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Am Rande vermerkt: Die kruden Thesen des Dr. W zu Corona

Wer sich diese Tage auf Facebook bewegt, stösst vermutlich früher oder später auf ein Video, in dem ein „Dr. Wodarg“ erklärt, dass die „Corona-Krise“ eigentlich gar keine Krise sei und die Panik rundherum völlig unangebracht.

Was der Herr Doktor hier von sich gibt, hört sich erstaunlich ähnlich an wie die faktenarmen, selbsternannten „Theorien“ rechter Klimaleugner*innen. Die einen behaupten, dass sich das Klima immer wieder in der Erdgeschichte massiv erwärmt habe, der aktuelle Klimawandel also verkraftbar sei. Schön wär‘s ja, doch leider ist das falsch: Auf der Erde hat sich die Durchschnittstemperatur noch nie in einem so kurzen Zeitraum so stark erwärmt.

Jetzt in der Zeit der Pandemie behauptet der ehemaliger deutscher Berufspolitiker, Hinterbänkler Wodrag im Bundestag, Corona hätte es auch in den vergangenen Jahren schon gegeben. Er arbeitet damit so, wie wir das von rechten Ideolog*innen gewöhnt sind. Der Ex-Politiker beginnt mit einer Wahrheit, holt damit die Leute ab, dreht dann aber ins völlig Märchenhafte ab.

Denn ja, Corona-Viren sind tatsächlich üblich, sie verursachen etwa harmlose Schnupfen, auch bei älteren Menschen. Doch hier endet die Überschneidung von Verschwörung und Wahrheit. Denn es gibt unterschiedliche Corona-Viren, deren Erbgut und deren Auswirkungen sich von harmlosen Varianten unterscheiden. Das SARS-CoV-2-Virus beispielsweise ist zwar ein Corona-Virus, allerdings ist es nachweislich deutlich gefährlicher als die meisten Verwandten. Und es ist neu. 2017, 2018 und bis zum Aufkommen des Virus Ende 2019, konnte sich kein Mensch an SARS-CoV-2 infizieren. Es gab das Virus einfach noch nicht bei Menschen.

Und auch das kennt man von Klimaleugner*innen: Ein Netzwerk aus Politik, Wirtschaft und Umweltschützer*innen habe sich zusammengeschlossen gegen „die“ Menschen (gemeint sind Rechte und Rechtsradikale). Dass wichtige Teile der Wirtschaft zu den Bremsern beim Klimaschutz gehören, beispielsweise die Automobilindustrie, die großen Energiekonzerne, Chemie, die Airlines, all das sehen die Klimaleugner*innen nicht. Sie ignorieren auch, dass die Bundesregierung zwar wie gewohnt schön daherredet, die deutsche Bundeskanzlerin Merkel ja auch Fridays for Future gelobt hat. Doch dieselbe Bundesregierung handelt ganz anders. So als gäbe es naturwissenschaftliche Erkenntnis nicht, hätten wir noch jede Menge Zeit und müssten nicht jetzt sofort unser gesamtes Wirtschaftssystem grundlegend umstellen, damit die Menschheit auf diesem Planten mittelfristig überleben kann. Wissenschaftliche Erkenntnis. Dass die Bundesregierung diese durch ihre zaghafte Politik komplett ignoriert und damit im Camp der Klimaleugner*innen ist, sehen die Leugner*innen selbst nicht. Für sie haben sich Politik und Aktivist*innen gegen die sog. „Vernünftigen“ verschworen.

Ähnlich argumentiert auch der Ex-Politiker bei Corona: Hinter den Nachrichten um das neuartige Virus stecke ein Netzwerk aus Politik und Wissenschaft. Das chinesische Regime etwa wolle den eigenen Überwachungsstaat ausbauen und – sehr schlau – habe das nun mit dem Virus gerechtfertigt. Auch hier steckt ein bisschen Wahrheit, die die sonst wirren Aussagen halbwegs vernünftig klingen lassen: Ja, China hat die Überwachung in den letzten Wochen nochmal massiv angezogen. Und aktuelle Nachrichten deuten z.B. darauf hin, dass China bisher nicht umsetzbare Personenüberwachung umgesetzt hat. Allerdings, das Virus war dafür nur ein glücklicher Zufall. Der Ausbruch, die Ausgangssperren und vor allem der totale Produktionsstopp mitsamt aller massiven negativen Folgen für die chinesische Wirtschaft, all das war so nicht geplant. Denn das Virus ist neu und war vorher nicht bekannt.

Auch bei uns müssen wir wachsam sein. Das meines Wissens offenbar wiederholte Aushebeln gesetzlicher Grundlagen seitens mancher Unternehmensleitungen ist autoritär. Und ebenso ist die Gefahr real, dass möglicherweise Sozialkürzungen unter dem Deckmantel von Corona umgesetzt werden und auch danach in der Wirtschaftskrise erhalten bleiben. Gleiches gilt für mögliche erweiterte Polizeikompetenzen usw. Doch all diese Maßnahmen waren so nicht geplant. Jedenfalls nicht mit einem Virus, da völlig unerwartet über die Menschen kam.

Die Klimaleugner*innen behaupten, mit der sogenannten „Legende“ vom Klimawandel wollten Politiker*innen den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Klar, Öko-Produkte sind oft überteuert. Sie dienen für Teile der Bourgeoisie tatsächlich dazu, mit dem Tatendrang mancher Profite zu machen, damit den eigenen Mehrwert zu erhöhen. Wir leben immer noch im Kapitalismus und nicht im Paradies. Auch Benzinsteuern drohen vor allem die Menschen zu treffen, die sich die hohen Mieten in den Städten nicht leisten können und deshalb aufs Land ziehen mussten – wo sie dann zurück in die Stadt mit dem Auto zur Arbeit, zum Einkaufen oder ins Kino fahren müssen. Eine Benzinsteuer würde sie also treffen.

Doch, und das sehen Klimaleugner*innen nicht, all das sind Mittel des gutbürgerlichen Flügels der Klimabewegung, repräsentiert von den Grünen. Der Rest der Klimabewegung sagt: Individuelle Kaufentscheidungen oder Verhaltensänderungen mögen zwar das eigene Gewissen beruhigen, den Klimawandel nachhaltig können sie aber nicht aufhalten. So schön einfach es auch klingt. Wir brauchen hingegen einen Systemwechsel, sagen die Klimaaktivist*innen weiter. Mit diesen Forderungen lässt sich kein Geld verdienen.

Wie Klimaleugner behauptet auch bei Corona der ehemalige Berufspolitiker, die Wissenschaftler wollten durch Virentests (des in seiner Welt bereits lange bekannten Virus) Forschungsgelder akquirieren. Auch hier steckt ein kleines bisschen Wahrheit: Bildungseinrichtungen sind in Deutschland unterfinanziert. Das sieht man an den prekären Beschäftigungsverhältnissen des wissenschaftlichen Mittelbaus oder der studentischen Hilfskräfte. Ja, in vielen Disziplinen gehört das zum Alltag: Forschungsaufträge und Geld sind stark begrenzt. Die Wissenschaft muss darum oft kämpfen. Doch mit den SARS-CoV-2-Tests verdienen die beteiligten Forscher*innen hingegen wohl nichts. Und auch zusätzliche Spenden für die Erforschung von Impfstoffen dürften nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein – wenn die Geldsummen nicht sowieso hauptsächlich an Pharma-Konzerne fließen.

Es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Klimaleugner*innen sind traditionell rechts, sie stehen für ein „weiter so“. Wollen, dass sich nichts grundlegend ändert. Es gibt zahlreiche Rechte Medien, die ihre Weltsicht bestätigen. Alle beginnen mit einem Quäntchen Wahrheit und versüßen damit den wirren Rest.

Auch bei Corona arbeiten rechte Medien an der Verbreitung der sogenannten „Theorie“ des ehemaligen Politikers. Mit dabei: eine alte Bekannte. Eva Hermann, ehemalige ARD-Sprecherin, rechtsradikal, hat den Ex-Bundestags-Hinterbänkler bereits online für ihre Plattform interviewt und verbreitet seine falsche „Wahrheit“ in der Szene. Ganz nach dem alten Muster nur mit einem neuen Thema. Wissenschaftsferne Klimaleugner*innen und Corona-Leugner*innen verbindet einiges. Bleiben wir wachsam!

von Maximilian Hubert (ISO)

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