Die fesselnde Netflix-Fernsehserie Squid Game, die im modernen Südkorea spielt, ist bereits jetzt die meistgesehene Serie in der Geschichte von Netflix. Die Serie schildert ein gewalttätiges Überlebensspiel, bei dem verzweifelte und verarmte Konkurrent:innen bis zum Tod um ein riesiges Glasschwein kämpfen, das mit 46,5 Milliarden Won (über 36 Millionen Schweizer Franken) gefüllt ist. Selbst Gelegenheitszuschauer:innen wird das Anliegen der Serie, die Ungleichheit zwischen Arm und Reich zu thematisieren, schnell bewusst. Trotzdem dürfte einem Großteil des weltweiten Publikums entgangen sein, dass Squid Game auch die Geschichte der koreanischen Gewerkschaften und die Rolle der Arbeiter:innensolidarität bei der Erhaltung der Menschlichkeit der Unterdrückten thematisiert.
von Minsun Ji; aus labornotes.org
Schrecken des Kapitalismus
Die Kritik von Squid Game an Koreas wachsender sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit wird in der zweiten Episode (mit dem unverblümten Titel „Hell“), die den tristen Alltag der verarmten Protagonisten zeigt, eindringlich dargestellt. Alle Menschen, die an den tödlichen Squid Games teilnehmen, sind arm und entfremdet, darunter die Hauptfigur, der entlassene gewerkschaftlich organisierte Autoarbeiter Seong Gi-hun (gespielt von Lee Jung-jae), sowie ein gescheiterter Börsenmakler, eine nordkoreanische Überläuferin, ein kleiner Gangster, ein einsamer älterer Mann und ein pakistanischer Fabrikarbeiter.
Obwohl die koreanische Wirtschaft inzwischen die zehntreichste der Welt ist, stehen diese kämpfenden Koreaner:innen für die wachsende sozioökonomische Kluft in einer Gesellschaft, in der die persönliche Verschuldung in diesem Jahr auf schwindelerregende 104 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts gestiegen ist. 35 Prozent mehr als 2007.
Auf der anderen Seite stellen die letzten Episoden der Serie die Dekadenz der Superreichen eindrucksvoll dar: Üppig kostümierte, mega-reiche Glücksspieler:innen wetten auf den Kampf der Armen um Leben und Tod, während sie sich mit den Füßen auf nackten Diener:innen abstützen.
Streik brutal unterdrückt
Eine der subtileren Anspielungen auf die koreanische Arbeiter:innenbewegung findet sich in Folge 5 („A Fair World“). In einer kryptischen Szene wird der Hauptdarsteller Zeuge, wie sich seine Mitstreiter:innen in einem gewalttätigen Kampf gegeneinander wenden. Dieses traumatische Ereignis versetzt ihn in Trance, da er sich an ähnliche Szenen tödlicher Gewalt aus seinem Leben als Autoarbeiter erinnert.
Den zufälligen Zuschauer:innen ist wahrscheinlich nicht bewusst, dass diese Trance-Visionen ein reales Ereignis der koreanischen Geschichte darstellen: der Streik bei SsangYong Motors im Jahr 2009. Dieser Kampf endete in einer gewaltsamen Niederlage, als Hunderte von randalierenden Polizist:innen in die Fabrik stürmten und die streikenden Arbeiter:innen brutal niederschlugen.
Als SsangYong-Streikender musste Seong mitansehen, wie einer seiner Kollegen von der Polizei zu Tode geprügelt wurde. Diese Ereignisse führten dazu, dass er seinen Arbeitsplatz und seine Perspektive verlor. Mit der Scheidung wurde ihm schliesslich auch das Sorgerecht für seine Tochter entzogen.
Squid Game zeigt, wie solch brutale Ereignisse verzweifelte Arbeiter:innen dazu bringen können, ihre Leben für eine Chance auf wirtschaftliche Erlösung aufs Spiel zu setzen. Die gezeigte Vision von den erbärmlichen Selbstmordkämpfen der Arbeiter:innen hat seine Wurzeln tatsächlich in der Realität.

Häufung von Selbstmorden
Der reale 77-tägige Streik bei SsangYong fand statt, als das Unternehmen ohne Vorwarnung 43 Prozent seiner gesamten Belegschaft (2646 Beschäftigte) entliess, um seine Vermögenswerte einfacher an globale Investor:innen verkaufen zu können. Das Unternehmen wurde vom chinesischen Konzern Shanghai Motors aufgekauft und anschließend an ein indisches Unternehmen, Mahindra & Mahindra, weiterverkauft.
Nachdem die Polizei den Streik gewaltsam niedergeschlagen hatte, setzten andere grosse koreanische Unternehmen die Streikenden auf schwarze Listen, sodass diese keine neue Stelle mehr fanden. Ausserdem verklagten SsangYong und die örtliche Polizei die Streikenden vor Zivilgericht, weil sie dem Unternehmen geschadet hatten. Die Gewerkschaftsmitglieder wurden zu saftigen Geldstrafen für „wirtschaftliche Schäden“ in Höhe von etwa 9 Millionen Dollar verurteilt – eine Summe, die diese Arbeiter:innen damals nicht hatten und in ihrem Leben auch nie haben werden. Darüber hinaus stiegen die Zinsen auf diese Bussgelder um 620.000 Won pro Tag [circa 500 Franken; Anm. d. Red.] und betrugen bald das 1,5-fache der geschuldeten Summe.
Um diese astronomischen Geldstrafen für die durch die Arbeiter:innen geleistete Gewerkschaftsarbeit zu bezahlen, beschlagnahmten die Gerichte manchmal die Löhne und das Vermögen der Beschäftigten, ihre Häuser inbegriffen. Das Geld floss im Rahmen der strengen gewerkschaftsfeindlichen Gesetze zur Entschädigung für „wirtschaftliche Schäden“ zu SsangYong Motor Company oder zur Polizei.
Infolge dieser Unterdrückung brachten sich zwischen 2009 und 2011 dreizehn SsangYong-Beschäftigte oder deren Familienangehörige um. Die letzte Aussage eines Arbeiters lautete: „Mein Gehalt wurde drastisch gekürzt, und es ist schmerzhaft, meine Kinder mit Instantnudeln zu füttern, weil ich mir keinen Reis mehr leisten kann.“ Ein anderer Arbeiter sagte zu seiner Frau: „Ich lasse dir bis zum letzten Moment nur Schulden. Es tut mir so leid.“ Zwischen 2009 und 2018 haben weitere 30 SsangYong-Arbeiter:innen aus ähnlichen Gründen Selbstmord begangen.
Solidarität setzt sich durch
Squid Game zeigt aber auch Möglichkeiten der Befreiung durch Solidarität unter den Armen auf. Viele Konkurrent:innen in der Serie sind nur darauf aus, sich selbst zu retten; beispielsweise der gierige Gangster und der amoralische Börsenmakler. Andere wenden sich dem Gebet zu, was sie jedoch nicht rettet. Am Ende sind die Figuren, die sich mit dem Leid der anderen solidarisch zeigen und sich selbst opfern, um andere zu retten, die Einzigen, die das grausame Spiel mit Würde überstehen. Einer von ihnen überlebt sogar.
Während der gesamten Squid Games zeigt der Gewerkschaftsarbeiter Gi-hun Mitgefühl für andere Teilnehmer:innen. Er mindert seine eigenen Überlebenschancen, um Teilnehmer:innen, wie beispielsweise einem kranken älteren Mann oder einer tödlich verwundeten jungen Frau, beizustehen. Sein starkes moralisches Mitgefühl wird von dem angetrieben, was in der letzten Folge als sein „Vertrauen in die Menschheit“ dargestellt wird: das Gefühl von Solidarität.
Der Held von Squid Game, der entlassene Gewerkschaftsaktivist, verkörpert den Triumph der Menschlichkeit und der Solidarität selbst gegen die brutalen Widrigkeiten des Kapitalismus. Der Einzelne mag verstreut, zerbrechlich und verzweifelt um sein eigenes Überleben kämpfen, aber die Menschen sind dennoch durch die größere moralische Verantwortung, sich umeinander zu kümmern, miteinander verbunden. Dieses motivierende Prinzip der Arbeiter:innenbewegung wird in Squid Game künstlerisch dargestellt. Am Ende ist der kämpfende Gi-hun zwar gebrochen, aber er steht immer noch aufrecht – ein anständiger Gewerkschaftsmann.
Minsun Ji ist die Gründerin einer beliebten Bildungsberatungsfirma, Labor Coop Connections. Sie war Gewerkschaftsorganisatorin, Gründerin eines Arbeitnehmerzentrums (El Centro Humanitario) in Denver und Leiterin eines Graduiertenprogramms, des Center for New Directions in Politics and Public Policy an der University of Colorado Denver. Übersetzung aus dem Englischen und kleinere Anpassungen durch die Redaktion.