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Frankreich: Schüler*innen als Teil des Widerstands gegen das loi travail

Interview mit zwei Aktivistinnen in Frankreich

Seit Wochen organisieren Schüler*innen und Studierende in Frankreich Demonstrationen, Besetzungen, Streiks in unzähligen Städten. Sie vernetzen sich mit den Kämpfen in den Betrieben und bilden eine schlagkräftige Einheit auf der Strasse, trotz der massiven Repression des Ausnahmezustands.
Ein Aktivist von Schluss mit Kürzen befindet sich momentan in Frankreich und beteiligt sich an den Kämpfen. Er führte für Schluss mit Kürzen ein Interview mit zwei jungen Aktivistinnen.
1. Hallo miteinander, ich bin ein Aktivist aus Zürich in der Schweiz und möchte die Gelegenheit nutzen, mit euch über die aktuellen Geschehnisse in Frankreich zu sprechen. Aber vielleicht beginnen wir noch etwas simpler, wer seid ihr und was macht ihr?
M: Also ich bin Maureen, ich bin 17 Jahre alt und ich bin Schülerin an einem Lycée (Gymnasium) hier in Toulouse und gleichzeitig Mitglied in der Koordination der Gymnasiast*innen.
N: Ich heisse Nadia und ich bin ebenfalls an einem Gymnasium, werde dieses aber im Sommer abschliessen. Ich bin knapp 18 Jahre alt und engagiere mich auch in der Jugendbewegung, insbesondere an den Gymnasien.
2. In der Schweiz bekommt man zur Zeit ein bisschen mit, was gerade so in Frankreich passiert. Aber es fällt einem natürlich schwer, sich ein umfassendes Bild zu machen. Deshalb die Frage an euch: Was ist los in diesem Land?
N: Ja also, ich kann gar nicht ganz vorne beginnen, sonst werden wir nie fertig. Auch möchte ich mich nicht in grosse theoretische Ausführungen versteigen. Ich glaube, dass man einen guten Eindruck von dem was hier passiert bekommt, wenn ich versuche den Aktivismus zu schildern. Am 28. April hat es hier in Toulouse, wie in den meisten anderen französischen Städten eine grosse Demonstration gegeben. Obwohl es Donnerstag-Nachmittag war, sind ungefähr 10’000 Menschen auf die Strasse gegangen. Am 1. Mai, dem traditionsreichen Tag der Arbeit, ist es dann weitergegangen mit einer ebenfalls sehr guten Demo. Solche Demonstrationen hat es schon ziemlich oft gegeben, die letzten Wochen. Seit dem 9. März kämpfen wir auf der Strasse und an den Gymnasien gegen das loi travail. Und das wird nicht so schnell aufhören. Dabei sind Demonstrationen nicht unsere einzige Aktionsform. Wir haben am 3. Mai einen McDonalds für mehrere Stunden besetzt, bis wir sehr gewaltsam geräumt wurden. Am 8. Mai wiederum haben wir eine Autobahn-Mautstelle für eine Stunde so blockiert, dass die Autofahrer*innen nichts bezahlen mussten und stattdessen für die Bewegung spenden konnten. Die Reaktionen der Leute waren sehr gut und in einer Stunde sind so 2000 Euro zusammengekommen!
M: Gerade zu Beginn war die Bewegung riesengross, was die Beteiligung der Gymnasiast*innen anbelangt. Wir waren alleine schon 3’000 bis 6’000 Leute. Die letzten Wochen waren nun Ferien, da ist das etwas zurückgegangen. Wir sind aber fleissig am weitermobilisieren und nach den Ferien wird die Bewegung in voller Stärke weitergehen, da sind wir uns sicher.
3. Wie kam es eigentlich dazu, dass sich gerade zu Beginn primär Studierende und Schülerinnen gegen die Arbeitsgesetzreform auflehnten?
N: Das neue Gesetz hat die Jugendlichen, die Studierenden und die Schüler*innen deshalb so mobilisiert, weil sie davon in besonderen Masse betroffen sein werden, beziehungsweise betroffen sind. Es sind eben nicht nur die Lohnabhängigen, die bereits arbeiten, betroffen. Wir Jungen sind nach dem Lycée, egal ob wir direkt an die Uni gehen oder nicht, ständig auf der Suche nach Arbeit. Es ist bereits heute unglaublich schwierig, eine Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu finden. Gerade unbefristete Verträge (so genannte CDI, contrat à durée indéterminée) finden sich praktisch keine. Zudem sind die Arbeitszeiten jetzt schon lang. Mit dem neuen Gesetz sollen die aber die wöchentlichen Arbeitsstunden nochmals erhöht werden.
M: Ich kann mich da eigentlich nur Nadia anschliessen. Halt sogar Gymnasiast*innen machen sich Gedanken, von was und wie sie einmal leben sollen, wenn dieses Gesetz durchkommt. Unsere Zukunft ist sehr ungewiss.
N: Aber das mit der Zukunft meinen wir auch allgemeiner. Sogar wenn dieses Gesetz nicht durchkommt, werden wir auf der Strasse bleiben, denn auch das jetzige loi travail und die soziale Situation in Frankreich bieten uns nur wenig Perspektiven.
4. Was sind die Auswirkungen des loi travail spezifisch auf die Jugend, sollte es denn so zur Anwendung kommen wie es momentan ist?
N: Also, bereits heute und mit unbefristeten Verträgen ist die Jugend benachteiligt. Entlassungen werden mit dem neuen Gesetz viel einfacher, beispielsweise mit der Begründung von fehlender Erfahrung. Gerade junge Leute haben vielfach aber noch keine Erfahrung. Man wird nicht akzeptiert, man wird entlassen. Nur weil man keine Erfahrung hat, werden wir viel grössere Mühe haben, eine Arbeitsstelle zu behalten.
5. Gibt es auch „weniger politisch Interessierte“ Junge, also Leute, die sich vorher noch nicht politisch engagiert haben und nicht organisiert waren, die an den Protesten teilnehmen?
M: Also ganz allgemein sind die Jugendlichen noch nicht politisiert. Gerade an den Gymnasien war die überwiegende Mehrheit noch nicht in Organisationen oder Schüler*innengewerkschaften vertreten. Mittlerweile sind einige in die UNL, die nationale Lycéenes-Gewerkschaft, eingetreten.
N: Ja, die Leute waren noch überhaupt nicht politisiert. Die Koordination der Lycées aus Toulouse, von denen gibt es 16, bestand aus ungefähr 5 Personen. Als wir dann aber mobilisiert haben, sind mehr als 3’000 Schüler*innen gekommen. Dass wir eine relativ kleine Kerngruppe sind, bietet uns aber auch gewisse Vorteile. In unserer Koordination haben wir eigentlich nie Probleme, auch wenn wir mittlerweile viel mehr Leute als 5 sind. Das liegt daran, dass wir nicht in Organisationen und Parteien organisiert sind. Die Koordination zwischen den Universitäten birgt viel mehr Konfliktpotenzial, weil da die verschiedenen Organisationen und Strömungen mitmischen.
6. Wie seid ihr politisch aktiv geworden und was bedeutet das für euch?
N: Grundsätzlich gibt es ja zwei verschiedene Arten von Aktivist*innen. Es gibt diejenigen, die organisiert sind und die Proteste, die Aktionen etc. organisieren und es gibt diejenigen, die an Demonstrationen und Aktionen kommen. Bei uns an den Gymnasien läuft das ähnlich. Es gibt an jedem Gymi ungefähr 2 Leute, die für die Mobilisierung verantwortlich sind. Das ist eine enorme Arbeit, die gerade für Schüler*innen zum Teil schwer zu stemmen ist. Dazu kommt der immense Druck, den Schulleitungen, Lehrer*innen, Eltern, aber auch die Teile der Schülerschaft, die sich nicht wehren wollen, ausüben. Es gibt also durchaus Probleme für uns, aber eigentlich macht es immer wieder auch viel Spass und wir verstehen uns untereinander gut.
M: Es ist für uns ein bisschen neu, eine solch grosse Bewegung zu animieren, anzuleiten, zu planen und zu organisieren. Der Druck ist immer wieder sehr gross. Weil wir uns aber gegenseitig unterstützen, können wir immer konkretere Dinge in Angriff nehmen.
N: Die Unterstützung, die Solidarität untereinander ist das Wichtigste. Man darf sich nie alleine fühlen.
M: Das ist unser Grundsatz der Koordination, sich zu unterstützen.
N: Für uns ist das alles aber wirklich auch neu, wir sind noch nicht so lange politisch aktiv, vielleicht einige Wochen bevor die Massenproteste losgingen. Die Familie hat natürlich einen Einfluss auf die politische Meinung und meine Mutter hat mich einfach machen lassen. Es gibt aber auch Leute, die aufhören müssen bei uns aktiv zu sein, weil ihre Eltern das entscheiden. Das ist aber eine andere Geschichte.
7. Welche Ziele und Forderungen stellt ihr über eine Nichtdurchsetzung der Arbeitsgesetzreform hinaus? Und wie könnte man die erreichen?
N: Klar, die Grundlage, der Auslöser dieser Bewegung war und ist das loi travail, beziehungsweise die Forderung nach dessen Rückzug. Gerade für uns Junge ist es zur Zeit auch eine Möglichkeit, uns zu zeigen. Wir werden von der Politik, von den Lehrern und vielfach auch von der Gesellschaft nicht für voll genommen und man sagt uns, dass wir dann später, in einigen Jahren, mitreden könnten.
M: Ja, auch wenn das loi travail zurückgezogen wird, gibt es immer noch hunderte Dinge, die wir zur Zeit Scheisse finden. Nicht einmal nur in der Arbeitswelt, sondern ganz spezifisch auch uns junge Menschen.
N: Aber gleichzeitig geht es auch darüber hinaus nicht nur um uns Junge. Wir müssen zusammen mit den Pensionierten kämpfen, deren Rente in Gefahr ist, um ein Beispiel zu nennen. Daneben gibt es die grossen Probleme, denen sich Geflüchtete hier in Frankreich gegenübersehen. Das wird ein ganz langer Kampf, aber wir sind jung und wir werden unseren Unmut über viele Dinge weiterhin kundtun.

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8. Spürt man den immer noch ausgerufenen Ausnahmezustand in Frankreich bei Demonstrationen oder sonstigen Aktionen? – Ist die Polizei dadurch repressiver, kann man das Abschätzen?
N: Ja, der Ausnahmezustand existiert jetzt mittlerweile ein halbes Jahr, wenn es mir Recht ist. Und ja: Die Repression ist gewaltig. Gerade in den grossen Städten, wo es eine starke Mobilisierung gibt, wie Toulouse, Paris, Rennes, Marseille etc. In den kleineren Städten gibt es weniger Leute die aktiv sind, deshalb ist da auch die Repression geringer. Hier in Toulouse aber ist die Polizei immer wahnsinnig präsent wenn wir Aktionen machen. Sie attackieren uns auch immer wieder, mit kleinen mobilen Greiftrupps, versperren uns den Weg und so weiter. Damit drücken sie uns quasi hinein in die Gewalt. Es ist klar, dass sich die Leute so anfangen zu wehren. Sie kommen ja nicht einfach an und stellen sich hin. Sie kommen mit Tränengasgranaten, mit Gummigeschossen und Schockkörpern. Sie wollen uns klar machen, ‚wenn ihr auch nur das geringste falsch macht, werden wir euch attackieren.’ Auch wenn es nur eine einzige Person ist, die etwas wirft, werden sofort alle angegriffen. Aus diesem Grund führen wir zur Zeit einen doppelten Kampf. Wir bekämpfen die Regierung und ihre Reform des Arbeitsrechts und gleichzeitig kämpfen wir gegen die Repression. Die wirklich enorm ist.
9. Wie lässt sich das intensive Protestieren mit dem Schulalltag verbinden? Und welche Rolle spielt der Widerstand im alltäglichen Leben, gerade in der Schule?
N: Also der Widerstand hat grosse Auswirkungen und hat unser soziales Umfeld komplett verändert. Wir haben teilweise nicht mehr dieselben Kolleg*innen und Freund*innen, sondern im Umfeld der sozialen Bewegung neue Bekanntschaften geknüpft. Man verbringt seine Zeit jetzt halt automatisch mit anderen Leuten. In der Schule selbst haben wir einfach einen grossen administrativen Aufwand, weil wir viele Stunden verpasst haben und noch verpassen werden. Da wir uns aber im letzten Jahr befinden, hat es auf die schulische Leistung oder unsere Zeugnisse nicht mehr einen grossen Einfluss. Es gibt aber durchaus auch viele Lehrer*innen, die gegen uns sind und uns das auch zu spüren geben. Aber auch damit können wir meistens umgehen. Das auch, weil wir uns bewusst sind: Wenn wir es nicht machen, dann wird es niemand machen. Das ist irgendwie auch eine Verpflichtung… Oder vielleicht ist Verpflichtung auch das falsche Wort. Wir hätten es natürlich gern, wenn sich alle beteiligen würden. Deshalb beteiligen wir uns umso mehr.
M: Für uns ist es zur Zeit oftmals nicht leicht, Nebenjob, Schule und Aktivismus miteinander zu koordinieren. Und wie Nadia das schon gesagt hat, gibt es unglaublich viele Lehrer*innen die gegen uns sind und deshalb kann es nur schon auf dem Level des Unterrichts manchmal schwierig werden. Wir sind halt die „Köpfe“ der Bewegung an unserer Schule, und wenn wir beispielsweise die Schule besetzen, was wir ein paar Mal getan haben, dann sind wir natürlich die ersten, die dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Es gibt natürlich auch Schüler*innen die gegen uns sind. Es ist also durchaus schwierig. Aber so ist das halt. Einen grossen Einfluss auf meine Noten hatte es bislang nicht.
10. Wie kommunizieren die SchülerInnen und StudentInnen aus den verschiedenen Städten und Lycées? Wie habt ihr euch vernetzt?
M: Zwischen den verschiedenen Städten gibt es die so genannte „coordination nationale lycéenne, also eine nationale Koordination der Gymnasien. Dasselbe gibt es für die Studierenden. Dabei gibt es jeweils alle 3 Wochen nationale Treffen, bei denen das Vorgehen und auch Inhalte koordiniert werden. Dies findet immer in einer anderen Stadt statt. Ende April beispielsweise in Toulouse. Zwischen den Gymnasien und den Studierenden findet die Koordination eigentlich nur auf der Ebene der einzelnen Städte statt. Es wäre zu kompliziert, auch dafür noch ein eigenes nationales Gremium zu schaffen. Gerade auch, weil die Studierenden eine ein wenig andere Vision haben wie wir. Ihre Entscheidungen sind deshalb manchmal nicht mit unseren übereinstimmend. Aber wir machen so viel wie es geht zusammen und sprechen uns in Toulouse auch ab.
N: Das ist aber noch nicht in jeder Stadt der Fall, daran müssen wir noch arbeiten. Gleichzeitig gibt es aber eben auch Unterschiede. Für viele Studierende ist es nicht die erste Mobilisierung, die sie erleben. Für uns schon. Sie wissen also schon ein bisschen, wie man sich organisieren kann, oder denken das zumindest.
11. Wie organisiert ihr euch in den Schulen selbst?
N: Also wir haben einfach mal begonnen an der Schule Flugblätter für die nächste Demo zu verteilen. Dadurch haben wir Kontakte gewonnen, mit denen wir uns dann zu einer ersten Besetzung entschieden hatten. Dort gab es dann wieder Zeit, über die Reform und die Situation in Frankreich zu sprechen.
M: Unsere Hauptorganisationsform bleibt aber die Vollversammlung, zu der alle Schüler*innen eingeladen sind. Dort stimmen wir über die Inhalte auch ab und beschliessen neue Aktionen.
Dieses Interview wurde zuerst auf der Facebook-Seite des Zürcher Netzwerks Schluss mit Kürzen veröffentlicht: https://www.facebook.com/SchlussMitKuerzen/ Schluss mit Kürzen ist ein Zusammenschluss von verschiedenen Organisationen, Einzelpersonen, Betroffenen und Nutzer*innen des Service Public, die sich gegen die geplanten Sparmassnahmen im Kanton Zürich zur Wehr setzen. Weitere Infos hierzu finden sich auf der Facebook-Seite.

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