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Interview mit einem Schweizer Arzt, der Abtreibungen durchführt

Jeden September treffen sich rechtskonservative, christliche Fundamentalist*innen und weitere Gegner*innen der Selbstbestimmung über unsere Körper, um mit dem Marsch fürs Läbe gegen die Legalität der Abtreibungen zu protestieren. Sie reihen sich damit in eine internationale Bewegung, die das Recht auf eine legale und somit medizinisch gut durchgeführte Abtreibung abschaffen will. Um die Situation in der Schweiz etwas umschreiben zu können, haben wir mit dem Arzt Bruno Maggi gesprochen, welcher zu den erfahrensten Ärzt*innen gehört, die Abtreibungen in der Praxis durchführen und sich seit Jahrzehnten auch politisch für das Recht auf Abtreibung einsetzt.

von BFS Jugend Zürich

Triggerwarnung: Sexistische Gewalt

Bruno, du bist seit den 70er als Arzt tätig. Kannst du uns etwas über deine medizinische Laufbahn erzählen?

Ich war 1968 gerade 18 Jahre alt und wurde somit durch die “Globus-Krawalle” politisiert. Im Studium war ich in einer Basisgruppe linker Mediziner aktiv, vertrat jedoch nie eine straffe politische Linie wie etwa die Trotzkisten oder die Marxisten-Leninisten. Nach meinem Medizinstudium ging ich, motiviert von den sozialistischen Ideen der Revolution nach Algerien und hoffte auf ein sozialistisches Gesundheitssystem zu treffen. Jedoch war ich fachlich überhaupt nicht gut vorbereitet und enttäuscht von diesem Gesundheitswesen. Insbesondere die Unterdrückung der Frauen störte mich. Danach machte ich Ausbildungen in Chirurgie und Gynäkologie und begann beim Plaffenwatz mitzumachen. Das war ein medizinisches Kollektiv, das nach sozialistischen Ideen arbeitete. So verdiente bei uns der Putzmann gleichviel wie der Arzt (abgesehen von Kinderzulagen). Nach 6 Jahren hat es sich aufgelöst und ich habe zusammen mit einem Freund die Praxis an der Dennlerstrasse gegründet. 

Wie kam es dazu, dass du Abtreibungen durchführst?

Im praktischen Jahr des Studiums habe ich begeistert in einer Frauenklinik gearbeitet und erlebte einen Fall, der mich sehr prägte. Eine Gastarbeiterin kam mit starken Bauchschmerzen und Fieber zu uns. Sie hatte schon 4 Kinder und ging bei einer erneuten Schwangerschaft zu einem Schweizer Hausarzt, welcher ihr sagte, eine Abtreibung sei in der Schweiz nicht möglich. Daraufhin ging sie in ein anderes Land, um illegal abzutreiben. Der Mann, der die Abtreibung durchführte, war höchstwahrscheinlich kein Arzt und wendete eine abscheuliche Methode an, welche diese Frau in Lebensgefahr brachte. Wir mussten dieser Frau schließlich die Gebärmutter entfernen. Da habe ich gemerkt was für eine Sauerei es ist, wenn Schwangerschaftsabbrüche illegal sind. Das ist meine Grundmotivation, denn dies führt zu mehr Komplikationen, Unfruchtbarkeiten und sogar Toten. Das Thema Abtreibungen ist heute immer noch sehr wichtig ist, dies merke ich immer auf internationalen Kongressen. Auch dort zeigt sich ganz klar: Eine Frau, die abtreiben will, treibt ab. Punkt. Und wenn es keine legale Methoden gibt, wird sie in die Illegalität gezwungen und erfährt dadurch meistens eine schlechte Behandlung. Den Grund für die Illegalisierung der Abtreibung sehe ich darin, dass die machistischen, patriarchalen und religiösen Teile der Gesellschaft Macht über den Körper der Frau haben wollen.

Kannst du etwas zur Zeit vor der Legalisierung in der Schweiz, also der Einführung der Fristenlösung 2002 erzählen? 

Damals waren Schwangerschaftsabbrüche nur legal, wenn es die einzige Möglichkeit war eine unmittelbare Lebensgefahr oder die Gefahr eines dauernden schweren Schadens an der Gesundheit der Schwangeren zu vermeiden. In den katholischen Kantonen gab es diesen Fall nie, und in Zürich, Bern, Lausanne oder Genf kam dann der Psychiater zum Zuge. Man hat quasi gesagt: Der dauernde schwere Schaden ist eine Gefährdung für die psychische Gesundheit. Wenn eine Frau mit einer unerwünschten Schwangerschaft zu uns kam, dann habe ich mit ihr gesprochen, sie untersucht und dann musste ich sie zum Psychiater für ein Gutachten schicken. Mit diesem Gutachten konnten wir dann legal einen Abbruch machen. Erst mit der Fristenlösung 2002 fiel das weg. Darum mussten wir in dieser Zeit ein Netz aus Psychiatern aufbauen, welchen wir vertrauen konnten. Denn gerade in den 70er Jahren gab es viele, die die Frauen kaputt gemacht haben, indem sie Ihnen schwere Vorwürfe gemacht haben und Fotos von Föten gezeigt haben. Dann ist es kein Wunder, dass diese Frauen es schwieriger hatten, dies zu verarbeiten. Häufig wurde gesagt: „Wir machen die Abtreibung schon, aber dann sterilisieren wir Sie gerade.“ Die Ärzte haben sich auf ein hohes Pferd gesetzt und fanden, eine, die abtreiben will sei moralisch minderwertig. Aber es gab auch immer Ärzte, die das anders gemacht haben. So zum Beispiel Peter Frei, der einer der Ärzte war, der Schwangerschaftsabbrüche in der Praxis machte und mein Lehrmeister für Abtreibungen wurde. 

 Wie würdest du sagen, hat sich der gesellschaftliche Diskurs um Abtreibungen in der Schweiz seit der Einführung der Fristenlösung 2002 verändert?

Es brauchte ja drei Anläufe, bis wir mit der Fristenlösung durchkamen. Dazu brauchte es viel Überzeugungsarbeit und gute Mobilisierungen, schließlich haben wir ein Ja von 70% erreicht. Der Diskurs wurde in der ganzen Gesellschaft geführt, es war ein wichtiges Thema und hat zur Bewusstseinsbildung beigetragen. Interessanterweise sind die Abtreibungszahlen seither gesunken, dies hat mit der besseren Aufklärung zu tun. Vor allem die jungen Frauen gehen anders mit Verhütung und Sexualität um. Früher war das so versteckt, man hat sich für seine Sexualität geschämt und mit niemandem darüber gesprochen. Früher gab es viele junge Frauen, die dann plötzlich schwanger waren und es zuerst verdrängt haben. Bis sie es gemerkt und einen Weg für eine sichere Abtreibung gefunden haben, waren sie schon in der 12 Woche oder darüber hinaus. Heute kommen sie viel früher, wohl auch dank der Möglichkeit zur medikamentösen Abtreibung mit Mifegyne.

Du bist einer der wenigen Ärzte, der noch ambulante Abtreibungen nach der 12 Woche macht. Weshalb? 

Man muss sagen, je später, desto grösser ist die Komplikationsrate. Ich habe sehr lange nur Abtreibungen bis zur 12 Woche gemacht, bis mich einmal eine leitende Gynäkologin gefragt hat, ob ich nicht die späteren Abtreibungen machen kann, nachdem ein anderer Arzt verurteilt wurde, der das zuvor gemacht hat. Ihr Spital wollte aus internen politischen Gründen keine späte Abtreibungen machen. Es zeigt sich heute auch wieder die Tendenz, dass Frauen in spezialisierte Kliniken in die Niederlande oder England gehen, wenn sie niemanden finden, der eine Abtreibung nach der 12 Woche macht.

Würdest du sagen wir befinden uns in der Schweiz in einer Zeit des gesellschaftlichen Backlashes dieser Thematik gegenüber?

Also Backlash glaube ich nicht, nein. Es wird anders werden denke ich. Abtreibungen werden in Zukunft öfters in den Spitälern durchgeführt werden. Alle öffentlichen Zürcher Spitäler machen Abtreibungen und ich glaube, dass die es auch gut machen. Der Grund dafür, dass Abtreibungen weniger in Praxen stattfinden hat damit zu tun, dass die jüngere Ärzte-Generationen mehr mit Angst an solche Dinge herangeht. Es wird ihnen die Hölle heiss gemacht mit drohenden Haftpflichtprozessen und die ambulante Medizin wird heutzutage generell ziemlich „abgestutzt“.

Was ist der Vorteil in einer Praxis abzutreiben?

In einer Praxis wird die Patientin, vom ersten Kontakt bis die Abtreibung fertig ist, von der gleichen Person begleitet und das ist sehr viel wert. Wir sind eine konventionelle Hausärztliche Praxis und es ist nicht nur eine Abtreibungspraxis, somit wird die Integrität der Patientin eher bewahrt. 

Wir suchen uns das Personal unter anderem auch nach der Einstellung zum Schwangerschaftsabbruch aus. Wir haben keine fromme Christen, die bei uns arbeiten. Im Spital hast du das unter Umständen, es kommt immer darauf an, wer gerade Dienst hat. Bei uns hat man die Betreuung „aus einem Guss“ und alle haben einen gewissen Konsens, wie man mit Abtreibungspatientinnen umgeht: Ohne Vorwürfe und mit einem liebevollen menschlichen Umgang. 

Nach der 12. Woche muss ja ein*e Ärzt*in die Situation als Notlage bezeichnen, um einen legalen Abbruch durchführen zu können. Wie würdest du eine Notlage definieren?

Der Begriff Notfall wird durch den Patienten definiert, das ist ein Dogma in der Medizin finde ich. Die Notlage also ist eine Selbstdefinition der Frau, dass sie zu mir kommt, ist in meinen Augen Ausdruck einer Not. 

Es gibt ja die Stimmen von Abtreibungsgegner*innen. Laute Stimmen gerade in Polen, Deutschland aber auch bei uns. Merkst du einen Einfluss von diesen Abtreibungsgegner*innen auf deine Arbeit? 

Also bei uns ist es einfach weniger, sage ich. Da habe ich keine Angst, muss ich sagen. Wir hatten zweimal so dämliche politische Vorstösse. Einmal ging es darum, dass eine Abtreibung nicht kassenzulässig sein darf. Das ist jedoch mit 70% runtergefallen. Dann war da noch eine Initiative Mitte der 80er Jahre, wo sie die Abtreibungen verbieten wollten und die ist auch abgelehnt worden. 

Wurdest du in deiner Karriere nie belästigt durch Blockierungen der Klinik oder durch rechtliche Drohungen? 

Ich habe einmal mal am Radio gesprochen, woraufhin ich ein paar böse Mails bekommen habe, aber was soll’s. Ich hatte auch schon Telefonate bekommen, meistens waren es die Männer, die nicht einverstanden waren, dass ihre Partnerinnen eine Abtreibung macht. In dieser Form hatte ich vielleicht 5 böse Reaktionen erlebt in 40 Jahren. Ich hatte zweimal ein juristisches Verfahren und es war beides mal der männliche Partner, der die Frau angeklagt hat, sie hätte einen illegalen Abbruch gemacht und das hat jedes Mal eine Einstellungsverfügung gegeben. Aber es ist unangenehm, darum habe ich mich auch immer pingelig an die formalistischen Vorgaben gehalten, so ist man rechtlich abgesichert.

Bist du zufrieden mit dem Selbstbestimmungsrecht in der Schweiz?

Es gibt einen nationalen Leistungsauftrag, weshalb sie auch in Sarnen Abtreibungen machen müssen. Den gesetzlichen Rahmen so wie er jetzt ist, finde ich gut so von meinem Standpunkt aus. Es ist einfach wie immer die Umsetzung, die je nach dem verschieden ist. Du kannst keinen Arzt dazu zwingen Abtreibungen zu machen. Es gibt die, die es machen und die, die es nicht machen. Und ich denke Gynäkologie ist zunehmend in Frauenhand, da bin ich sehr optimistisch. Es wäre gut, wenn gerade auch die Abtreibungen vermehrt von Frauen gemacht würden. 

Hast du bestimmte Verbesserungsvorschläge oder politische Forderungen?

Ich denke wir müssen schauen, dass der Zugang für Frauen in dieser Situation zu Institutionen, die kompetent sind, erleichtert wird. Aber da läuft viel. In Zürich haben wir Lust und Frust, das ist eine gute Anlaufstelle, mit vielen jungen Frauen, die arbeiten oft mit uns und anderen zusammen. Wichtig ist, dass die Beratungsstellen akzeptierend sind und auch aktiv helfen, wenn Frauen einen Schwangerschaftsabbruch wollen. Die, die sich mit diesem Thema befassen, müssen einfach die Grundhaltung haben, dass wenn man einen Schwangerschaftsabbruch macht, dann erweist man der Frau einen Dienst. Punkt. Wenn man diese Einstellung nicht hat, dann soll man die Finger von diesem Thema lassen. Mehr kann man gar nicht dazu sagen.

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