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Für einen militanten internationalen Frauenstreik am 8. März!

In diesem Artikel beziehen sich die Autorinnen auf das Phänomen des „Lean-in Feminismus“. Mit Lean-in Feminismus wird eine Form des Mainstream Feminismus bezeichnet, der darauf abzielt, gebildete Frauen der „Mittelklasse“ darin zu bestärken sich „rein-zuhängen“ („to lean in“) und so die von vielen SoziologInnen beschriebene „gläserne Decke“ zu durchbrechen. Sie sollten also in anderen Worten die unternehmerische Leiter weiter erklimmen. Die Bezeichnung Lean-in Feminismus ist auf ein Buch mit dem Titel Lean In: Women, Work, and the Will to Lead (2013) zurückzuführen. Der Titel kann sinngemäss mit „sich reinhängen: Frauen, Arbeit und der Wille, zu führen“ übersetzt werden. Die Autor*innen sind Sheryl Sandberg, die leitende Geschäftsführerin von Facebook, und Nell Scovell. Die Nutzniesser*innen eines solchen Lean-in Feminismus können, wie die Verfasser*innen des Buches, nur Frauen aus der herrschenden Klasse sein. Dies kritisieren die Autorinnen des folgenden Artikels und fordern einen Feminismus der 99%. (Red.)

von Angela Davis, Barbara Ransby, Cizzia Arruzza, Keeanga-Yamahtta Taylor, Linda Martín Alcoff, Nancy Fraser, Rasmea Yousef Odeh und Tithi Bhattacharya; aus Viewpoint Magazine

Der massive Frauenmarsch vom 21. Januar 2017 in Washington und in vielen anderen Städten könnte den Anfang einer neuen Welle militanter, feministischer Kämpfe bedeuten. Aber was genau ist deren Fokus? Aus unserer Sicht ist es nicht genug, sich gegen Trump und seine aggressive frauenfeindliche, homophobe, transphobe und rassistische Politik zu stellen; wir müssen auch die anhaltenden neoliberalen Angriffe auf die Sozialleistungen und die Rechte der Arbeiter*innen ins Visier nehmen. Während Trumps offensichtliche Frauenfeindlichkeit der unmittelbare Auslöser für die massive Antwort am 21. Januar war, begannen die Angriffe gegen Frauen (und alle arbeitenden Menschen) lange vor seiner Präsidentschaft. Die Lebenssituation von Frauen, vor allem von Women of Color, arbeitenden, arbeitslosen und migrierten Frauen, haben sich durch den Neoliberalismus und die Globalisierung in den letzten 30 Jahren stetig verschlechtert. Der Lean-in Feminismus und andere Formen von „Unternehmerinnen-Feminismus“ vernachlässigen die überwältigende Mehrheit von uns, die keinen Zugang zu individueller Selbstvermarktung und sozialem Aufstieg haben und deren Lebenslage nur durch eine Politik verbessert werden kann, welche die soziale Reproduktion verteidigt, die reproduktive Gerechtigkeit sicherstellt und die Arbeitsrechte garantiert. Unserer Meinung nach muss sich die neue Welle der Frauenmobilisierung direkt mit all diesen Anliegen befassen. Es muss ein Feminismus der 99% sein.
Diese Art von Feminismus, den wir anstreben, entsteht bereits international in Kämpfen auf der ganzen Welt: vom Frauenstreik in Polen gegen das Abtreibungsverbot über die Frauenstreiks und Märsche in Lateinamerika gegen die männliche Gewalt; von der massiven Frauendemonstration letzten November in Italien über die Proteste und den Frauenstreik zur Verteidigung der Reproduktionsrechte in Südkorea und Irland. Auffallend an diesen Mobilisierungen ist, dass mehrere von ihnen die Kämpfe gegen männliche Gewalt mit dem Widerstand gegen die Prekarisierung der Arbeit, Einkommensungleichheit, Homophobie, Transphobie und xenophobe Migrationspolitik verbunden haben. Zusammen haben sie eine neue internationale feministische Bewegung angekündigt, die ein erweitertes Programm hat, das zugleich antirassistisch, antiimperialistisch, antiheterosexistisch und antineoliberal ist.

Wir wollen zu der Entwicklung dieser neuen und weitreichenderen feministischen Bewegung beitragen.

Als erstes schlagen wir unsere Unterstützung beim Aufbau eines internationalen Streiks am 8. März gegen männliche Gewalt und zur Verteidigung der Reproduktionsrechte vor. Hierin schliessen wir uns den feministischen Gruppen aus circa 30 Ländern an, die zu einem solchen Streik aufgerufen haben. Die Idee ist, Frauen, inklusive Transfrauen, und alle, die sie unterstützen, zu einem internationalen Tag des Kampfes zu mobilisieren – ein Tag des Streikens; des Demonstrierens; des Blockierens von Strassen, Brücken und Plätzen; des Verzichts von häuslicher Arbeit sowie von Care- und Sexarbeit; des Boykotts und öffentlicher Verurteilung frauenfeindlicher Politik und Unternehmen; des Streikens in Bildungseinrichtungen. Diese Aktionen zielen darauf ab, die Bedürfnisse und Bestrebungen all jener sichtbar zu machen, die der Lean-in Feminismus vernachlässigt: Frauen des Arbeitsmarktes, Frauen, die im Bereich der sozialen Reproduktion und Führsorge arbeiten, und arbeitslose sowie prekarisierte lohnabhängige Frauen.
Mit einem umfassenden Feminismus der 99% lassen wir uns vom argentinischen Bündis Ni Una Menos inspirieren. Gewalt gegen Frauen, wie diese Gruppierung es definiert, hat verschiedene Facetten: Nicht nur häusliche Gewalt, sondern auch die Gewalt der Märkte, der Schulden, der kapitalistischen Besitzverhältnisse und des Staates; die Gewalt diskriminierender Politik gegen homosexuelle Frauen, Trans- und Queerfrauen; die Gewalt des Staates, der Migrant*innen kriminalisiert; die Gewalt von Masseninhaftierungen; und die institutionalisierte Gewalt am Körper der Frauen durch Abtreibungsverbote, den fehlenden Zugang zu einer kostenlosen Gesundheitsversorgung und zu kostenloser Abtreibung. Ihre Perspektive bestärkt uns in unserer Entschlossenheit des Widerstands gegen institutionelle, politische, kulturelle und ökonomische Angriffe gegen Muslimas, migrierende Frauen, Women of Color, arbeitende und arbeitslose Frauen, gegen homosexuelle Frauen, gegen nicht-Gender-konforme und Transfrauen.
Der Frauenmarsch vom 21. Januar hat gezeigt, dass auch in den Vereinigten Staaten eine neue feministische Bewegung am Entstehen sein könnte. Es ist wichtig für diese Bewegung, nicht an Dynamik zu verlieren. Lasst uns zusammen am 8. März streiken, rausgehen, marschieren und demonstrieren. Lasst uns den Anlass dieses internationalen Tags der Aktionen nutzen, um mit dem Lean-in Feminismus abzuschliessen und stattdessen einen Feminismus der 99% aufzubauen, einen basisbezogenen, antikapitalistischen Feminismus – einen Feminismus in Solidarität mit den arbeitenden Frauen sowie deren Familien und Verbündeten überall auf der Welt.
Angela Davis ist eine bedeutende emeritierte Professorin an der kalifornischen Universität Santa Cruz und Mitglied der Jury für das 2012 Russel-Tribunals zu Palästina
Barbara Ransby ist Aktivistin, Schriftstellerin, Historikerin und Professorin an der Universität von Illinois in Chicago. Sie ist die Autorin von Ella Baker and the Black Freedom Movement, die Chefredakteurin vom SOULS und Präsidentin der National Women’s Studies Association.
Cinzia Arruzza ist eine Assistenzprofessorin für Philosophie an der New School for Social Research in New York und eine feministische und sozialistische Aktivistin. Sie ist die Autorin des Buches Dangerous Liaisons: The Marriages and Divorces of Marxism and Feminism.
Keeanga-Yamahtta Taylor ist Assistenzprofessorin des Princeton University’s Center for African American Studies und Autorin von From #BlackLivesMatter to Black Liberation.
Linda Martín Alcoff ist Professorin für Philosophie am Hunter College und dem CUNY Graduate Center und Autorin von Visible Identities: Race, Gender, and the Self. Aktuell arbeitet sie an einem neuen Buch über sexuelle Gewalt, und einem anderem über die Dekolonialisierung der Epistemologie.
Nancy Fraser ist Professorin für Philosophie und Politik an der New School for Social Research. Sie hat unter anderem folgende Bücher geschrieben: Redistribution or Recognition und Fortunes of Feminism.
Rasmea Yousef Odeh ist assoziierte Direktorin des Arab American Action Network und Leiterin der Gruppe Arab Women’s Committee.
Tithi Bhattacharya unterrichtet Geschichte an der Pardue Universität. Ihr erstes Buch hatte den Titel The Sentinels of Culture: Class, Education, and the Colonial Intellectual in Bengal (Oxford, 2005). Ihre Arbeit wurde in Zeitschriften wie dem Journal of Asian Studies, South Asia Research und der New Left Review veröffentlicht und sie arbeitet aktuell an einem Buchprojekt mit dem Titel Uncanny Histories: Fear, Superstition and Reason in Colonial Bengal.
Der Artikel wurde am 3. Februar 2017 im Viewpoint Magazine veröffentlicht und durch die BFS Basel übersetzt.


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