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Gesundheitskosten in der Schweiz: Aus der Explosion die Luft rauslassen (II)

Die Haushaltsbudgets werden im Bereich der Krankenversicherung vom System der Kopfprämien erdrückt. Lohnabhängige Beiträge, wie jene für die AHV, würden das Problem lösen. Wir haben dies im vorhergehenden Artikel dieser Serie  gezeigt. Gibt es aber nicht trotz allem eine „Explosion“ der Gesundheitskosten, die schlussendlich die Wirtschaft abwürgen und die Haushaltsbudgets ruinieren wird?

von Benoit Blanc; aus alencontre.org

Der Vergleich hinkt nicht…

Beginnen wir mit einem Vergleich. Im Jahr 2015 wurden die Gesundheitsausgaben offiziell auf 77,8 Milliarden Franken geschätzt. Im Jahr 2014 (letztes verfügbares Jahr) wurden die Gesamtausgaben für den Strassenverkehr auf 75 Milliarden Franken geschätzt. Hat deswegen irgendjemand behauptet, der Strassenverkehr sei dabei, die Wirtschaft abzuwürgen oder die Haushaltsbudgets zu ruinieren?
Darauf wird man uns entgegnen: Aber der Strassenverkehr ist doch von zentraler Bedeutung für die Wirtschaft (das stimmt und er ist auch ein seriöses Geschäft!). Und auf das Gesundheitssystem trifft das nicht zu? Wer trägt denn zur Gesundheit der Bevölkerung und damit zu ihrer Arbeitsfähigkeit bei? Wer dient als sehr profitabler Absatzkanal für die Pharma- oder Gesundheitsindustrie? Wo arbeiten acht von zwölf erwerbstätigen Menschen? Und so weiter…
Und wie sieht es mit der Finanzierung aus? Im Jahr 2014 hat der Staat 11,5% der Ausgaben für den Strassenverkehr finanziert. Im Gesundheitsbereich liegt dieser Anteil bei 29,4%. Dabei ist der Kern des Problems aus Sicht der bürgerlichen Kreise: die öffentlichen Gesundheitsausgaben. Denn deren Wachstum kollidiert mit ihrer strategischen Ausrichtung einer steuerlichen Entlastung der Unternehmen und Menschen mit hohem Einkommen.
So möchten die Rechten die Prämienverbilligungen einfrieren, oder sogar kürzen – wie im Kanton Luzern – um Steuererleichterungen für Unternehmen und Reiche zu finanzieren. Die Erhöhung der Krankenkassenprämien erschwert das aber. Das ist das Problem dieser Damen und Herren!
Was den Rest betrifft: Zum Teufel mit dem Geiz! Haben diese Menschen sich jemals über die wahnsinnigen Gewinne der Pharmaunternehmen beschwert? Oder die 20%ige Gewinnspanne der Hirslanden-Gruppe (Privatkliniken usw.)? Über die guten Geschäfte der Versicherungen? Über den Wohlstand der grossen Pharma-Ketten wie Galenica, Roche oder Novartis? Über das wachsende Business der Altersheime oder der Pflege zu Hause?

Eine normale „Explosion“

„Im internationalen Vergleich nähern sich die öffentlichen Ausgaben für das Gesundheitswesen in der OECD-Zone einander an“, stellte P.-Y. Cusset [französischer Soziologe] in einem offiziellen Arbeitspapier fest, das im Juni 2017 zum Thema Langfristige Determinanten der Gesundheitsausgaben in Frankreich veröffentlicht wurde. Das trifft voll und ganz auf die Schweiz zu; es gibt keine „Explosion“, die der Schweiz eigen wäre, aufgrund einer „Ineffizienz“ oder aussergewöhnlichen „Verschwendung“ ihres Gesundheitssystems. (Zu diesem Thema siehe auch hier)
Die bestimmenden Faktoren dieser Entwicklung sind bekannt und werden in der erwähnten Studie in Erinnerung gerufen. Einerseits, und das ist der wichtigste Faktor, gibt es einen Einkommenseffekt: Die Gesundheitsausgaben steigen mit steigendem verfügbarem Einkommen, was die „Präferenz“ der Menschen für die Gesundheitsversorgung aufzeigt. Will heissen: die Wichtigkeit, die sie Gesundheit und medizinischem Fortschritt beimessen – was aber seine Kosten hat. Andererseits ist ein gewisser Effekt aufgrund des wachsenden Anteils älterer Menschen zu beobachten, dessen Bedeutung Diskussionsgegenstand ist.
Was bedeutet nun diese Feststellung? Erstens, dass die Höhe der Gesundheitsausgaben in der Schweiz aus wirtschaftlicher und sozialer Sicht weder aussergewöhnlich, noch besonders beunruhigend ist. Zweitens: Vorzugeben, dass man diese Kurve durch Massnahmen wie Listen von Operationen, die nur ambulant durchgeführt werden, eine Reform der medizinischen Tarifstruktur (Tarmed) oder eine demagogische Kampagne zum Thema der „Millionärs“-Ärzte signifikant ändern könnte, ist eine Irreführung. Sie dient dazu, dass die Bevölkerung andere unpopuläre Massnahmen schluckt. Es gibt ein einziges Land in Europa, das seit dem Beginn des Jahrzehnts seine Gesundheitsausgaben um 25% reduziert hat: Griechenland! (Gemäss der neuesten im Januar 2018 veröffentlichten Umfrage des GSEVEE [Institut, das Studien zu griechischen KMUs erstellt] verschieben 47,8% der Bevölkerung medizinische Behandlungen, weil sie sich auch kleine Ausgaben nicht leisten können. Die Situation des Systems ist mehr als erbärmlich).

Eine rationale „Explosion“

Die Debatte über die Gesundheitsausgaben wird ausserdem so geführt, als ob diese Ausgaben (fast) keinen Nutzen hätten. Man könnte beinahe vergessen, dass das Gesundheitssystem zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung (und damit seiner Lebensqualität, aber auch seiner Arbeitsfähigkeit) und zur Verlängerung der Lebenserwartung beiträgt.
Michael Grignon, bis 2017 Geschäftsführer des Centre for Health Economics and Policy Analysis (CHEPA) in Kanada, thematisierte diesen Punkt bei einer Konferenz an der Universität Lausanne am 2. Juli 2013 mit dem Titel „Alternde Bevölkerung und Gesundheitssystem: Tsunamiwelle oder rationale Wahl? Er machte auf folgende Elemente aufmerksam:

  1. Die Auswirkung der Alterung der Bevölkerung auf die Gesundheitsausgaben ist aus wirtschaftlicher Sicht durchaus zu bewältigen.
  2. Die Steigerung der Gesundheitsausgaben ist v.a. mit dem medizinischen Fortschritt verbunden, der wiederum einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der Gesundheit der Bevölkerung und ihrer Lebenserwartung leistet.
  3. Die Zunahme der Gesundheitsausgaben kann also als rationale Wahl der Zweckwidmung von Ressourcen angesehen werden: Gesellschaften, deren Einkommen steigt, verwenden einen höheren Teil ihrer Ressourcen für ein Gut, das von der Gesellschaft als besonders wertvoll angesehen wird, die Gesundheit.
  4. Die steigende Lebenserwartung bedeutet, dass die jüngeren Generationen länger leben werden als ältere Menschen, insbesondere dank Investitionen in die Gesundheit. In Wirtschaftssprache umgesetzt heisst das, dass diese jungen Generationen in Bezug auf den „Wert“ der gewonnen Jahre reicher sind. Aus dieser rein wirtschaftlichen Sicht (und ohne sonstige soziale Überlegungen) ist es gerecht, dass die jungen Generationen im Gegenzug zur Finanzierung der medizinischen Versorgung der älteren Generationen beitragen. Dazu kommt, dass die heutigen Gesundheitsausgaben eine Investition sind, die es ermöglichen, die medizinischen Leistungen der Zukunft zu verbessern, wovon die jüngeren Generationen in grösserem Ausmass profitieren.

Zusammengefasst ist das ständige Herumreiten auf der „Kostenexplosion im Gesundheitswesen“ eine Irreführung, die zwei Zwecken dient:

  1. Sie soll vom wirklichen Problem ablenken: der Verteilung der Finanzierung dieser Ausgaben.
  2. Sie soll den Schein erwecken, dass es unausweichlich ist, allen die beste verfügbare medizinische Versorgung zu garantieren, weil „das wirtschaftlich untragbar wäre“. Kurz: eine Mehrklassenmedizin soll legitimiert werden.

Teil 1 des Artikels findet man hier. Übersetzung durch RZ.

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1 Kommentar

  1. Pingback:Gesundheitskosten in der Schweiz: Das Problem ist die Finanzierung, nicht die Höhe der Kosten (I)

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