Am Sonntagnachmittag, 6. März 2022, also am Tag nach der Demo in Zürich zum internationalen Frauenkampftag, publizierte der Tages-Anzeiger Thomas Haslers Kommentar mit dem Titel „Ein beschämender Auftritt“. Hasler hatte am 5. März bereits den Bericht zur Demo mitformuliert. In seinem Kommentar spricht er von den „berechtigten Anliegen der Frauen“, delegitimiert aber den Protest von 3000 FLINTA-Personen. Er bezeichnet sich selbst als „alten, weissen, zornigen Mann“, spricht den Demonstrant*innen jedoch ab, glaubwürdig für die Gleichstellung von FLINTA-Personen einzustehen.
Als Mann und als von Rassismus betroffene Person bin ich es leid, dass Menschen wie Hasler mit derselben alten Leier immer wieder eine Öffentlichkeit erhalten. Denn Haslers Argumentationsstruktur ist weder neu noch einzigartig. Haslers Kommentar ist bloss ein erneuter Versuch eines alten, weissen, zornigen Mannes, die Diskursherrschaft über diejenigen emanzipatorischen Kämpfe zu erlangen, die seine Position bedrohen.
Sie erhalten ihre Macht durch Verdrängung
Haslers Kommentar reiht sich ebenso in zahllose Berichterstattungen aus dem Tages-Anzeiger, der NZZ oder der Weltwoche ein wie in Stellungnahmen von Politikern wie Mario Fehr oder Erich von Siebenthal. Alte, weisse, zornige Männer geben sich als FLINTA- und PoC-versteher. Doch die Unterdrückten selbst lassen die alten, weissen, zornigen Männer nicht zu Wort kommen.
All die Haslers und Fehrs instrumentalisieren Unterdrückte, um die eigene Machtposition zu erhalten. Hasler meint für vermeintlich schutzbedürftige Demonstrant*innen Partei ergreifen zu müssen und sagt, der internationale Frauenkampftag sei „in der Geiselhaft des revolutionären Aufbaus und seiner Jugendabteilung“. So spricht er nicht nur dem Grossteil der Demonstrant*innen ihre Selbstbestimmung ab, sondern disqualifiziert vor allem einen Protest gegen jene sexistischen Strukturen, die er repräsentiert. Dabei spaltet er die emanzipatorischen Kräfte in gute und schlechte bzw. in die ihm genehmen und die anderen. Auch Mario Fehr, SP-Regierungsrat und Sicherheitsdirektor des Kantons Zürich, meint, für die schutzbedürftige jüdische Bevölkerung zu sprechen, wenn er „Ausschaffungen in Länder wie Algerien und Marokko endlich wieder möglich“ machen will. Indem er einen jüdisch-muslimischen Gegensatz beschwört, konstruiert er eine jüdisch-christliche Harmonie. Rechtsextreme, weisse Gewalt vernachlässigt er.
Alte, weisse, zornige Männer verdrängen Unterdrückte aus dem öffentlichen Diskurs und kämpfen so gegen emanzipatorische Bewegungen. Mit ihrer Polemik unterstreichen sie lediglich die Bedeutung emanzipatorischer Kämpfe, die sich die Strassen nehmen. Und die transversale Kontinuität dieser vereinnahmenden Argumentationsstrukturen zeigt, wie wichtig die intersektionale Perspektive und das Verbinden der Kämpfe ist.
Der Kampf für eine bessere Welt kommt von links-unten
Das Konzept der Intersektionalität ist eine wichtige Grundlage von moderneren feministischen sowie antirassistischen und antikapitalistischen Theorien. Es beschreibt, wie unterschiedliche Formen der Unterdrückung zusammenwirken und deshalb nicht isoliert betrachtet werden können. Die Unterdrückung von FLINTA-Personen, PoC und der Lohnabhängigenklasse funktionieren zusammen.
Ironischerweise deutet die Frage, die Hasler in seinem Kommentar einleitend aufwirft, genau in Richtung des Kerns der intersektionalen Theorie. Er fragt: „Was hat der verbale Angriff auf die Polizei «Für die Faschisten steht ihr da, Marionetten hahaha» mit der Forderung «Gleichstellung ist nicht verhandelbar» zu tun?“ Ein Staatsapparat, der sich auf dem rechten Auge blind gibt, hat alles damit zu tun, dass der Staat sich nicht ausreichend für Gleichstellung und gegen Diskriminierung einsetzt. Nur die strukturelle Unterdrückung von FLINTA-Personen und von PoC macht die Politik der alten, weissen, zornigen Männer möglich. Nur die Ausbeutung der Lohnabhängigen erhält das kapitalistische System und den kapitalistischen Staat.
Die hiesige Politik war und ist seit jeher von männlichen, weissen und bürgerlichen Erfahrungen sowie Interessen bestimmt, welche sich in ihren Strukturen und im Staatsapparat verfestigten. Sie kann weder Unterdrückungserfahrungen von FLINTA-Personen und PoC noch den täglichen Kampf gegen finanzielle Unsicherheit nachvollziehen. Deshalb kann eine Befreiung von oben nur scheitern. Nur wenn der Zorn und Widerstand der Unterdrückten im Zentrum der emanzipatorischen Handlung stehen, können sexistische und rassistische Strukturen aufgebrochen werden. Die Unterdrückten selbst bestimmen darüber, welche Forderungen sie formulieren und wie sie diese kundtun. Andere können sich solidarisch zeigen und unterstützen. Wer aber versucht die Diskursherrschaft an sich zu reissen, ohne selbst von der Unterdrückung betroffen zu sein, nimmt den von Unterdrückung betroffenen Personen die Möglichkeit, selbstbestimmt zu handeln.
Hasler ist ein antikommunistischer Michel
Hasler belässt es in seinem Kommentar nicht bei einer unfundierten und arroganten Kritik an der feministischen Demo. Er formuliert auch den überaus pietätlosen, grotesken und billigen Vorwurf, die feministischen Demonstrant*innen hätten kein Mitgefühl mit den von Krieg betroffenen Menschen in der Ukraine, den hunderttausenden Geflüchteten und denjenigen, die wegen des imperialistischen russischen Feldzugs ihnen nahestehende Personen verloren haben.
Den Vorwurf begründet er damit, dass das Symbol von Hammer und Sichel gezeigt wurde. Hasler begann sein Politikstudium 1986, die Sowjetunion gibt es seit 1991 nicht mehr. Aber für den promovierten Politologen Hasler ist Russland gleich Sowjetunion. Will sich Hasler nicht mit kommunistischer Theorie und der heutigen russischen Wirtschaftspolitik auseinandersetzen, so könnte er wenigstens kurz auf Wikipedia die politische Ausrichtung von Putins Partei Einiges Russland nachsehen. Die nationalkonservative Partei hat 341 der 450 Sitze im Duma inne und diktiert den politischen Kurs Russlands. Und er könnte sich einen aktuelleren Weltatlas zutun.
Hasler hätte auch den Redebeiträgen besser zuhören können, die an der feministischen Demo gehalten wurden – und auf lora.ch nachgehört werden können. Er hätte feministische Positionen vernommen, die sich gegen den Krieg in der Ukraine und jeden weiteren Krieg stellen sowie militärische Abrüstung fordern. Er hätte festgestellt, dass die Demonstrant*innen solidarisch sind mit allen von Krieg betroffenen Menschen, Geflüchteten und Unterdrückten. Und er hätte verstanden, dass die Demonstrant*innen von sexueller Gewalt als Waffe sprachen sowie davon, dass PoC an der Flucht aus diesem und weiteren Kriegsgebieten gehindert werden. Dann hätte vielleicht auch Hasler erkannt, dass sich emanzipatorische Kämpfe zwangsläufig auch gegen Krieg richten: Denn die Kriege alter, weisser, zorniger Männer treffen FLINTA-Personen, PoC und Lohnabhängige im Besonderen.
von Max Arendt (BFS Zürich)