Menu Schließen

Ich war schon immer Fussballfan, den Marxist in mir entdeckte ich viel später.

Am 18.01.23 organsierte die BFS-Jugend die Veranstaltung ‚Wir brauchen Systemkritik im Fussball!‘. Dazu luden wir Raphael Molter aus Berlin Köpenick ein. Er schrieb das Buch ‚Frieden den Kurven, Krieg den Verbänden‘. Bei seinem sehr gelungenen Vortrag erklärte er uns unter anderem, wie der moderne Fussball funktioniert und wie sich aktive Fans wehren sollen. Da er in diesen zwei Stunden immer erwähnte, wie toll sein Club Union Berlin und wie schön Köpenick ist, nahmen zwei BFS-Genossen die Reise nach Berlin auf sich, um sich selber ein Bild davon zu machen.  

von Charles Sérou (BFS Zürich)

Anstrengende Hinfahrt

Der Aufenthalt in Berlin Köpenick dauerte insgesamt 23 Stunden. Weil ja freitags noch gearbeitet werden muss und am darauffolgenden Sonntag der eigene Club spielte, bedeutete dies, am Freitag mit dem Nachtzug los und Sonntag früh mit dem ersten Zug zurück. 

Als Fussballfan bin ich es gewohnt, lange Strecken auf mich zu nehmen, um meinen Fussballclub spielen zu sehen. Es gilt, möglichst kurze Aufenthalte und günstige Übernachtungsmöglichkeiten zu organisieren, oder noch besser: gar keine Übernachtung, sondern auf der Rückfahrt im Car, Zug oder Flugzeug zu schlafen. Es sollen möglichst wenig Ferientage eingesetzt werden, um möglichst alle Spiele seines Vereins vor Ort mitverfolgen zu können. 

Ausgerüstet mit dem Nötigsten ging es also für mich Freitag um 19.00 Uhr an den Hauptbahnhof in Zürich. Mit drei Mate, Hummus und Brot im Gepäck war ich bereit für die Reise ins yuppige Berlin. Ziel war, möglichst billig zu reisen, doch den 14.- Franken-Zuschlag für die erste Klasse gönnte ich mir trotzdem. Nach ca. 4 Stunden und 3 Mate intus später kam dann aber die böse Überraschung: plötzlich war da eine Masse an Menschen und es passierte, eine Person kam direkt auf mich zu: «Sorry, das ist mein Platz, ich habe reserviert!» Mit grossem Gemurmel gab ich den Platz frei. Im Gang zwischen WC und Tür machte ich es mir, so gut es ging, am Boden bequem. Nun war ich bereits das erste Mal im Fussball-Auswärtsspiel-Feeling: Trainerhose, am Boden im Weg herumliegen und einen Fuck auf alles geben. Mir wurde jetzt auch klar, dass es eine sehr kurze Nacht werden würde. 

Raphi’s Lächeln vertreibt Kummer und Sorgen.

Nach etwa drei Stunden Schlaf kam ich um ca. 7 Uhr morgens in Berlin an. Voller Freude ging es nun mit der S3 nach Köpenick. Die überirdische Fahrt dauerte eine halbe Stunde. Am Ziel wartete bereits der Gastgeber (Raphi) am Perron. Mit einem Lachen im Gesicht machte er den verregneten Morgen schon vergessen. Das erste Gesprächsthema waren die Baustellen rund um den Bahnhof. Wegen dem bevorstehenden Stadionumbau kommender Saison werden sämtliche Bäume platt gemacht und neue Strassen gebaut. Raphi nervt dies ziemlich, da dadurch Köpenick ein wenig seinen Charme verliert. Unser erstes Ziel war eine Bäckerei, wo für die ganze Belegschaft in seinem Haus warme Brötchen gekauft wurden. Zwischen klassischen Plattenblöcken gab es auch ganz viele Einfamilienhäuser. Früher wohnten dort DDR-Funktionär:innen, heute reiche Menschen. Die Gentrifizierung kommt langsam auch in Köpenick an. Die typischen veganen Yuppi-Lokale hingegen haben es noch nicht bis nach Köpenick geschafft. Die Bäckerei hatte noch einen ziemlichem Dorf-Charakter. Nach dem Einkauf in der Bäckerei ging es in einem 15-minütigen Spaziergang zu einem richtig schönen Haus, bei welchem mir sofort der Gedanke kam, dass ich hier gerne Ferien machen würde. Das absolute Highlight aber waren zwei Hunde, die sehr kuschelbedürftig waren. Nach einem guten Frühstück ging es ans Beziehen von Zimmer und Schlafgemach im obersten Stock, wo ich den Genosse weckte, der schon am Vortag angereist war. Nun wurde der angehende Schlachtplan besprochen, mit Hintergrundmusik von Jack Duese. 

Griechischer Schnaps und die Abseitsfalle

Es war nun ca. 10.30 Uhr, als wir uns auf den Weg durch das verregnete Köpenick machten. Der ganzen Strasse entlang waren schönere und weniger schöne FCUB-Schriftzüge zu finden. Um 11.00 Uhr waren wir beim lokalen Griechen verabredet. Da trafen wir auf einen von vielen Fussballfreunden, die wir heute noch treffen würden. Die Küche beim Griechen war leider noch zu, so mussten wir erstmal mit einem Bier vorliebnehmen, gefolgt von einer ersten Runde Schnaps. Wenn DU jetzt denkst, dass in Ost-Berlin beim Griechen ein veganer Seitan Gyros im Angebot sei, wirst Du enttäuscht werden. Das einzige vegetarische hier war ein Halloumi Salat. Insgesamt gab es pro Person 5 Runden Schnaps aufs Haus. Der Wirt war vermutlich auch ein Unioner oder sah sie als gute Kund:innen am Spieltag. Ich und der Genosse schauten uns lachend an und beide sagten gleichzeitig: «Ich glaub ich hab langsam einen am Tee», und lachten.

Nun ging es endlich Richtung Stadion. Der Weg war nass und matschig. Es ging an einem Fluss vorbei, von welchem wir gewarnt worden waren, hier niemals – egal wie warm es auch ist – zu baden. An einem Spieltag pilgerten rund 20‘000 Menschen hier entlang, und die meisten Männer urinierten hier wild in der Gegend herum. Irgendwann sahen wir links das sehr schöne Stadion, doch unser Weg ging erstmals in die ‚Abseitsfalle‚. Einer Fankneipe von Unionfans, wie sie im Bilderbuch steht: Bier, ganz viele TVs, auf welchen unterschiedlicher Fussball läuft, überall Union-Kleber und das halbe Stadionvolk. Das war ein Ort, wo sich alle treffen, Jung und Alt sowie Ultras und Sitzplatzgänger:innen. Was dort an verschiedenen Menschen und jahrzehntelanger Union-Geschichte herumläuft, hätte Geschichtsbücher füllen können. Die Stimmung war sehr familiär, alle kannten sich und alle sagten sich hallo. Man spürte hier, wie ganz Ost-Berlin mit diesem Verein verankert ist und alle zum Spieltag gehen. 

Die Geschichte des Köpenicker 1. FC Union Berlin reicht bis 1906 zurück. Dann war der Vorläufreverein gegründet worden.

Die Alte Försterei 

Von der ‚Abseitsfalle‚ zum Stadion ging es wieder durch Matsch und Regen, so wie ich es von OpenAirs kenne. Im Stadion angekommen, ging es für uns hinters Tor ans Gitter. Das Stadion war ausverkauft. Aktuell zählt Union Berlin 50‘000 Mitglieder, doch das Stadion hat nur eine Kapazität für 22‘000 Zuschauer:innen. Der Andrang auf die Spiele ist so gross, dass seit fünf Jahren keine neuen Saisonkarten mehr ausgestellt werden können. Das neue Stadion soll 37‘700 Plätze bekommen. Die Fans sind nicht wirklich begeistert von diesem neuen Stadion. Von aussen wird das neue Stadion (wie dies auf aktuellen Bildern zu erkennen ist) etwas England-Vibes (Arsenal) haben. Hinzukommt, dass man während des Umbaus für mindestens eine Saison in den Westen ziehen musste, ins Olympia-Stadion von Hertha Berlin. Das aktuelle Stadion, die ‚Alte Försterei‚, wurde von den Fans selbst gebaut. Umso tiefer verankert ist dieses Stadion bei den Fans. Der Erfolg und die Kommerzialisierung des Fussballs zwingt Union, immer mehr von seinem Charme aufzugeben und sich zu verkaufen, wenn man weiterhin in der obersten Liga bleiben will. Darum gibt es auch kritische Stimmen aus der eigenen Fan-Szene, die sich wieder die 2. Liga zurückwünschen. 

Das Spiel ging mit 0:0 in die Halbzeitpause und riss mich nicht vom Hocker. Dies war auch der Stimmung in der Kurve anzumerken. In der zweiten Halbzeit brach der Gegner VfB Stuttgart zusammen und Union gewann fast schon locker 3:0. Die Fans des Gegners waren gerade tief im Abstiegskampf drin und machten ab der 70 Minute einen Stimmungs-Boykott. Bei Union hingegen wurde es mit jedem Tor immer lauter und wilder. 

Es fiel mir hier auf, dass die Kurve diese typischen (viele deutschen) Lieder hat, mit wenig Text und eher nicht so spannenden Melodien. Was mich hingegen beeindruckte, war, dass sie viele Wechsel-Gesänge mit den Seiten der Stehtribünen haben. Wenn das ganze Stadion zu schreien beginnt, ist das schon sehr beeindruckend. Durch die enge Verbundenheit der Fans zum Stadion wird die ‚Alte Försterei‚ zu einem richtigen Hexenkessel. Den Menschen im Stadion sah man den Stolz aufs Stadion und ihren Umgang damit definitiv an. 

Nach dem Spiel gab es „Futschi“

Nach dem Spiel ging es wieder zurück zur ‚Abseitsfalle‚. Dort angekommen, hatten wir spannende Diskussionen zur politischen Organisation in Ost-Berlin. Das Fazit hingegen war ernüchternd. Ausser bei den Parteien SPD, Linke und den Grünen, die alle momentan sehr instabil sind, gab es nicht wirklich brauchbare Alternativen. Der Tiefpunkt war jetzt erreicht, da die SPD mit der CDU eine Koalition eingeht. Raphi fasste Berlin so zusammen, dass es viele Lifestyle-Linke hat, die vor allem gerne Raven und an Technoparties gehen. Er wünscht sich, dass es in Berlin auch so was wie die BFS gäbe. 

Von der ‚Abseitsfalle‚ ging es in eine richtige Kneipe: alles verraucht, ein kleiner TV, auf welchem Fussball läuft, und rundherum Holztische und -stühle. Die Bedienung erklärte uns in einem sehr rauen Ton, dass Kartenzahlung nicht möglich sei. Wir waren rund 20 Personen und tranken Cola. Zumindest dachte ich das…bis ich merkte, dass es kein Cola, sondern Futschi-Cola war; also Cola und Weinbrand, und das für 3 Euro! Eine neue Liebe war geboren. Von nun an gibt es nur noch Futschi, und ja es ballert!

Nach einem langem Tag und einer langen Nacht ging es wieder in das schöne Ferienhaus. Mit nur drei Stunden Schlaf aus der Vornacht im Zug war ich total am Ende. Leider ging um 4 Uhr morgens bereits der Wecker los und bei mir brach die Welt zusammen. Zwei Stunden Schlaf und ab auf den Zug. Die Rückfahrt war sehr verschlafen, denn ich konnte in der 1. Klasse auch tatsächlich sitzen. Zurück in Zürich ging es direkt weiter; kurz die Taschen zu Hause hinschmeissen und ab an das nächste Spiel, das meines Herzvereins.

Nach solchen Reisen erinnere ich mich gerne zurück, an all die tollen Menschen, die ich kennengelernt habe und mit welchen ich mich trotz unterschiedlicher Lebensrealitäten sehr gut verstanden habe. Fussball verbindet und ich bereue keine Sekunde in meinem Leben, dass ich mich von diesem Virus habe anstecken lassen! Die Liebe zum Fussball und mein Interesse an der Politik bringen mich immer wieder an ganz neue schöne Orte und in Kontakt mit sehr interessanten Menschen.

Raphi stellt sich vor:

«Ich war schon immer Fußballfan, den Marxist in mir entdeckte ich viel später.»

Raphael ‘Raphie’ Molter

In Berlin-Köpenick geboren, im wunderschönen Friedrichshagen direkt am Müggelsee. Wo früher die arbeitenden Massen aus ganz Berlin im Sommer ans Wasser strömten, wo stabile Zeitgenoss:innen wie Erich Mühsam ihre ersten Gehversuche machten: Da wurde ich geboren. Und weil Biographien immer zufällig sind, sollte man es dabei auch belassen. Eigentlich. 

Denn so wenn ich auch im tiefsten Innern eine große Abneigung gegenüber unangenehmen Menschen empfand (mein späteres Ich interpretiert da gerne den natürlichen Autoritätshass in das kindliche Empfinden von Ungerechtigkeit hinein), so war ich doch in einer Familie zuhause, die konservative Einstellungen pflegte und dies mit ihrer eigenen Widerstandserfahrung aus der DDR begründete. Roter zu werden, ein Linker zu sein: Das war und ist ein Verbrechen für meine Familie. Weil man dann zu jenen zählt, die die Mauer einst heraufbeschworen und bauten. 

Und doch bin ich heute das, wogegen meine Familie immer hetzte: ein rotes Schaf. Aber, und das ist wichtig zu benennen: Ich war dies weiß Gott nicht mein ganzes Leben, und wenn ich daran denke, wie ich mit 15 oder 16 Jahren drauf war, dann schäme ich mich auch. Und bin dankbar für meine Freund:innen. 

In der DDR galt der FCUB als Verein der Unangepassten. Bei Freistössen riefen FCUB-Fans vor der Abwehrmauer des Gegners schon mal: «Die Mauer muss weg!»

Unioner war und bin ich quasi nebenbei seit meiner Geburt. Ich gehe auch nicht zum Fußball, ich gehe zu Union. Ich gehe nicht in ein Stadion, ich gehe ins Stadion an der ‚Alten Försterei‚. Ich gucke nicht mit anderen Fans ein Spiel an, ich bin mit meiner Union-Familie zuhause. Ich betrete keine Kommerz-Arena, ich habe mein Stadion mitgebaut. Erst viel später begriff ich, dass vieles von dem, was bei Union passiert, aus der DDR kam und überlebt hatte. Aus einer Gesellschaft kommend, die für ein paar Jahrzehnte dem Kapitalismus als alltagsprägender Struktur entkam. Die Beziehungen ausbildete und Gemeinschaften baute, die für Wessis kaum zu erklären sind. Denn nicht bei jedem Verein ist man eine Familie. Meist kommt der Quatsch nur, um widerliche, undemokratische Scheiße zu vermitteln und Kritik abzuwehren. Bei Unions Vereinsführung hält es sich ja genauso. Aber der Alltag um diesen Verein, den bestimmen wir, in unseren Freund:innengruppen, in unseren Bezugsgruppen. Geprägt von der DDR, mit allen schlechten (Säuferkultur, Sexismus, Rassismen, etc.) aber auch guten Sachen – damit gemeint ist vor allem ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn, der viel von konsensorientierten Entscheidungsfindungsprozessen in Kleingruppen hat. Nur nicht so benannt wird. 

Als ich mit 18 Jahren anfing, im Westteil meiner Heimatstadt zu studieren, trug ich bereits ein großes Unbehagen über die Welt im Großen wie im Kleinen mit mir mit. Mir fehlte nur die Sprache, um die Wut hinausschreien zu können, denke ich mir manchmal, auch wenn das zu vereinfacht ist. Aber so verschlang ich Kritiker:innen unseres Alltags: Von Johannes Agnoli über Silvia Federici, Erich Mühsam bis Karl Marx. Ich machte mich gerade. Geprägt von der Erkenntnis, dass menschliches Leiden, Schmerz, Trauer und Wut nicht natürlich sind: Dass unser Zusammenleben nichts Natürliches hat, sondern von uns beeinflusst werden kann. Und in diesem Moment verlor ich für einige Jahre meinen Verein aus den Augen. 

Organisierte Menschen in Berlin haben seit gefühlt 50 Jahren Probleme mit Fußballfans. Woher das kommt, ist schwer zu erklären, aber es hat gewiss etwas mit der Akademisierung der Westberliner Linken ab ca. 1960 zu tun und bestimmt auch etwas mit einer trägen Denke, die in den lauten Menschen etwas rein Bedrohliches sieht. Meine Liebe zu Union, meine Akzeptanz dafür, dass dieser Verein elementarer Bestandteil meines Lebens war und ist, hat das überdauert. Und hat mich zu einem Menschen gemacht, der sich mittlerweile online «fussballmarxist» nennt. Weil wir Fußball nicht vom Kampf um eine bessere Gesellschaft trennen sollten und weil ich bei Union lernte, was zählt: Trotz allem Mensch sein!


Zum Ruf der Union-Fans vgl. bspw. in: Pfeil, G., Thiele, T. (2001): »Ich bete für Union«, abrufbar unter: https://www.spiegel.de/sport/ich-bete-fuer-union-a-b4364a83-0002-0001-0000-000018479666 (7.05.2023); oder in: Braun, J., Wiese, R. (2019): Freundschaft über die Mauer hinweg:„Hertha und Union – eine Nation“, abrufbar unter: https://www.tagesspiegel.de/sport/hertha-und-union–eine-nation-2195863.html (7.05.2023).

Verwandte Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert