Menu Schließen

Israel terrorisiert den Libanon mit explodierenden Pagern und Luftangriffen

Die terroristischen Angriffe Israels auf den Libanon lassen die Situation im Nahen Osten weiter eskalieren. Die israelische Führung hat damit gedroht, das „Gaza-Modell“ im Südlibanon zu reproduzieren. Doch die Hisbollah könnte sich als ein noch herausfordernder Gegner erweisen als die Hamas.

von Elia Ayoub; aus +972 Magazin

Am Nachmittag des 17. September surrte mein Telefon mit Dutzenden von Nachrichten von Freund:innen in Beirut, die die surrealen Szenen beschrieben, die sie gerade erlebt hatten. Ein:e Freund:in sah, wie das Gesicht eines Mannes explodierte, während er auf einem Motorrad saß. Ein anderer Freund berichtete, seine Schwester sei mit ihrem 2-jährigen Kind unterwegs gewesen, als sie einen lauten Knall hörte, gefolgt von einem Ansturm von Menschen, die in Panik auf sie zurannten. Ein:e dritte:r schickte einen Ausschnitt aus den Aufnahmen einer Sicherheitskamera in einem Lebensmittelgeschäft, auf dem ein Mann nach seinem piependen Pager greift, bevor dieser in seiner Hand explodiert.

Obwohl niemand offiziell die Verantwortung für den Angriff übernommen hat, war allen klar, was geschehen war: Israel hatte einen Weg gefunden, Tausende von Pagern, die von Hisbollah-Mitgliedern benutzt wurden, gleichzeitig zur Explosion zu bringen. In unserem Textaustausch begannen meine Freunde und ich uns zu fragen, wie die Israelis dies geschafft hatten – und ob dies bedeutete, dass nun alle elektronischen Geräte im Libanon gefährdet waren.

Ein ähnlicher Anschlag ereignete sich am darauffolgenden Tag, der diesmal auf die Funkgeräte der Hisbollah abzielte. Ein viel beachteter Vorfall war eine Explosion bei einer Beerdigung von Hisbollah-Mitgliedern, die bei dem ersten Anschlag getötet worden waren, was die Trauernden in eine panische Flucht schlug. In den beiden Tagen wurden laut Berichten rund 3500 Menschen verletzt, viele von ihnen sind noch immer in ernstem Zustand. Und mindestens 42 Menschen wurden getötet, darunter zwei Kinder [Stand: 23. September 2024].

Später erfuhren wir, dass die ungarische Firma, von der die Hisbollah ihre Kommunikationsgeräte erworben hatte, in Wirklichkeit eine israelische Fassade war. Die Geräte wurden nicht abgefangen und dann präpariert, sondern von Anfang an von Israel hergestellt – ein „modernes trojanisches Pferd“, wie die New York Times es nannte. Für die Hisbollah bedeutete dies eine erhebliche Sicherheitslücke, die selbst der Generalsekretär der Gruppe, Hassan Nasrallah, zwei Tage später in einer Rede düster einräumte.

Es scheint jedoch, dass die Angriffe der letzten Woche der Auftakt zu einer traditionelleren – und tödlicheren – Phase des offenen Krieges waren. Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Berichts hat Israel mehrere Luftangriffe im gesamten Südlibanon und im Bekaa-Tal geflogen, und zahllose libanesische Zivilisten fliehen derzeit aus dem Gebiet, nachdem die israelische Armee die „sofortige“ Evakuierung angeordnet hat.

Israelische Soldaten, gesehen in der nordisraelischen Stadt Kiryat Shmona. 19. September 2024. (Michael Giladi/Flash90)

Bislang wurden mindestens 492 Menschen getötet, darunter 35 Kinder, 1645 wurden verwundet Und es wird erwartet, dass die Zahl der Opfer noch steigt. Damit ist der 23. September, um den libanesischen Journalisten Timour Azhari zu zitieren, der „tödlichste Tag seit Menschengedenken im libanesisch-israelischen Konflikt“, und da die Hisbollah-Raketen immer tiefer ins Innere Israels abfeuert, ist eine Deeskalation zunehmend außer Reichweite.

«Dies kann nicht die neue Normalität sein»

Für Justin Salhani, einen in Beirut lebenden Journalisten, dürfen die psychologischen Auswirkungen der Pager-Anschläge auf die libanesische Zivilbevölkerung nicht unterschätzt werden. Die Menschen sind „bereits verängstigt“, sagte Salhani gegenüber dem +972-Magazin und wies darauf hin, dass viele Libanes:innen seit der verheerenden Explosion im Beiruter Hafen am 4. August 2020 tief traumatisiert sind.

Vier Jahre später wiederholten sich die erschütternden Szenen in libanesischen Krankenhäusern. Im medizinischen Zentrum der Amerikanischen Universität von Beirut, einer der größten und renommiertesten Einrichtungen des Landes, dauerte es zwei Tage, bis Ärzt:innen und Pfleger:innen die Tausenden von Verletzten des ersten Pager-Angriffs versorgt hatten, so die Kommunikationsabteilung des Krankenhauses, die mit Salhani sprach. Das war vor der zweiten Welle von Verletzungen durch die Funkgerät-Angriffe.

Salhani und ich unterhielten uns kurz vor dem israelischen Luftangriff auf den Stadtteil Dahiya im Süden Beiruts am 20. September, dem dritten in diesem Jahr, bei dem der Befehlshaber der Hisbollah-Einsätze, Ibrahim Aqil, andere hochrangige Mitglieder der Eliteeinheit Radwan und mehrere Zivilist:innen, darunter drei Kinder, getötet wurden. Die explodierenden Geräte zeichnen sich jedoch durch ihre weitreichenden Folgen aus — „nicht nur für die Hisbollah“, so Salhani, sondern für die Zukunft der Kriegsführung.

Ein israelischer Kampfjet fliegt über die nordisraelische Stadt Haife, 23. September 2024. (Chaim Goldberg/Flash90)

In den Worten von Volker Türk, dem UN-Hochkommissar für Menschenrechte, stellen die Pager-Angriffe „eine neue Entwicklung in der Kriegsführung dar, bei der Kommunikationsmittel zu Waffen werden“. Er verurteilte diese Taktik als Verstoß gegen das Völkerrecht und als mögliches Kriegsverbrechen und bekräftigte, dass „dies nicht die neue Normalität sein kann“.

Aber angesichts Israels Angewohnheit, neue militärische Technologien und Strategien im Krieg zu testen, gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Warnung von Türk irgendwelche Auswirkungen haben wird – und die Pager-Angriffe könnten, wie andere tödliche israelische Innovationen, schnell zur Normalität werden.

Der Gazastreifen ist seit langem Israels bevorzugtes Militärlabor, und israelische Start-up-Unternehmen, die „kampferprobte“ Waffen vermarkten, haben davon profitiert. Dies hat den Gazastreifen zu einem Ort gemacht, an dem die morbidesten Weltrekorde gebrochen wurden — hier gibt es zum Beispiel den höchsten Prozentsatz an amputierten Kindern: Nach Angaben der UNO verlieren täglich etwa 10 Kinder ein oder beide Beine durch israelische Bomben.

Aber auch der Libanon war für Israel ein wichtiges Schlachtfeld für die Entwicklung seiner Militärstrategie. Die berüchtigte Dahiya-Doktrin, die erstmals von IDF-Stabschef Gadi Eizenkot während des Krieges 2006 vorgestellt wurde, befürwortet eine „unverhältnismäßige“ Gewaltanwendung im Verhältnis zu den „Handlungen des Feindes und der von ihm ausgehenden Bedrohung“ und beinhaltet die gezielte Bekämpfung der zivilen Infrastruktur „in einem Ausmaß, das lange und teure Wiederaufbauprozesse erfordert“, wie es in einem Bericht des Öffentlichen Komitees gegen Folter in Israel aus dem Jahr 2009 heißt.

Alle, die von israelischen Luftangriffen im Libanon betroffen sind, verstehen die Dahiya-Doktrin instinktiv. Und nach dem fast einjährigen Völkermord im Gazastreifen, bei dem ganze Städte unbarmherzig zerstört wurden, und den jüngsten Äußerungen der israelischen Führung, sind die libanesischen Bürger:innen fest davon überzeugt, dass das israelische Militär nicht zögern wird, der Zivilbevölkerung massive Verluste zuzufügen. Im November letzten Jahres verkündete der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant: „Was wir in Gaza tun können, können wir auch in Beirut tun“, und letzte Woche schlug der IDF-Generalmajor Ori Gordin vor, den Südlibanon wieder zu besetzen, um eine „Pufferzone“ mit Israel zu schaffen.

Israelis beobachten Luftschläge im Südlibanon, in der Nähe der israelischen Grenze, 23. September 2024. (David Cohen/Flash90)

Hinzu kommt die explizit völkermörderische Rhetorik, die von der israelischen Gesellschaft gegen das palästinensische Volk im Gazastreifen ausgeht. Sowohl in den traditionellen als auch in den sozialen Medien wird offen zum Völkermord aufgerufen, ebenso wie von israelischen Soldaten selbst in Gaza. Allen, die die israelische Besatzung und die Bombardierung im Libanon erlebt haben, kommen die Berichte, Bilder und Videos aus Gaza unheimlich bekannt vor — und nun fürchten sie, dass sie das Gleiche in ihrem eigenen Land erleben werden.

Das schwierige Kalkül der Hisbollah

Anfang 2022 argumentierte ich in +972, dass „die Hisbollah sich keinen besseren Feind als Israel wünschen könnte“, da die israelische Eskalationsrhetorik und -aktionen der Hisbollah geholfen haben, die Aufrechterhaltung ihrer militärischen Hegemonie im Libanon zu rechtfertigen. Dies gilt heute umso mehr: Mit dem Hinweis auf Israels Vorgehen im Gazastreifen und nun zunehmend auch im Libanon kann die Hisbollah ihren Anhänger:innen erklären, dass ein Kompromiss mit dem israelischen Staat nicht möglich ist und dass die libanesische Zivilbevölkerung ohne bewaffneten Widerstand unter den Verbrechen zu leiden hat, die in dem Moment beginnen, in dem israelische Truppen ein arabisches Gebiet betreten.

Einige Analyst:innen haben darauf hingewiesen, dass die israelischen Angriffe die Hisbollah wahrscheinlich noch weiter in den Untergrund treiben werden – für einige Mitglieder im wahrsten Sinne des Wortes. Im August veröffentlichte die Hisbollah ein Video mit hebräischem Untertitel, das vom israelischen Außenministerium auf YouTube gestellt wurde und einen versteckten Tunnel im Libanon zeigt, der breit genug ist, um große Raketenwerfer und einen LKW-Konvoi aufzunehmen. Es ist nicht bekannt, wie viele ähnliche Tunnel es gibt.

Die Geheimhaltung des Ausmaßes dieses unterirdischen Netzwerks ist natürlich Teil der psychologischen Kriegsführung der Hisbollah gegen Israel. Auf diese Weise soll Israel daran erinnert werden, dass die Hisbollah — anders als die Hamas und der dicht besiedelte Gazastreifen — in einem viel größeren Gebiet ohne derartige Beschränkungen operiert und einen viel besseren physischen Zugang zu ihren Verbündeten im Iran und in Syrien hat als die Hamas unter Israels Blockade.

Eine Frau schaut eine Rede des Generalsekretärs der Hisbollah, Hassan Nasrallah, in ihrem Zuhause in Mishmar David, 19. September 2024. (Nati Shohat/Flash90)

Die Drohungen der israelischen Führung, ihr „Gaza-Modell“ auf den Libanon anzuwenden, könnten nun einige Hisbollah-Mitglieder dazu veranlassen, mehr irreguläre Kriegstaktiken anzuwenden, denen die israelische Armee in der Vergangenheit nur schwer entgegentreten konnte, wie z. B. Hinterhalte, Blitzüberfälle mit Fahrzeugen und andere grenzüberschreitende Überfälle.

Dies gilt insbesondere, wenn Israel eine weitere Bodeninvasion im Südlibanon versucht – einem Gebiet, in dem die Hisbollah seit den 1980er Jahren als Guerillagruppe operiert, mit immer ausgefeilteren Waffen nach jeder Runde der Kämpfe und mit einer kampferprobteren Truppe seit ihren Interventionen in Syrien.

In anderer Hinsicht befindet sich die Hisbollah jedoch in einer prekären innenpolitischen Lage. In einem Land, das immer noch unter den Auswirkungen einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen der Welt leidet, vor allem seit der Explosion im Beiruter Hafen, besteht keine große Lust auf einen Krieg mit Israel. Die Entscheidung der Gruppe, die Hamas nach dem 7. Oktober zu unterstützen, war aus denselben Gründen höchst umstritten. Bislang ist auch unklar, inwieweit die Hisbollah auf die direkte Unterstützung des Irans zählen kann, wenn dies einen Krieg vor den Toren Teherans auslösen würde.

Doch ohne internationalen Druck, die offen exterminatorische Politik der Netanjahu-Regierung zu stoppen, könnte die Hisbollah an einen Punkt gelangen, an dem es kein Zurück mehr gibt — mit unvorstellbaren Folgen für die Region.


Elia Ayoub ist promovierter Forscher und Schriftsteller. Er ist der Gründer des Podcasts The Fire These Times und Mitbegründer des Medienkollektivs From the Periphery. Er promovierte in Kulturanalyse über den Nachkriegslibanon und betreibt einen Newsletter über die Region namens Hauntologies. Er ist auf Bluesky, Mastodon und Instagram zu finden und seine Arbeit wird auf iwritestuff.blog archiviert. Der Artikel erschien am 23. September 2024. Übersetzung durch die Redaktion.

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert