Management von Smood an, das uns antwortete, dass die unbezahlten Stunden die Folge eines Computer-„Fehlers“ seien. Bzw. sie gaben schon im Vormonat einen Computerfehler als Grund für die Nichtauszahlung von Trinkgeldern an.

Der Tropfen, der das Fass schliesslich zum Überlaufen brachte, war die Entscheidung des Managements, die Arbeitsplanung zu ändern.

Was war das für eine Änderung?

Kader: Wir arbeiten nach einem System von Zeitfenstern, sogenannten „Shifts“. Bis September dauerten diese Zeitfenster von 10 bis 17 Uhr, mit einer Mindestdauer von drei Stunden. Sie wurden einen Monat im Voraus geplant. Es gab Spitzenbelastungszeiten und dann wieder ruhige Zeiten. Im September reduzierte Smood diese Zeitfenster auf die Stosszeiten um den Mittag und am Abend auf zwei Stunden und 15 Minuten. Wir können uns anmelden, um nach den Vorschlägen der App zu arbeiten. Das entspricht fünf Stunden Stunden Arbeit am Tag, maximal. Als Folge müssen wir 7 Tage die Woche arbeiten, um einen ausreichenden Lohn zu erreichen.

Renan: Jeden Tag um 4 Uhr morgens schicken uns die Manager Vorschläge für unsere Arbeitszeiten. Wir wachen auf, nehmen unsere „Shifts“ und versuchen dann, wieder einzuschlafen. Alle werden zueinander in Konkurrenz gesetzt. Einige bekommen mehr Stunden, andere haben ihre Stunden sinken sehen. Dieses System bringt uns in eine totale Abhängigkeit zum Unternehmen. Es zerstört unser Privat- und Sozialleben. Es gibt gar keine Garantie für unser Gehalt. Das ist Uberisierung bis auf ihre Spitze getrieben, eine totale Verachtung der Angestellten. Mehrere dutzend Kolleg:innen haben gekündigt, weil sie am Anschlag waren.

Was verlangt ihr vom Management?

Kader: Wir fordern gleiche Lösungen für alle: einen Stundenlohn von 24 Franken; eine korrekte Arbeitsaufwandentschädigung für Arbeitsmittel; Planungen, die im Voraus bekannt sind; die Auszahlung aller geleisteten Arbeitsstunden und Trinkgelder; sowie eine angemessene Entschädigung für Nacht-, Sonntags- und Feiertagsarbeit. Das ist nicht die Welt. Im Kern wollen wir nur würdige Arbeitsbedingungen!

Schafft ihr es trotz den verschiedenen Anstellungsverhältnissen und Arbeitsbedingungen, Einigkeit unter den Lohnabhängigen zu herzustellen?

Renan: In Yverdon trat die Mehrheit der nebenberuflich für Smood tätigen Kurier:innen an unserer Seite in den Streik. In Neuchâtel auch. In einer anderen Stadt trat eine Aushilfskraft nach nur vier Arbeitstagen in den Streik, als ihr die schlechten Bedingungen in der Bude klar wurden. In den grossen Städten kennen sich die Kurier:innen weniger und es ist schwieriger, Kontakte zu knüpfen. Einige wussten nicht einmal über unseren Streik Bescheid, bevor wir sie anriefen! Aber der Streik ist auch ein Mittel, um Kontakte zu knüpfen.

Kader: Smood setzt uns aufgrund unserer Prekarisierung unter Druck. Doch, wenn die Bude so floriert, dann nur dank der Kurier:innen. Ohne uns gibt es keinen Smood. Mit unserem Streik beginnt sich diese Botschaft unter den Angestellten der Firma und in der ganzen Romandie zu verbreiten.


Kontext: Ein Streik, der zum Flächenbrand wird

Die Bewegung begann am 2. November in Yverdon-les-Bains, als dreizehn Lohnangestellte von Smood, unterstützt durch die Gewerkschaft Unia, in den Streik traten. Zwei Tage später dehnte sich der Streik auf Neuchâtel aus. Am 8. November begann der Streik in Nyon, bevor er am 10. November Sion und Martigny für sich gewann. Am Donnerstag, dem 11. November, schlossen sich ein Dutzend in Lausanne und an der Riviera tätige Kurier:innen dem Streik an. Am Montag, dem 15., trat Freiburg dem Streik bei, am Dienstag, dem 16., Genf.

Unterstützt durch die Unia klagen die Kurier:innen von Smood überall die gleichen Probleme an: niedrige Löhne, zu niedrig angesetzte Fahrspesen, undurchsichtige Verwaltung der Trinkgelder und unbezahlte Arbeitsstunden. Diese Vorwürfe gibt es auch an Standorten oder unter dem Personal, das von der Personalvermittlungsagentur Simple Pay beschäftigt wird.

Im September führte Smood ein neues Arbeitsplanungstool ein, das gegen die Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz (Art. 69 Abs. 1 ArGV 1) verstösst, wonach Arbeitszeiten zumindest zwei Wochen im Voraus angekündigt werden müssen. Mit diesem neuen Tool mussten viele Lohnabhängige mitansehen, wie ihr monatliches Pensum drastisch reduziert wurde.

In den letzten Jahren hatte das Unternehmen Smood ein rasantes Wachstum erlebt. Im Jahr 2020 sind seine Einnahmen um 80 % gestiegen.[1] Ende 2020 war Smood in 18 Städten in der Schweiz vertreten. Es beschäftigt fast 1’000 Kurier:innen. Das Unternehmen unterzeichnete eine Partnerschaft mit der Migros, für welche sie die Einkäufe in den Kantonen Genf, Waadt und Tessin ausliefert. Parallel dazu wurde die Migros-Gruppe Aktionärin von Smood und hält nun 35% der Anteile.

Angefragt durch die Tageszeitung Le Temps wies Smood zunächst die von den Arbeitnehmer:innen geäusserte Kritik zurück. Laut Marketingleiterin Luise Kull verhandelt das Unternehmen seit mehreren Monaten mit der Gewerkschaft Syndicom, die es als «ihre Bezugsgewerkschaft» gewählt hat, über einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV).[2] Am 15. November bekräftigte Syndicom in einer Pressemitteilung ihre Solidarität mit den Streikenden und ihren Forderungen. Am selben Tag erklärte das Unternehmen, es erwäge, den Stundenlohn auf 23 Franken brutto zu erhöhen, eine Feiertagsentschädigung einzuführen und die Kosten für Privatfahrzeuge „gerechter“ zu entschädigen. Am Mittwoch, dem 17. November, bei Redaktionsschluss waren aber noch keine Verhandlungen mit den Streikenden angekündigt worden.

[1] L’Agefi, 13. Januar 2021.

[2] Le Temps, 11. November 2021.


Die Petition zur Unterstützung der Streikenden kann hier unterzeichnet werden. Übersetzung durch die Redaktion.

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