Der Bankensektor wird global von einer Reihe von Insolvenzen, staatlichen Rettungsaktionen und Übernahmen heimgesucht. Die Krise dieser Banken hat die Aktienmärkte auf der ganzen Welt in Turbulenzen versetzt. Was hat das alles verursacht? Ist dies eine vorübergehende Krise? Welche Auswirkungen wird sie auf die Realwirtschaft haben? Ashley Smith von Spectre interviewt den marxistischen Ökonomen Michael Roberts und stellt ihm diese und andere Fragen über das Finanzkapital und den heutigen globalen Kapitalismus. Roberts ist Autor von The Long Depression: Marxism and the Global Crisis of Capitalism, Co-Autor von Capitalism in the 21st Century und schreibt Analysen in seinem Blog The Next Recession.
Interview mit Michael Roberts; aus spectrejournal
Was waren die unmittelbaren Ursachen für diese Flut von Bankpleiten?
Die unmittelbare Ursache für die jüngsten Bankpleiten war wie immer der Verlust von Liquidität. Was meinen wir damit? Die Anleger der Silicon Valley Bank (SVB) und der First Republic sowie der Kryptowährungsbank Signature zogen in grossem Stil ihr Geld ab, und diese Banken verfügten dann nicht über die nötige Liquidität, um die Forderungen der Anleger zu erfüllen.
Und warum war das so?
Zwei Hauptgründe. Erstens war ein Grossteil des bei diesen Banken eingezahlten Geldes in Vermögenswerte investiert worden, die im letzten Jahr massiv an Wert verloren haben. Zweitens hatten viele der Anleger bei diesen Banken, vor allem kleine Unternehmen, festgestellt, dass sie keine Gewinne mehr erzielten oder keine zusätzlichen Mittel von Investoren erhielten, aber dennoch ihre Rechnungen und Mitarbeiter:innen bezahlen mussten. Also begannen sie, Bargeld abzuziehen, anstatt es aufzustocken.
Warum haben die Vermögenswerte der Banken an Wert verloren?
Der Grund ist der allgemeine Anstieg der Zinssätze im Finanzsektor, der durch die Massnahmen der Federal Reserve [die Notenbank der USA Fed legt die Geldpolitik der USA fest, beaufsichtigt und reguliert Banken, hält die Stabilität des Finanzsystems aufrecht und stellt Finanzdienstleistungen für Depotinstitute; Anm. d. Red.] ausgelöst wurde, die ihren Leitzins schnell und drastisch anhob, vermutlich um die Inflation zu kontrollieren. Wie funktioniert das?
Nun, um Geld zu verdienen, bieten Banken den Anlegern, sagen wir mal, 2 Prozent Zinsen pro Jahr auf ihre Einlagen. Sie müssen diese Zinsen decken, indem sie entweder Kredite zu einem höheren Zinssatz an Kunden vergeben oder das Geld der Einleger in andere Vermögenswerte investieren, die einen höheren Zinssatz erwirtschaften. Banken können diesen höheren Zinssatz erhalten, wenn sie Finanzanlagen kaufen, die mehr Zinsen abwerfen oder die sie mit Gewinn verkaufen können (aber möglicherweise riskanter sind), wie bspw. Unternehmensanleihen, Pfandbriefe oder Aktien.
Banken können Anleihen kaufen, die sicherer sind, weil Banken ihr Geld am Ende der Laufzeit einer Anleihe – beispielsweise nach fünf Jahren – vollständig zurückerhalten. Zudem erhält eine Bank jedes Jahr einen höheren festen Zinssatz als die 2 Prozent, die ihre Anleger erhalten. Sie erhält also einen höheren Zinssatz, weil sie ihr Geld nicht sofort zurückerhalten kann, sondern warten muss, auch über Jahre hinweg.
Die sichersten Anleihen sind Staatsanleihen, denn bei Onkel Sam [der US-amerikanische Staat; Anm. d. Red.] ist es sehr unwahrscheinlich, dass er eine Anleihe nach fünf Jahren nicht zurückzahlen wird. Die Manager:innen der SVB waren also wohl der Meinung, dass sie mit dem Kauf von Staatsanleihen besonders vorsichtig handeln würden. Nur gab es dabei ein Problem. Denn wenn man für 1000 Dollar eine Staatsanleihe kauft, die in fünf Jahren „fällig“ wird (d.h. man erhält seine Investition in fünf Jahren vollständig zurück), die mit, sagen wir, 4 Prozent pro Jahr verzinst wird und die eigenen Anlagenkunden nur 2 Prozent pro Jahr erhalten, dann verdient man letztlich Geld.
Wenn aber die Federal Reserve [Fed, US-amerikanische Notenbank; Anm. d. Red.] ihren Leitzins um 1 Prozent anhebt, müssen die Banken auch ihre Anlagenzinsen entsprechend anheben oder sie verlieren Kunden. Der Gewinn der Bank wird somit geschmälert. Noch schlimmer ist jedoch, dass der Preis der oben genannten 1000-Dollar-Anleihe auf dem Sekundärmarkt für Anleihen (der wie ein Gebrauchtwagenmarkt ist) fällt. Und warum? Weil besagte Staatsanleihe zwar immer noch 4 Prozent pro Jahr abwirft, der Unterschied zwischen den Zinsen für ihre Anleihe und den Zinsen für Bargeld oder andere kurzfristige Anlagen aber geringer geworden ist.
Wenn man seine Anleihe nun auf dem Sekundärmarkt verkaufen muss, wird ein potenzieller Käufer der Anleihe nicht bereit sein, 1000 Dollar dafür zu bezahlen, sondern, sagen wir, nur 900 Dollar. Das liegt daran, dass der Käufer, wenn er nur 900 Dollar zahlt und weiterhin die 4 Prozent Zinsen erhält, nun eine Zinsrendite von 4/900 oder 4,4 Prozent erhalten würde, wodurch sich der Kauf mehr lohnt. Die SVB hatte somit eine Reihe von Anleihen, die sie „zum Nennwert“ (1000 Dollar) gekauft hatte, die auf dem Sekundärmarkt jedoch weniger wert (900 Dollar) waren. Sie verzeichnete somit „nicht realisierte Verluste“ in ihren Bilanzen.
Aber spielt das überhaupt eine Rolle, wenn man die Anleihen ja nicht verkaufen müsste? Denn die SVB könnte ja zuwarten, bis die Anleihen fällig würden, und würde dann ihr gesamtes investiertes Geld plus Zinsen über fünf Jahre zurückerhalten. Aber hier liegt der zweite Teil des Problems für die SVB. Da die US-Notenbank die Zinsen anhob und die Wirtschaft sich auf eine Rezession zubewegte – insbesondere in der Start-up-Branche, auf die sich die SVB spezialisiert hatte –, büssten die Kunden Gewinne ein und waren gezwungen, mehr Geld zu verbrauchen und ihre Anlagen bei der SVB abzuschmelzen.
Irgendwann verfügte die SVB zwar nicht mehr über genügend liquide Mittel, um Abhebungen zu ermöglichen, aber über eine Vielzahl von Anleihen, die nicht fällig waren. Als dies den Anlegern bewusst wurde, gerieten diejenigen, die nicht durch die staatliche Einlagensicherung gedeckt waren (alle Einlagen über 250’000 Dollar), in Panik und es kam zu einem Ansturm auf die Bank. Dies wurde deutlich, als die SVB ankündigte, dass sie einen Grossteil ihrer Anleihebestände mit Verlust verkaufen musste, um die Abhebungen zu decken. Die Verluste schienen so gross zu sein, dass niemand mehr neues Geld in die Bank einzahlen wollte und die SVB Konkurs anmeldete.
Also wurde aus einem Mangel an Liquidität eine Insolvenz – wie es immer der Fall ist. Wie viele kleine Unternehmen konstatieren, dass sie einen Liquiditätsengpass hätten überstehen können, wenn sie nur ein wenig mehr von ihrer Bank oder einem Investor bekommen hätten, um im Geschäft zu bleiben? Wenn sie jedoch keine weitere Hilfe erhalten, müssen sie aufgeben. So erging es den Unternehmen SVB, Signature, der Bank für Kryptowährungseinlagen, und jetzt First Republic, einer Bank für mittelständische Unternehmen und reiche Leute in New York.
Was haben die USA und andere Staaten getan, um die Finanzkrise zu stoppen? Wird es gelingen, weitere Bankzusammenbrüche zu verhindern und die Aktienmärkte zu beruhigen?
Es gibt zwei Dinge, die die Regierung, die Fed und die grossen Banken getan haben. Erstens haben sie Mittel angeboten, um die Nachfrage der Einleger nach ihrem Bargeld zu befriedigen. Obwohl in den USA alle Bareinlagen über 250’000 Dollar nicht von der Regierung gedeckt sind, hat die Regierung auf diesen Schwellenwert verzichtet und erklärt, dass sie als Notfallmaßnahme alle Einlagen decken wird.
Zweitens hat die Fed ein spezielles Darlehensinstrument mit der Bezeichnung „Bank Term Funding Program“ eingerichtet, mit dem Banken Kredite für ein Jahr erhalten können, wobei sie die Anleihen als Sicherheiten zum Nennwert verwenden, um Barmittel für die Abhebungen der Anleger zu erhalten. So müssen sie ihre Anleihen nicht unter dem Nennwert verkaufen. Diese Massnahmen zielen darauf ab, den „panischen“ Ansturm auf die Banken zu stoppen. Aber natürlich lösen sie nicht die grundlegenden Probleme, die die Banken haben aufgrund der steigenden Zinsen und der sinkenden Profite der Unternehmen, die diese Banken nutzen.
Zum Teil wird argumentiert, dass die SVB und die anderen Banken nur kleine Fische seien und eher auf ganz bestimmte Unternehmensfelder spezialisiert seien. Sie würden also keine grösseren systemischen Probleme widerspiegeln. Aber das ist zu bezweifeln. Erstens war die SVB keine kleine Bank, auch wenn sie auf den Technologiesektor spezialisiert war – sie war die 16. grösste Bank in den USA und ihr Zusammenbruch war der zweitgrösste in der US-amerikanischen Finanzgeschichte. Ausserdem zeigt ein aktueller Bericht der Federal Deposit Insurance Corporation, dass die SVB nicht die einzige Bank ist, die riesige „nicht realisierte Verluste“ in ihren Büchern verzeichnet. Diese Gesamtsumme aller Banken beläuft sich derzeit auf 620 Milliarden Dollar, das sind 2,7 Prozent des US-BIP. Das ist der potenzielle Schaden für die Banken oder die Wirtschaft, wenn diese Verluste realisiert werden.
In der Tat haben 10 Prozent der Banken grössere unerkannte Verluste als die SVB. Die SVB war auch nicht die am schlechtesten mit Eigenkapital ausgestattete Bank. Denn 10 Prozent der Banken haben eine geringere Kapitalausstattung als die SVB. Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass der Marktwert der Vermögenswerte des Bankensystems um 2 Billionen Dollar niedriger ist als der Buchwert besagter Vermögenswerte, der die bis zur Fälligkeit gehaltenen Kreditportfolios berücksichtigt.
Die zum Marktwert bewerteten Vermögenswerte der Banken sind im Durchschnitt aller Banken um 10 Prozent gesunken, wobei die untersten 20 Prozent der Vermögenswerte einen Rückgang von 20 Prozent zu verzeichnen hatten. Schlimmer noch, wenn die Fed die Zinssätze weiter anhebt, werden die Anleihekurse weiter fallen, die nicht realisierten Verluste werden zunehmen und noch mehr Banken werden in Liquiditätsengpässe geraten.
Die Notfallmassnahmen werden also möglicherweise nicht ausreichen. Derzeit wird behauptet, dass zusätzliche Liquidität dadurch finanziert werden könne, dass grössere und stärkere Banken die schwachen übernehmen, um die Finanzstabilität wiederherzustellen, ohne dass die Lohnabhängigen darunter litten. Dies ist die Marktlösung, bei der die grossen Aasgeier das verendete Vieh ausschlachten – so wurde beispielsweise die britische SVB-Niederlassung von der HSBC für 1 Pfund aufgekauft. Im Fall der Credit Suisse haben die Schweizer Behörden eine Übernahme durch die grössere UBS zu einem Preis durchgesetzt, der ein Fünftel des aktuellen Marktwerts der CS beträgt.
Wenn die aktuelle Krise jedoch systemisch wird, wie es 2008 der Fall war, wird das nicht ausreichen. Stattdessen würden die von der Bankenelite erlittenen Verluste durch staatliche Rettungsmassnahmen sozialisiert, was die Schulden des öffentlichen Sektors in die Höhe treiben würde (die sich bereits auf einem Rekordhoch befinden), die auf Kosten der übrigen Bürger:innen durch höhere Steuern und weitere Sparmassnahmen bei den öffentlichen Sozialausgaben und Dienstleistungen bedient werden müssten.
Werden die Federal Reserve und andere Zentralbanken die Zinssätze weiter anheben, um die Inflation zu bekämpfen, oder werden sie sich zurückhalten, um weitere Bankenpleiten zu verhindern?
Es scheint sehr wahrscheinlich, dass die Zentralbanken in ihrem aussichtslosen Bestreben, die Inflation unter Kontrolle zu halten, die Zinssätze weiter anheben werden. Sie werden nur dann damit aufhören, wenn es zu einer weiteren Serie von Bankenpleiten kommt. Dann könnten sie sogar gezwungen sein, ihre geldpolitische Straffungspolitik rückgängig zu machen, um den Bankensektor zu retten.
Aber im Moment setzen sie eine tapfere Miene auf und behaupten, das Bankensystem sei sehr „widerstandsfähig“ und in viel besserer Verfassung als 2008. Eine Rücknahme der geldpolitischen Straffung wäre für die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken katastrophal, da dies die Tatsache offenlegen würde, dass die Zentralbanken weder die Geldmenge noch die Zinssätze oder das Bankgeschäft kontrollieren – im Gegenteil.
Was sind die tieferen Ursachen für Inflation und finanzielle Instabilität heute?
Nehmen wir zunächst die finanzielle Instabilität. Der Kapitalismus ist eine Geld- oder Monetärwirtschaft. Die Produktion ist nicht für den direkten Verbrauch am Gebrauchsort bestimmt. Die Produktion von Gütern ist für den Verkauf auf einem Markt bestimmt, um gegen Geld getauscht zu werden. Und Geld ist notwendig, um Waren zu kaufen.
Geld und Waren sind nicht dasselbe, so dass die Zirkulation von Geld und Waren von Natur aus störanfällig ist. Es kann jederzeit vorkommen, dass sich die Besitzer:innen von Bargeld nicht dazu entschliessen, Waren zu den üblichen Preisen zu kaufen, sondern ihr Bargeld stattdessen horten. Dann müssen diejenigen, die Waren verkaufen, die Preise senken oder sogar Pleite gehen. Viele Dinge können diesen Zusammenbruch des Austauschs von Geld und Waren oder von Geld gegen Finanzanlagen wie Anleihen oder Wertpapiere auslösen – gegen fiktives Kapital, wie es Marx nannte. Und dies kann urplötzlich eintreten.
Aber die grundlegende Ursache ist jedoch die Überakkumulation von Kapital in den produktiven Sektoren der Wirtschaft oder, mit anderen Worten, die sinkende Rentabilität von Investitionen und Produktion. Die Kunden der Technologieunternehmen bei der SVB hatten begonnen, Gewinne zu verlieren, und litten unter dem Verlust von Finanzierungen durch so genannte Risikokapitalgeber (Investoren in Start-ups), weil diese Investoren es kommen sahen, dass die Gewinne sinken würden. Deshalb mussten die Tech-Unternehmen ihre Bareinlagen abbauen. Dadurch wurde die Liquidität der SVB zunichte gemacht und sie war gezwungen, einen Notverkauf ihrer Anleihen anzukündigen.
Beim Finanzcrash von 2008 wurde die Liquiditätskrise durch den Zusammenbruch des Immobilienmarktes verursacht – nicht wie jetzt durch den Zusammenbruch der Technologiebranche. 2008 erlitten viele Kreditgeber:innen schwere Verluste bei Hypothekenanleihen, und die Derivate [Termingeschäfte, also Wetten auf sinkende oder steigende Preise von Anleihen, Aktien, Rohstoffen etc.; Anm. d. Red.] dieser Anleihen vervielfachten die Auswirkungen dann im gesamten Finanzsektor und auf internationaler Ebene. Allerdings war der Zusammenbruch des Immobilienmarktes selbst bereits auf einen Rückgang der Rentabilität in den produktiven Sektoren der Wirtschaft ab 2005/06 zurückzuführen gewesen. Dieser Rückgang in der Rentabilität der produktiven Sektoren führte dann schliesslich zu einem völligen Rückgang der Gesamtgewinne, den Immobiliensektor eingeschlossen.
Diesmal wurde der monetäre Zusammenbruch durch den Inflationsanstieg [Preisanstieg; Anm. d. Red.] ausgelöst, der seit dem Ende der COVID-Pandemie weltweit zu verzeichnen ist. Dieser wurde vor allem durch einen enormen Anstieg der Energie- und Lebensmittelkosten verursacht, da die internationalen Wertschöpfungs- und Lieferketten während der COVID-Pandemie zusammenbrachen und sich nicht erholten.
Die wiedereröffneten Unternehmen stellten fest, dass sie die wiederauflebende Nachfrage nicht decken konnten; sie waren nicht in der Lage, Schiffe, Container, Häfen und Ölplattformen wieder vollständig in Betrieb zu nehmen. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Energie versiegte und die Preise stiegen; noch bevor der Krieg zwischen Russland und der Ukraine den Zusammenbruch der Versorgungskette bei wichtigen Rohstoffen verstärkte. Abgesehen vom eingeschränkten Angebot im Nahrungsmittel- und Energiesektor, war es das allgemein niedrige Produktivitätswachstum in den grossen Volkswirtschaften, das die allgemeine Inflation beschleunigte. Die kapitalistischen Unternehmen konnten nach COVID nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter:innen finden und hatten nicht in neue Kapazitäten investiert, so dass das Wachstum der Arbeitsproduktivität nicht ausreichte, um mit der wiederauflebenden Nachfrage Schritt zu halten.
Eines aber ist klar. Die sich beschleunigende Inflation wurde nicht durch höhere Arbeitskosten (d. h. steigende Löhne) verursacht wurde; im Gegenteil, der Lohnausgleich glich (und gleicht) die Inflationsspirale bei Weitem nicht aus. Stattdessen ermöglichten steigende Rohstoffkosten und Engpässe den Unternehmen mit Preissetzungsmacht, d. h. den grossen multinationalen Konzernen, die Preise zu erhöhen und die Gewinnspannen auf Rekordhöhen zu treiben, insbesondere bei Energie- und Lebensmittelunternehmen. Es war also eine Gewinn-Preis-Spirale [steigende Preise wurden von den Unternehmen künstlich geschaffen, um die Gewinne zu erhöhen; Anm. d. Red.].
Trotzdem haben die Finanzbehörden überall ignoriert oder geleugnet, dass die sich beschleunigende Inflation ein Problem der Angebotsseite war (wie es in der kapitalistischen Produktionsweise normalerweise der Fall ist). Stattdessen behaupteten sie, sie sei auf eine übermässige Nachfrage zurückzuführen, die eine Lohn-Preis-Spirale auslöste [demnach sei eine Erhöhung des Nominallohns für die Erhöhung des Preisniveaus verantwortlich; Anm. d. Red.]. Ihre Antwort bestand also darin, die Zinssätze zu erhöhen, ihre bisherige Politik der quantitativen Lockerung (QE) durch eine quantitative Straffung (QT) umzukehren und die Liquidität (billiges Bargeld und Kredite) zu verringern. Dadurch sind die Kreditkosten für Unternehmen, die investieren wollen, oder für Haushalte, die ihre Hypotheken bezahlen wollen, stark angestiegen und haben das Bankensystem zerrüttet.
Die Ironie besteht darin, dass die Zinserhöhungen weiterhin kaum direkte Auswirkungen auf die Inflationsraten haben werden. Stattdessen drückt diese Politik auf die Gewinne und Löhne und beschleunigt so den Abschwung der Wirtschaft – genau wie unter dem Volcker-Fed-Regime in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, das zu einem sehr schweren Einbruch von 1980-82 führte.
Wie unterscheidet sich diese Krise von der Krise 2008 und der Grossen Rezession [Wirtschaftskrise 2007–08; Anm. d. Red.]? Was hat damals das Wachstum wiederhergestellt? Stehen diese Mittel den Kapitalist:innen und ihren Staaten heute zur Verfügung?
Kapitalistische Produktion und Investitionen leiden unter regelmässigen und wiederkehrenden Einbrüchen. Diese sind ein notwendiges Korrektiv für die Tendenz, dass die Profitrate im Laufe der Zeit sinkt [Mehrwert sinkt im Verhältnis zum eingesetzten Kapital; Anm. d. Red.]. Einbrüche räumen die nicht wettbewerbsfähigen Unternehmen aus dem Weg und ermöglichen es den Stärkeren, die Märkte der Schwächeren zu übernehmen, die Arbeitskosten durch höhere Arbeitslosigkeit zu senken und so die Grundlage für eine höhere Profitrate und eine wirtschaftliche Erholung zu schaffen. Dieser Prozess wird als „schöpferische Zerstörung“ bezeichnet.
Die Große Rezession von 2008-09 hat dies bis zu einem gewissen Grad erreicht – aber nur bis zu einem gewissen Grad. Die Rentabilität des Kapitals in den grossen Volkswirtschaften blieb unter dem Niveau der späten 1990er Jahre. Dies hat die Investitionen in den produktiven Sektoren schwach gehalten. Die Unternehmen waren auf billige Kredite oder Kredite nahe Null Zinsen angewiesen, um weiter bestehen zu können – der Anteil der „Zombie-Unternehmen“, die nur überleben, indem sie sich weiter verschulden, liegt inzwischen bei etwa 20 Prozent. Der Einbruch der Pandemie im Jahr 2020 hat gezeigt, dass sich ein depressiver und stagnierender Kapitalismus noch nicht erholt hat – es gibt noch keine kreative Zerstörung.
Welche Lösungen bietet das kapitalistische Establishment heute an? Werden diese funktionieren?
Die Mainstream-Lösung für Bankenpleiten ist immer die gleiche: bessere Regulierung. Selbst die radikalsten Mainstream-Ökonom:innen wie Joseph Stiglitz oder Politiker:innen wie Bernie Sanders oder Elizabeth Warren propagieren diese Lösung. Doch die Regulierung eines Finanzsektors, der in strukturell instabil und spekulativ ist, funktioniert schlichtweg nicht.
Die Geschichte der Regulierung ist eine Geschichte von Nichtbeachtung, Umgehung und Lügen. Beispiel SVB: Die Aufsichtsbehörden haben das Zinsrisiko, das der Vorstand der SVB mit dem Kauf so vieler Anleihen einging, trotz Warnungen aus verschiedenen Quellen nicht erkannt. Und immer wieder sind Bankenskandale aufgetaucht, die den Aufsichtsbehörden entgangen sind.
Statt einer Regulierung müssen die grossen Banken und Finanzinstitute in öffentliches Eigentum überführt und von den Angestellten in diesen Instituten und der Gesamtwirtschaft demokratisch geführt und überwacht werden. Wir müssen spekulative Investmentbanken wie Goldman Sachs oder Investment-Megalithen wie BlackRock schliessen. Wir müssen die grotesken Gehälter und Boni der Bankvorstände und Händler:innen im Investmentbanking eindämmen.
Das Bankwesen sollte eine öffentliche Dienstleistung sein, wie das Bildungswesen oder die Müllentsorgung, und nicht ein Zentrum für Wetten im Finanzkasino mit unserem Geld. Ah, und manch einer wird jetzt einwenden, dass es immer noch zu einem Ansturm der Einleger auf die Banken kommen könne, selbst wenn dann solche staatlichen Banken nur Anlagen entgegennehmen und dann Kredite an Unternehmen vergeben würden, um zu investieren, und an private Haushalte, um grössere Anschaffungen zu tätigen.
Ja, vielleicht. Aber das ist sehr unwahrscheinlich, wenn die Anleger wissen, dass ihr Geld sicher ist, weil der Staat hinter der Bank steht, die Banken nicht mehr spekulieren und sie demokratisch und transparent geführt werden. Und wenn die Zinssätze stiegen und dies dazu führen würde, dass staatseigene Banken Verluste bei ihren Staatsanleihebeständen erleiden, würden diese Verluste von der gesamten Gesellschaft gleichmässig geteilt und nicht nur von den arbeitenden Menschen, um reiche Anleger:innen und Unternehmen auf Kosten des Rests von uns zu retten. Aber staatliches Bankeneigentum ist nun mal in allen Meinungsrichtungen tabu, auch bei vielen Sozialist:innen.

Wie wird sich der globale Kapitalismus weiterentwickeln?
Die ersten beiden Jahrzehnte dieses Jahrhunderts haben gezeigt, dass der Kapitalismus sein Verfallsdatum überschritten hat. Das Wirtschaftswachstum hat sich auf ein Minimum verlangsamt; die Volkswirtschaften haben zwei grosse Einbrüche erlebt (2008-09 und 2020), darunter den grössten Finanzcrash der Geschichte. Investitionen in wertschöpfende Sektoren, die die Einkommen erhöhen und die Arbeitszeit senken könnten, haben nicht stattgefunden.
Die globale Erwärmung und der Klimawandel wurden nicht eingedämmt, und wir steuern auf ein existenzbedrohendes Desaster zu. Die Armut im so genannten globalen Süden verschlimmert sich, und die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen nimmt überall zu. Der Kapitalismus ist in einer langen Stagnation oder Depression gefangen.
Diese wird nur dann überwunden werden können (und dann auch nur vorübergehend), wenn das Kapital den Lebensstandard der Lohnabhängigen ausreichend zerstört, um die Rentabilität zu erhöhen und das Investitionswachstum wiederherzustellen. Doch jeder Versuch, dies zu tun, könnte einen noch nie dagewesenen Klassenkonflikt auslösen. Daher haben sich die Strateg:innen des Kapitals bisher dafür entschieden, sich zu verkriechen und nicht in die Nesseln der Liquidation und der so genannten schöpferischer Zerstörung zu greifen. Aber es gibt zunehmend Kräfte, die genau das tun wollen.
Übersetzt von der Redaktion BFS Zürich
Titelbild: Steph Davidson; Getty Images/Bloomberg, abrufbar auf: https://www.bloomberg.com/opinion/articles/2023-03-22/global-banking-crisis-opens-a-new-chapter-of-capitalism#xj4y7vzkg (28.03.2023).
Bild im Text: BFS Zürich (2023): BFS Zürich protestiert am 20.03.2023 gemeinsam mit RJZ und JUSO auf dem Paradeplatz zwischen dem Hauptsitz der Credit Suisse und demjenigen der UBS gegen die Gewährung der Garantie von 209 Mia. CHF aus der öffentlichen Hand für die Übernahme der Credit Suisse durch die UBS.