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Am Rande vermerkt: Wer soll das bezahlen?

Um die Infektionsrate durch das neuartige Corona-Virus möglichst tief halten zu können, gilt es, den Kontakt zwischen Menschen auf ein Minimum zu begrenzen, da sind sich die Forscher*innen einig. In Italien wird das teilweise rigoros umgesetzt, es gibt Ausgehsperren und die Menschen werden angehalten, nicht unnötig die Häuser zu verlassen. Das trifft natürlich auch die Unternehmen, die auf mehr Mitleid der Regierungen hoffen dürfen, als alte Menschen, die in kaputtgesparten Hospitälern am Corona-Virus sterben. Wer soll die Umsatzeinbussen bezahlen, wer soll für das Ausbleiben der Gewinne aufkommen? In Italien wird bereits über staatliche Hilfe für Hotels debattiert und ähnliche Debatten werden wir in naher Zukunft wohl in den meisten Ländern erleben. Die meisten grossen Unternehmen und auch die Luxushotels könnten die Umsatzeinbussen gut verkraften – wenn sie denn wollten – nämlich dadurch, dass sie auf einen Teil des Reingewinns verzichten und ihre Reserven anzapfen. Doch daran werden die Aktionär*innen, die Vorstandsmitglieder mit ihren Boni und die Eigentümer*innen kaum ein Interesse haben, der Staat soll ihre vergoldeten Hintern retten. Wenn es nicht so ernst wäre, wäre es beinah witzig, wie all die Neoliberalen Ideolog*innen nach dem Staat schreien, sobald ihr lieber Markt mal etwas für ein paar Tage nicht wie gewünscht regelt. Aber zurück zur Frage, wer das alles bezahlen soll. Denn diese Frage stellt sich nicht nur für Unternehmer*innen, sondern auch für die Lohnabhängigen und kleine Selbstständige. Im Gegensatz zum grossen Kapital können viele kaum Rücklagen oder Reserven bilden, um eine Lohneinbusse zu verkraften und auf die Unterstützung staatlicherseits dürfen die Lohnabhängigen wohl nicht hoffen, obwohl es sie am härtesten trifft.

Allgemein Menschen mit einem niedrigen Stundenlohn, Menschen, deren Aufenthaltsstatus an Erwerbstätigkeit gebunden ist, Menschen die pro Auftrag bezahlt werden und vor allem in Deutschland Leiharbeiter*innen und Rentner*innen die nebenher jobben, weil die Rente nicht reicht, all diese Menschen wird eine Lohneinbusse hart treffen. Das ist eigentlich nichts Neues, könnte aber mit dem Corona-Virus eine neue Dimension annehmen. Die meisten Menschen, die einmal auf Stundenlohnverträgen in der Gastronomie oder sonst wo gejobbt haben wissen, dass da Menschen zur Arbeit kommen, die eigentlich wegen einer Grippe oder ähnlichem dringend zuhause bleiben sollten, es sich aber nicht leisten können. Da hören sich die Appelle, man solle an die Anderen denken und zuhause bleiben, man solle solidarisch sein, wie blanker Hohn an. Solange es keine Lohnfortzahlungen von Seiten der Unternehmen oder dem Staat gibt, werden es sich viele schlicht nicht leisten können, zuhause zu bleiben. Natürlich wäre es sinnvoll, doch ist mein Vermieter solidarisch, wenn ich die Miete wegen Lohnausfall und Corona nicht bezahlen kann? Wohl kaum. Ich habe letzte Wochen mit einigen aus der Gastronomie gesprochen, die wegen Umsatzeinbussen kurzerhand für drei Wochen nicht mehr auf dem Arbeitsplan erscheinen. Da es sich nicht um eine Krankheit handelt, sondern die Arbeiter*innen einfach nicht gebraucht werden, gibt es auch kein Anspruch auf Lohnfortzahlung oder Taggeld. Wie sollen sie ihre Rechnungen bezahlen? In der Event- und Messebaufirma, wo ich früher gearbeitet habe, sind die meisten Aufträge storniert, die Menschen im Stundenlohn auf Abruf angestellt. Die polnischen Saisonarbeiter werden teilweise nachhause geschickt, wie sollen sie ihre Rechnungen bezahlen? All diese Menschen und viele weitere werden nicht zu Hause bleiben, sondern sich neue Arbeit suchen müssen. Wenn es dem Staat tatsächlich darum ginge, möglichst viele Menschen davon abzuhalten, unnötig das Haus zu verlassen, müsste man die Mieten für eine gewisse Zeit aussetzen, dann müssten die Lohnfortzahlungen für alle garantiert werden, zumindest so, dass man überleben kann. Beides und viele andere Massnahmen könnten zur effektiven Eindämmung des Virus beitragen, allerdings ist das im Kapitalismus kaum denkbar, denn wer soll das bezahlen?

von Henri Ott

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1 Kommentar

  1. Lauritz Mori

    Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde wohl die sogar vom Bundesrat geforderte Solidarität besser ermöglichen als die im Text beschriebenen Appelle, einfach zu Hause zu bleiben. Der Staat könnte Unternehmen finanziell unterstützen, damit diese Lohnfortzahlungen leisten könnten, auch ohne Aufträge. Und die arbeitslos Gewordenen Stundenlöhner*innen und Werkarbeiter*innen könnten Direktzahlungen erhalten

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