In aktuellen feministischen Diskursen werden Begriffe wie FLINTA (Frauen*, Lesben*, Inter*, Trans* und Agender-Personen) verwendet, um Menschen, die von patriarchaler Gewalt betroffen sind, zu benennen. In vielen Analysen werden die verschiedenen Flinta-Personen aber einfach unter die Kategorie Frau subsumiert. Trans-Personen werden zwar mitgemeint. Es wird aber nicht spezifisch geschaut, woher die Unterdrückung von Trans-Personen rührt und was diese ausmacht. Die französische Transgender Aktivist:in Arya Meroni erklärt Transphobie aus einem materialistisch-feministischen Blickwinkel und bezeichnet sie als sozio-ökonomisches Phänomen, das im kapitalistischen Wirtschaftssystem und in der Abwertung und Ausbeutung von Reproduktionsarbeit seinen Ursprung hat.
Studien über die materiellen Lebensbedingungen von Trans-Menschen sind rar. Um Zahlen zu finden, muss man Umfragen zu Transphobie [= Feindlichkeit und Gewalt gegenüber Trans-Menschen Anm. Red] .suchen. Aber schon die wenigen Daten, die man finden kann, zeigen, dass unser Leben stark von der wirtschaftlichen und sozialen Organisation der Gesellschaft beeinflusst wird und dass die sozio-ökonomische Frage somit im Zentrum steht. So waren 2012 in Europa fast 20 % der Trans-Menschen arbeitslos. Diese Zahlen sind doppelt so hoch wie die Arbeitslosenquoten den übrigen Bevölkerungsgruppen. In Frankreich stieg diese Quote 2014 gar auf 36%, wenn man die Empfänger des RSA [eine Art Sozialhilfe; womit bis 2015 auch aufstockende Geringverdienende mitberücksichtigt sind, was eine breitere Erfassung von Armutsphänomenen ermöglicht; Anm. Red.] hinzurechnet. Fast ein Drittel der Trans-Menschen verliert zudem nach ihrem Coming-out ihre Arbeit und 46 % von uns wagen es aus Angst vor Transphobie nicht, nach einer Lohnarbeit zu suchen. Andere Länder, andere Lebensumstände: In Argentinien konnten vor dem Gesetz, das diesen Sommer verabschiedet wurde, um 1 % der öffentlichen Stellen für Trans-Menschen zu reservieren, 95 % der Trans-Menschen keine Arbeit finden. Es scheint also, dass Trans-Menschenweltweit gesehen eher am unteren Ende der sozialen Klassifizierung stehen, irgendwo zwischen dem, was man als „Proletariat“ und „Subproletariat“ bezeichnet.
Ausgehend von dieser Feststellung schlägt dieser Text einen marxistisch-feministischen Zugang zur Analyse der Unterdrückung von Trans-Menschen vor. Einerseits geht es darum, zu analysieren, wie unsere Lebensbedingungen – und damit unsere Leben – durch ein Herrschaftssystem organisiert werden, das es einigen wenigen ermöglicht, sich zu bereichern, indem sie die meisten Menschen in Elend und Armut halten. Und andererseits geht es darum, Mittel vorzuschlagen, um Strategien zu entwickeln, die zu einer kollektiven Emanzipation führen.
Eine «umfassende» marxistisch-feministische Theorie der Unterdrückung der Frau im «kapitalistischen Gesamtsystem»
Der marxistische Feminismus ist in Frankreich noch weitgehend unbekannt. Abgesehen von den Vorstellungen Silvia Federicis sind theoretische Ausarbeitungen kaum zugänglich. Das theoretische Standardwerk für eine «systematische und umfassende Gesamttheorie», das ich unten vorstellen werde, ist Marxismus und Frauenunterdrückung. Auf dem Weg zu einer umfassenden Theorie von Lise Vogel, das noch immer nicht [ins Französisch, Anm Red.] übersetzt wurde. Ganz ähnlich wie die meisten Überlegungen und Veröffentlichungen von Aktivist:innen, die sich um Vogels Theorie sammeln. Immerhin hat die Veröffentlichung von Feminismus für die 99%, ein Manifest von Cinzia Arruzza, Titthi Battacharya und Nancy Fraser dieser Strömung ein wenig populärer gemacht. In der Folge kamen dann auch übersetzte Versionen einiger Standardwerke auf den Markt, wie etwa der Sammelband Avant 8heures après 17 heures. Schliesslich bot das 2019 erschienene Buch La révolution Féministe von Aurore Koechlin ziemlich genaue theoretische Elemente, um die konzeptionelle Grundlage des marxistischen Feminismus zu erfassen.
Es geht hier nicht darum, die umfassende Theorie der Unterdrückung der Frau im Kapitalismus im Detail vorzustellen, sondern darum, einige Definitionselemente zu geben, die es ermöglichen, zu erklären, warum und wie ich die Analyse der Unterdrückung von Trans-Personen in diese Theorie, die ursprünglich als Rahmen für die Analyse der Unterdrückung von Cis-Frauen gedacht war, einbeziehe.
Nach der umfassenden Theorie gibt es nur ein einziges Herrschaftssystem, das Unterdrückung und Ausbeutung regelt: Es gibt zum Beispiel nicht auf der einen Seite den Kapitalismus und auf der anderen das Patriarchat mit jeweils eigenen Dynamiken, sondern nur ein einziges, zusammenhängendes und umfassendes System. So werden alle Unterdrückungsverhältnisse, Diskriminierungen und Ungleichheiten durch und für dieselbe soziale Klasse organisiert – auch wenn diese Verhältnisse manchmal den besonderen Interessen einiger Mitglieder dieser Klasse zuwiderlaufen mögen. Dies erklärt oft, weswegen Mitglieder der Bourgeoisie, die Unterdrückungen erfahren, manchmal mit der Gesamtheit der Personen, die diese Unterdrückungen erfahren, kämpfen können, um neue Rechte zu erlangen… aber ebenso, weswegen es trotz dieser Jahre des Kampfes keine allumfassenden Veränderungen gibt, die es auch der Gesamtheit der Bevölkerung ermöglichen würden, Gleichheit zu geniessen: Was die bourgeoisen Frauen zum Beispiel wollen, ist, dass sie die gleichen Möglichkeiten haben wie die Männer der Bourgeoisie, nicht dass die Gesamtheit der Frauen mit diesen Männern gleichgestellt ist und sie selbst untereinander gleichgestellt sind. Wenn alle Menschen gleichberechtigt wären, die gleichen Rechte, die gleichen materiellen Lebensbedingungen und die gleiche Macht hätten, gäbe es theoretisch niemanden mehr, den man beherrschen könnte.
Um zu „herrschen“, stützt sich die Bourgeoisie auf eine „Produktionsweise“ – eine Organisation der menschlichen Aktivitäten – den Kapitalismus. Im Wesentlichen geht es für die herrschende Klasse darum, ihre (wirtschaftliche, soziale, kulturelle, politische, militärische usw.) Macht zu nutzen, um Geld zu verdienen, indem sie andere dazu zwingt, für sie zu arbeiten, und die Gewinne daraus zu maximieren, indem sie die Entlohnung minimiert. Im Gegensatz zu „ökonomistischen“ marxistischen Analysen (d.h. jene, die die Ausbeutung von Lohnarbeitenden durch ihre Chefs über andere Herrschaftsverhältnisse stellen) betont der marxistische Feminismus, dass nicht nur die sogenannte „produktive“ Arbeit von der herrschenden Klasse organisiert und unterworfen wird, um ihre Profite zu maximieren, sondern dass auch die sogenannte „reproduktive“ Arbeit – die Gesamtheit der Tätigkeiten, die uns als Spezies am Leben erhalten – genauso von der herrschenden Klasse unterworfen und organisiert wird.
Um das Konzept von reproduktiver Arbeit zu verstehen, verweise ich auf die Erklärung von Aurore Koechlin:
„In klassengeteilten Gesellschaften, insbesondere unter der kapitalistischen Produktionsweise, wird die Arbeitskraft ausserhalb der Produktionszentren produziert und reproduziert, hauptsächlich im Rahmen der Familie und durch die Frauen. Die generationelle Reproduktion der Arbeitskraft erfolgt durch die Arbeit der Schwangerschaft, Geburt und Erziehung der Kinder. Die tägliche Reproduktion der Arbeitskraft wird durch die Reproduktion der Existenzmittel ermöglicht, aber auch durch eine ganze Reihe zusätzlicher Arbeit, die in der feministischen Tradition als „Hausarbeit“ bezeichnet wird: Zubereitung der Mahlzeiten, Pflege des Hauses, emotionale Arbeit, Sexarbeit etc. […] Die Familie ist der zentrale, aber nicht der einzige Ort der Produktion und Reproduktion der Arbeitskraft: Kantinen, Kindergärten, Krankenhäuser, Schulen erfüllen ebenfalls diese Rolle. Die Gesamtheit dieser Aufgaben kann als reproduktive Arbeit bezeichnet werden.“
Die reproduktive Arbeit wurde den Frauen von der herrschenden Klasse, der Bourgeoisie, zugewiesen, um ihre Profite zu maximieren. Um die Profite zu maximieren, musste die produktive Arbeit von der reproduktiven Arbeit getrennt werden: Alle Tätigkeiten, die nicht direkt Dinge produzieren, mit deren Verkauf man Profit machen kann, müssen für diejenigen, die Profit machen wollen, so wenig wie möglich kosten, da sie eben nicht direkt Profit ermöglichen. Natürlich ist dies dynamisch, entwickelt sich im Laufe der Zeit und hängt vor allem von den Siegen und Niederlagen der Menschen ab, die für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen kämpfen – je nach dem Kräfteverhältnis im Klassenkampf. Beispielsweise ist die Entwicklung öffentlicher Dienstleistungen, die es ermöglichen, einen Teil der Reproduktionsarbeit kollektiv zu verwalten, die Folge langer sozialer Kämpfe.
Es ist eben diese Zuweisung der Reproduktionsarbeit als Frauenarbeit, die die Unterdrückung der Frauen begründet. Um dies zu erreichen, musste diese Arbeit essentialisiert werden [Verständnis von gewissen Tätigkeiten als ursprüngliche Wesenheit der jeweiligen demografischen Gruppe, hier von Frauen; Anm. d. Red.]. So kann es als „normal“, praktisch als weibliche Neigung oder Pflicht, angesehen werden, wenn diese Arbeit unentgeltlich im Haushalt verrichtet wird oder auch in Form von Lohnarbeit nur gering und sehr schlecht bezahlt wird. Diese Essentialisierung erfolgt durch die Tolerierung oder sogar Ermunterung zu machistischer Gewalt. Silvia Federici hat in Caliban und die Hexe gezeigt, dass sich das Aufkommen des Kapitalismus auf die weit verbreitete Praxis von Femiziden und Gewalt gegen Frauen stützte, um sie dieser neuen wirtschaftlichen und sozialen Organisation zu unterwerfen. Schliesslich ist zu betonen, dass die Essentialisierung mit der Abwertung der Reproduktionsarbeit einherging. Es war notwendig, die Normen umzukehren und jeden dazu zu bringen, zu denken, dass die Tätigkeiten, die uns das Leben ermöglichen, weniger wichtig seien als diejenigen, die bestimmten Personen ermöglichen, Profit zu machen!
Unterdrückung von Trans-Menschen
Natürlich müsste diese kurze Darstellung noch vertieft und präzisiert werden, aber sie reicht in diesem Rahmen aus, um eine marxistische Analyse der Unterdrückung von Trans-Menschen einzuführen.
Marxistischen Feminist:innen zufolge wird Cis-Frauen vom System die soziale Reproduktion des Lebens «zugewiesen». Es ist zu bedauern, dass es keine vergleichbaren systematischen Studien über die Bedingungen und Arten von Arbeit gibt, die von Trans-Menschen ausgeübt werden, die eine ernsthafte und umfassende Analyse ermöglichen würden. Dennoch legen die wenigen vorhandenen Zahlen nahe, dass die Situation von Cis-Frauen und Trans-Personen relativ ähnlich ist. So geht beispielsweise aus einer 2013 in Argentinien durchgeführten Studie hervor, dass 95% der Trans-Frauen mindestens einmal in ihrem Leben Sexarbeit geleistet haben und 67% diese als tägliche Arbeit ausüben. Und wenn man auf die Seite der Lohnarbeit blickt, so sind oder waren die befragten Trans-Frauen in überwältigender Weise in „sozialer Reproduktionsarbeit“ wie bspw. als Detailhandelsangestellte, Hausangestellte oder Friseur:innen beschäftigt.
Auch die hohen Zahlen des Arbeitsplatzverlustes nach dem Coming-out, die hohe Arbeitslosenquote und die Flucht in die Sexarbeit als einzige Einkommensquelle für viele Trans-Menschen weltweit, unterstreichen die gesellschaftliche Tendenz zur Zuordnung von Trans-Personen ins Tätigkeitsfeld der sozialen Reproduktion. Die Korrelation zwischen dem Verlust des Arbeitsplatzes und der einzigen verbleibenden Möglichkeit, Sexarbeit auszuüben, insbesondere bei Trans-Frauen, macht deutlich, dass für das System alles, was von den etablierten Normen abweicht, nur im Schatten toleriert wird, in der Position der „Unterstützung“ für diejenigen, die es ermöglichen, Profit zu machen (die Einzigen, deren Tätigkeit gesellschaftlich aufgewertet wird, selbst nach einer Pandemie, die das Leben eigentlich wieder in den Mittelpunkt hätte stellen sollen).
Generell hat die herrschende Klasse keine Lust, sich mit Menschen „anzulegen“, deren Existenz die Naturgemässheit der Zuweisungen in Frage stellt. Für die herrschende Klasse handelt es sich um eine Normverletzung, die das System auf die gleiche Weise zu korrigieren versucht, mit der sie versucht, Cis-Frauen daran zu hindern, aus ihrer vermeintlichen „Bestimmung“ auszubrechen: indem sie Gewalt produziert und toleriert.
Tatsächlich funktioniert transphobe und transmisogyne [= gegen Trans-Weiblichkeiten, Anm. Red] Gewalt auf die gleiche Weise wie Gewalt gegen Cis-Frauen. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um einen Krieg gegen Trans-Menschen. Wir müssen gefügig und an unserem Platz bleiben, d. h. entweder ungeoutet bleiben oder die einzigen Jobs annehmen, die man für uns unter den Bedingungen ihres Systems bereithält. In diesem Sinne stellen die fehlende Anerkennung und die fehlenden Rechte für Sexarbeiter:innen einen Laissez-faire-Ansatz dar, der diese Gewalt ermöglicht. Dieser Ansatz erinnert ebenfalls an den Vorrang der Produktion vor der Reproduktion im gegenwärtigen System: keine Betreuung, keine Rechte, keine soziale Sicherheit und kein Schutz vor Gewalt – einschliesslich des Risikos, ermordet zu werden. Was es ermöglicht, gleichsam zusagen, dass machistische Gewalt toleriert und geduldet wird, und, dass bestimmte Arten von Menschen (Cis-Frauen und Trans-Personen) vergewaltigt und ermordet werden dürfen.
Im Allgemeinen bedeutet der Alltag von Trans-Menschen Ausgrenzung, Unsicherheit und Marginalisierung. Und vor allem ist es die Angst, auf der Strasse angegriffen zu werden oder abends allein nach Hause zu gehen. In einer Hetero-Beziehung ist es die Angst, vor einer Vergewaltigung oder einem Mordversuch. Am Arbeitsplatz ist es die Angst, belästigt zu werden. Es ist die ständige Berechnung, wie man sich verhalten soll, um nicht Gefahr zu laufen, ausgegrenzt zu werden. Es bedeutet, sich zu fragen, ob es gut gehen wird, je nachdem, wie man sich kleidet oder wie man sich an einem bestimmten Ort präsentiert. Es bedeutet, sich ständig daran zu erinnern, dass es keinen „öffentlichen“ Ort gibt, an dem wir uns sicher fühlen können: Uns wie den Cis-Frauen wird vermittelt, dass wir zu Hause bleiben müssen. Den Cis-Männern die Öffentlichkeit, die aufgewertete Arbeit, die Besetzung des Raumes. Für uns das Private, das ungeoutete Leben, der Schatten und die verschiedenen Erschwernisse unserer Lebensbedingungen als Personen zweiter Ordnung. Sich dafür zu entscheiden, diese Lebensbedingungen als Individuum zu durchbrechen, bedeutet immer, ein Risiko einzugehen. Es ist unerträglich, aber so ist es nun einmal. Glücklicherweise gelingt es uns, durch die Kraft des Kollektivs das zu transformieren, was wir nicht mehr ertragen können.

Auf dem Transparent steht: LGBTQI+ gegen den Rassismus und Kapitalismus, In Unterstützung für Migrant:innen, Geflüchtete und Sans Papiers. von der Antirassistischen und Antikapitalistischen Pride 20 Juni 2021
Die Befreiung von Trans-Menschen wird entweder feministisch und revolutionär sein oder gar nicht!
Mit den Annahmen einer marxistischen Analyse der Unterdrückung von Trans-Personen muss es uns endlich möglich sein, über unsere kollektive Emanzipation nachzudenken – kollektiv und individuell; individuell, weil kollektiv. Mehr noch, dies ermöglicht uns, unsere Emanzipation als Teil der Emanzipation aller Menschen zu denken. Die umfassende Theorie eines gesamthaften Systems lässt trotz der scheinbaren Fragmentierung der sozialen Welt eine Kohärenz in der Herrschaft erkennen: nichts ist zufällig, die Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse greifen ineinander. Rassismus, Sexismus, Transphobie, Homophobie, Ableismus [Diskriminierung und Gewalt gegenüber Personen mit Behinderung; Anm. d. Red.] – all das greift ineinander, um letztlich die Macht derselben Klasse zu stärken, die immer mehr Profit abschöpft.
Angesichts dessen müssen auch wir diesen Zusammenhang erkennen und uns selbst als Teil der unterdrückten und ausgebeuteten Menschen sehen, die man als „globale Arbeiter:innenklasse“ oder „erweitertes Proletariat“ bezeichnen kann: Das heisst, alle diejenigen, die Dinge produzieren oder in der Lage sind, Dinge zu produzieren (arbeitslos sind), durch welche die Bourgeoisie Profite erzielt, UND alle diejenigen, deren Tätigkeit es ermöglicht, die Arbeitskraft erst zu „reproduzieren“ – es der menschlichen Spezies zu ermöglichen, sich selbst zu erhalten und es den Arbeiter:innen zu ermöglichen, „einsatzfähig“ zu bleiben, damit sie zur Arbeit gehen können.
Sich als Teil der erweiterten Arbeiter:innenklasse zu verstehen, bedeutet unter anderem, dass die Lebensbedingungen der „meisten“ Trans-Menschen den Lebensbedingungen der „meisten“ Cis-Frauen nahe kommen. Und dass die Lebensbedingungen der „meisten“ Cis-Frauen und Trans-Personen auch denen der meisten Cis-Männer recht ähnlich sind. Daraus ergibt sich strategisch, dass es im Interesse der meisten Cis-Frauen und Trans-Personen ist, Allianzen mit den meisten Cis-Männern einzugehen, um im Interesse der 99 Prozent der Bevölkerung zu handeln … gegen die Interessen derjenigen, die von der Dominanz profitieren – einschliesslich einiger Cis-Frauen und Trans-Personen.
Die Frage dieser Bündnisse ist heikel, denn wenn machistische, transphobe und transmisogyne Gewalt den Interessen der herrschenden Klasse dient, wird sie in unserem Alltag oft von Personen ausgeübt, die uns nahe stehen – also von Cis-Männern unserer Klasse (da wir nur wenig mit denen der Bourgeoisie verkehren). Es scheint daher manchmal paradox zu sein, täglich mit Personen zusammenarbeiten zu wollen, die potenziell die Gewalt, die wir erleben, reproduzieren können und werden. Dies führt oft dazu, dass Trans-Menschen – wie auch Frauen und rassifizierte Personen (wobei sich diese Kategorien natürlich nicht gegenseitig ausschliessen) – aus kollektiven Organisationen, die behaupten, „gesamthaft“ für die Interessen der Unterdrückten und Ausgebeuteten einzustehen, aussteigen, um sich auf Räume zu beschränken, in denen bestimmte Formen der Gewalt nicht vorkommen.
Das Problem dabei ist, dass es kein bisschen effizient ist, als zerstreute Klasse zu kämpfen, wenn die herrschende Klasse selbst ihre Macht auf ein zusammenhängendes und umfassendes Systems gestützt ausübt: Auf diese Weise würden wir es nicht nur nicht schaffen, unsere Lebensbedingungen zu verbessern, sondern zulassen, dass sie sich im Laufe der Zeit weiter verschlechtern würden und die Gewalt, der wir ausgesetzt sind, zunähme.
Um diesen Widerspruch aufzulösen, gibt es keine magischen Formeln: Es reicht zum Beispiel nicht aus, in Organisationen einzutreten, sich „durchzubeissen“ und zu hoffen, sie von innen heraus zu verändern. Die Entwicklung einer starken, selbstorganisierten, massiven und antikapitalistischen feministischen Bewegung in einigen Ländern, in der Cis-Frauen und Trans-Personen gemeinsam kämpfen, ermöglicht es jedoch, die Situation zu verändern und die Bedingungen für wirklich kollektive, globale und siegreiche Kämpfe neu zu schaffen. Dieser Feminismus betont den umfassenden Charakter des Kampfes gegen das System und die Selbstorganisation derjenigen Menschen, die unter machistischer Gewalt leiden und naturgemäss der Reproduktionsarbeit zugewiesen werden und nutzt so insbesondere den feministischen Streik als Mittel. Eine solche feministische Bewegung ermöglicht es, Situationen für revolutionäre Veränderungen zu schaffen, wie es im Oktober 2019 in Chile der Fall war.
Bibliografische Hinweise
Die angegebenen Zahlen stammen von Eurostat und aus verschiedenen Erhebungen, die hier verfügbar sind :
- https://fra.europa.eu/sites/default/files/fra-2014-being-trans-eu-comparative-0_en.pdf
- https://www.cairn.info/revue-cahiers-du-genre-2016-1-page-193.htm/
- https://tetu.com/2020/09/08/largentine-reserve-1-des-emplois-publics-aux-personnes-trans/
- http://attta.org.ar/wp-content/uploads/2013/07/Informe-T%C3%A9cnico-Adherencia-al-TARV-en-Argentina.pdf
Ein früherer längerer Text mit mehr strategischen Ausführungen: http://www.europe-solidaire.org/spip.php/article57483 (28.11.2021 von Arya Meroni)
Literatur, die beim Schreiben dieses Textes verwendet wurde/geholfen hat:
- Marxism and the Oppression of Women: Toward a Unitary Theory, Lise Vogel
- Le relazione pericolose: matrimoni e divorzi tra marxismo e femminismo, Cinzia Arruzza ( auch auf Englisch erhältlich)
- Feminismus der 99% ein Manifest. Cinzia Arruzza, Titthi Battacharya et Nancy Fraser
- Social Reproduction Theory von Tithi Bhattacharya
- La Révolution Féministe, Aurore Koechlin
- Caliban und die Hexe Silvia Federici
Übersetzung durch die Redaktion.