Am 25. September 2022 wird die stimmberechtigte Bevölkerung in der Schweiz über die sogenannte «Massentierhaltungsinitiative» abstimmen. Bundesrat und Parlament sprechen sich mit ihrer Empfehlung klar dagegen aus. Ein Ja zur Initiative geht aber weit über eine tierfreundliche Unterbringung und Aufzucht hinaus. Es geht letztlich um die Verteilungsgerechtigkeit eines Systems, das 70% der Agrarfläche für die Produktion von Fleisch verwendet, das nur einem Bruchteil der Menschheit zugutekommt. Es geht um die ökologische Nachhaltigkeit unserer Nahrungsherstellung im Angesicht der drohenden Klimakatastrophe.
von Charles Sérou (BFS Jugend Zürich)
Am 25. September 2022 stimmen die Stimmberechtigen in der Schweiz über vier Vorlagen ab. Die erste der kommenden Initiativen läuft unter dem Namen «Massentierhaltungsinitiative» und möchte die Tierhaltung in der Schweiz verbessern. Bei Annahme würde folgender Artikel in die Bundesverfassung hinzugefügt: «Der Bund schützt die Würde des Tieres in der landwirtschaftlichen Tierhaltung», wobei die «Tierwürde […] den Anspruch, nicht in Massentierhaltung zu leben», umfasst. D.h. Massentierhaltung würde verboten und die Mindestanforderungen in der Tierhaltung müssten an die Richtlinien von Bio-Suisse 2018 angepasst werden. Darin sind der Zugang zum Freien, die Schlachtung, die Pflege und die Gruppengrösse der Ställe geregelt. Dies würde auch für die Einfuhr von ausländischen Tierprodukten gelten.
Durch eine Annahme der Initiative würde die Tierwürde in der Schweiz staatlich geregelt. Die Tiere würden damit weniger als Produkt oder Ware behandelt, sondern eher als das, was sie sind: nämlich leidensfähige Lebewesen. Zudem fördert ein Verbot der Massentierhaltung nicht nur die Gesundheit der Tiere, sondern auch diejenige des Menschen. Denn durch die Massentierhaltung breiten sich Krankheiten schneller aus und lösen so immer wieder Pandemien aus, die auf den Menschen überspringen. In der Schweiz wären durch die Annahme der Initiative auch nur die Big Player betroffen, das sind ca. 5% (3300 Betriebe) der landwirtschaftlichen Betriebe. Der wichtigste Aspekt bleibt hierbei der positive Effekt auf die Umwelt.
Heutige Zustände in der Tierwirtschaft
Heute werden Tiere in unserer Fleisch- und Milchindustrie möglichst kostenoptimiert für einen möglichst gewinnbringenden Verzehr hochgezüchtet. Es folgt nun eine Auflistung, wie die Zustände aktuell konkret aussehen:
Hühner
Tierbestand 2020:
78 Millionen Masthühner, 3.5 Millionen Legehennen
Lebensdauer:
Masthuhn: 5 Wochen
Legehenne:
1.5 Jahre (natürliche Lebenserwartung: ca. 8 Jahre)
Höchstbestände:
Bis zu 27’000 Masthühner pro Stall (bis zu 18’000 Legehennen pro Stall)
Platzverhältnisse:
Im Schnitt pro Huhn eine A4 Seite
Lebensmissstände:
In ihren letzten Lebenswochen sind Masthühner meistens so fett, dass sie nicht mehr laufen können. Bis zu 4% der Masthühner sterben schon im Stall. 97% der Legehennen erleiden noch während sie leben Knochenbrüche. Dies, weil ihnen durch die hochgezüchtete Legeleistung (beinah täglich ein Ei) das Kalzium in den Knochen fehlt.
Die Schnäbel der Hühner werden bereits sehr früh touchiert. Ein schmerzhaftes Verfahren, bei dem der Oberschnabel des Huhnes ohne Betäubung weggeschnitten wird. Dies wird gemacht, weil sich die Hühner in so grossen engen Ställen gegenseitig anpicken, was auch zu Kannibalismus führt.
Nach bereits 1,5 Jahren (bei einer natürlichen Lebenserwartung von 8 Jahren) werden Legehennen getötet, weil die «Produktion» der Eier nachlässt. Zur Energiegewinnung werden sie zur Tötung in Bioanlagen gebracht.
Schweine
Tierbestand 2020:
2.5 Millionen Schweine
Lebensdauer:
Mastschweine 5 Monate (natürliche Lebenserwartung 15 Jahre)
Höchstbestände:
Pro Stall bis zu 1’500 Mastschweine
In den letzten 20 Jahren hat sich die die Zahl der Tiere der Tiere in Mastschweineställen verdoppelt von rund 110 auf rund 220 Schweine
Platzverhältnisse:
Auf einer Fläche von einem Parkplatz leben rund 10 Schweine
Lebensmissstände:
Schweine haben durch die menschliche Züchtung zwei zusätzliche Rippen. Das erhört den Fleischanteil und so den Gewinn pro Tier. Das Tier hat dadurch massive Rückenschmerzen, denn der Rücken hängt wortwörtlich durch.
Tatsächlich sind Schweine sehr intelligente und clevere Tiere. Wenn ihnen langweilig ist oder sie gestresst sind, tauchen Verhaltensstörung auf. Sie fangen beispielsweise an, sich gegenseitig in den Schwanz zu beissen. Rund ein Drittel der Tiere haben Bisswunden bei der Schlachtung. Es gilt in der Fleischproduktion eigentlich schon als normal, dass 2% der Schweine bereits vor der Schlachtung sterben.
Rinder
Tierbestand 2020:
500’000 Kälber
470’000 Rinder
550’000 Milchkühe
Lebensdauer:
Kälber: 5 Monate
Rinder: 20 Monate
Milchkühe: 4 bis 6 Jahre (natürliche Lebenserwartung: ca. 20 Jahre)
Höchstbestände:
Bis zur 300 Kühe/ Rinder pro Stall
Platzverhältnisse:
Je nach Gewicht stehen 1.8m2 bis 3m2 im Stall
Lebensmissstände:
Heute liefern Milchkühe rund 8000 Liter Milch pro Jahr. Früher waren es noch 4000 Liter. Die Verdopplung hat zur Folge, dass die Kühe Euterentzündungen und schmerzhafte pralle Euter haben. Kühe und Kälber werden in den ersten 24 Stunden getrennt. Dadurch kommt es bei Kälbern zur Verhaltensstörung. Durch die Enthornung wird den Jungtieren ein für das Sozialleben essenzielles Organ entfernt. Viele Kälber leiden danach unter chronischen Schmerzen.
Wichtig ist hierbei noch zu erwähnen ist, dass die Milch, die eine Mutterkuh gibt, wie beim Menschen, für das neugeborene Kalb wäre. Nur aus diesem Grund produziert eine Kuh überhaupt (Mutter-)Milch.

Auswirkung auf die Umwelt
Durch eine Annahme dieser Initiative würde die Obergrenze der Tierbestände pro Betrieb reduziert. Dadurch würden laut Bund die Ammoniakemissionen in der Landwirtschaft um ca. 2-3% (900 bis 1300 Tonnen) reduziert. Methan ist ca. 25-mal klimaschädlicher als CO2. Durch die Annahme der Initiative würden 165’000 Tonnen pro Jahr eingespart. Die Futtermittelimporte der Schweiz betragen aktuell 1,4 Milliarden Tonnen jährlich. Das sind 1,4 Milliarden Tonnen mehr Futter für die Tiere, die zusätzliche Schadstoffe erzeugen. Durch eine Verringerung der Begrenzung der Tieranzahl würde auch der Import verringert, wodurch wichtige Emission eingespart würden. Durch die heutige hohe Anzahl von Nutztieren in der Landwirtschaft werden unsere Böden überdüngt. Dadurch nehmen wir die Verringerung der Biodiversität in Kauf.
Import / Preiserhöhungen
Der Bund rechnet in nächster Zeit mit einer Verteuerung von 5 bis 20% je nach Produkt. Damit wird die Möglichkeit, billig Tierprodukte zu kaufen und dadurch im grossen Stil Tierprodukte zu konsumieren, wie es heute der Fall ist, für den Grossteil der Bevölkerung vorbei sein. Allerdings wird heute ein Drittel der gekauften Lebensmittel weggeschmissen. Durch diese Preiserhöhung würde im besten Fall ein bewusster Einkauf gefördert und eine Reduzierung unserer Wegwerfgesellschaft ermöglicht.
Mit der Annahme der Initiative würde neu die Importware auch dem neuen Schweizer Standard entsprechen. Somit hätten wir in der Schweiz die strengsten Einfuhrkriterien für Fleisch weltweit. Hier könnte allenfalls eine Kündigung der bilateralen Verträge drohen, ist aber aktuell nur spekulativ, da nicht klar ist, wie die EU wirklich darauf reagiert. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass es neue Verhandlungen geben würde. Auch die 32 Freihandelsabkommen und die 42 Partner:innen der Schweiz würden wahrscheinlich neuverhandelt, falls die anderen Länder die Anpassungen nicht einfach so akzeptierten.
Neudenken des Konsumverhalten
Durch die Annahme der Initiative würde Fleisch generell auch für Endkonsument:innen teurer werden. Nach der bürgerlichen Logik könnten sich Menschen mit tieferen Einkommen so weniger Tierprodukte leisten als Reiche. Das könnte man allerdings umgehen, indem für Menschen mit tiefen Einkommen eine Lebensmittelprämie ausbezahlt würde.
Was aber die Initiative in meinen Augen ursprünglich will, ist, dass der Mensch einen bewussteren Umgang mit Tierprodukten aufbaut. Dadurch, dass aktuell alles so billig ist und in Massen hergestellt wird, hat der:die Endkonsument:in von den Kosten der Herstellung von Tierprodukten keine Ahnung. Weltweit werden durchschnittlich pro Kopf 40 kg Fleisch pro Jahr verzehrt, in der Schweiz liegt der Schnitt sogar etwas höher. Das ist doppelt so viel wie vor 50 Jahren. Dazu kommt, dass die Bevölkerung so stark gewachsen ist, dass es dadurch fast die 5-fache Fleischmenge ist wie damals. Diese Zahlen zeigen, dass wir viel zu viel Platz für die Herstellung von tierischem Essen brauchen. Eine bewusste starke Reduzierung von Tierprodukten oder gar der Verzicht ist unausweichlich, wenn wir noch irgendwie die Klimakrise abfedern wollen.
Quellen auf Anfrage