Der im Juni 2022 auf sozialismus.ch erschienene Beitrag über die Finanzierung der AHV hat gezeigt, dass diese in den nächsten Jahrzehnten kein Problem darstellt: Es ist schlichtweg falsch zu behaupten, dass die steigende Lebenserwartung eine Erhöhung des Rentenalters aus finanziellen Gründen unumgänglich macht. Umfragen zeigen jedoch, dass die Lebenserwartung das Hauptargument derjenigen ist, die im September 2022 ein Ja zur Erhöhung des Rentenalters für Frauen einlegen wollen. Wir sollten daher diese angebliche „Offensichtlichkeit“ untersuchen, wonach es, weil man länger lebt, auch „normal“ wäre, länger zu arbeiten.
von Benoit Blanc; aus ssp-vpod.ch
Lebenserwartung…welche?
Die Lebenserwartung bei der Geburt betrug im Jahr 2020 81 Jahre für Männer und 85,1 Jahre für Frauen. Sie ging zwischen 2019 und 2020 aufgrund der Covid-19-Pandemie zurück. Seit 1970 ist die Lebenserwartung bei der Geburt für Männer um 10,9 Jahre und für Frauen um 8,9 Jahre gestiegen. Dies sind die Zahlen, die in der Rentendebatte am häufigsten genannt werden.
Eine andere, entscheidende Tatsache wird dabei jedoch „vergessen“: die Lebenserwartung bei guter Gesundheit. Sie gibt an, wie viele Jahre die Menschen voraussichtlich leben werden, ohne dass sie unter gesundheitlichen Problemen leiden, die sie in ihrem täglichen Leben einschränken – ein wichtiger Faktor, wenn es um die Arbeit geht. Das Bundesamt für Statistik (BFS) berechnet die Lebenserwartung alle fünf Jahre, indem es demografische Informationen über die Lebenserwartung bei der Geburt und Informationen über den Gesundheitszustand der Bevölkerung, basierend auf der Schweizerischen Gesundheitsbefragung (SGB), miteinander kombiniert. Im Jahr 2017 (letztes verfügbares Jahr) betrug die Lebenserwartung in guter Gesundheit 69,8 Jahre für Männer und 70,8 Jahre für Frauen.i
Die Lebenserwartung bei guter Gesundheit ist also deutlich geringer als die „allgemeine“ Lebenserwartung. Sie liegt beim derzeitigen gesetzlichen Rentenalter nur 5 oder 6 Jahre höher, und es gibt kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Eine Erhöhung des Rentenalters, tendenziell auf 67, 68 oder 69 Jahre für alle, wie sie von rechten Kreisen und Unternehmer:innen schamlos gefordert wird, bedeutet daher, dass der Grossteil der gesunden Rentenjahre wegfällt.
Die Lebenserwartung bei guter Gesundheit ist zwar gestiegen. 1992, im ältesten Jahr, für das Daten verfügbar sind, betrug sie 63,9 Jahre für Männer und 65,3 Jahre für Frauen. Der Anstieg wurde jedoch 2007 gestoppt, und seither gab es keine nennenswerten Fortschritte mehr. Vor allem aber ist das Argument, dass die Lebenserwartung bei guter Gesundheit früher niedriger war als das Rentenalter, ein sehr seltsames Argument.
Bereits heute hat ein nicht unerheblicher Teil der Menschen mit den schwierigsten Lebens- und Arbeitsbedingungen eine Lebenserwartung bei guter Gesundheit unterhalb des gesetzlichen Rentenalters!
Lebenserwartung… von wem?
Die Lebenserwartung, ob „allgemein“ oder bei guter Gesundheit, ist ein Durchschnittswert. Hinter Durchschnittswerten können sich jedoch erhebliche Unterschiede verbergen. Dies ist bei der Lebenserwartung der Fall, und diese Unterschiede entsprechen sozialen Ungleichheiten.
Es gibt individuelle Unterschiede bei der Gesundheit. Aber die grundlegenden Unterschiede sind sozialer Art und lassen sich durch soziale Ungleichheiten erklären, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als soziale Determinanten von Gesundheitii bezeichnet werden: „Soziale Determinanten von Gesundheit haben einen bedeutenden Einfluss auf gesundheitliche Ungleichheiten. […] Die Forschung zeigt, dass soziale Determinanten einen grösseren Einfluss auf die Gesundheit haben können als die Gesundheitsversorgung oder die Wahl des Lebensstils„. Zu den sozialen Determinanten zählt die WHO unter anderem: Einkommen, Sozialschutz, Bildung, Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung, Arbeitsbedingungen, Ernährungsunsicherheit, Wohnbedingungen, Entwicklungsbedingungen in der Kindheit, soziale Inklusion und Nichtdiskriminierung… mit anderen Worten: die verschiedenen Dimensionen der sozialen oder Klassenposition jeder und jedes Einzelnen.
Die sozialen Ungleichheiten im Gesundheitsbereich führen zu grossen sozialen Ungleichheiten bei der Lebenserwartung: Menschen mit schlechteren Lebensbedingungen und anstrengender Arbeit haben eine geringere Lebenserwartung. Diese Tatsache wird durch zahlreiche wissenschaftliche Studien auf internationaler Ebene belegt.
Für die Schweiz gibt es dazu leider nur wenige Daten. Die aktuellsten sind: In den Jahren 2011-2014 war die Lebenserwartung von 30-jährigen Männern mit einer Ausbildung, die der obligatorischen Schulzeit entsprach, um 4 Jahre niedriger als die von gleichaltrigen Männern mit einer Ausbildung auf Tertiärstufe (Universität, Fachhochschule)iii; bei 30-Jährigen mit einer Ausbildung auf Sekundarstufe (Lehre) betrug der Unterschied 2,7 Jahre. Bei den Frauen waren die Unterschiede mit 1,3 Jahren bzw. 0,7 Jahren weniger gross. Das Bildungsniveau an sich ist nicht der Grund für diese Ungleichheiten: Bildung dient als ein sehr grober Index für die soziale Stellung.
Und wie sieht es mit der Lebenserwartung bei guter Gesundheit aus? Internationale Daten zeigen einen klaren Trend: Hier sind die sozialen Ungleichheiten noch grösser. In einer Referenzstudie für England im Zeitraum 1999-2003 wurde festgestellt, dass zwischen den wohlhabendsten und den ärmsten Wohngebieten ein Unterschied von 17 Jahren bei der behinderungsfreien Lebenserwartung (eine andere Art, die gute Gesundheit zu messen) und ein Unterschied von 7 Jahren bei der Lebenserwartung „allgemein“ bestandiv.
Für die Schweiz gibt es dazu keine Daten. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass der Trend derselbe ist. Denn in jedem Alter ist der Anteil der Personen, die sich als gesund bezeichnen, bei den Personen mit den schlechtesten Lebensbedingungen deutlich geringer. So waren 2017 89% der 45 bis 64-Jährigen mit Hochschulbildung gesund, verglichen mit 63% der gleichaltrigen Personen, die nur die Pflichtschule abgeschlossen hatten (26% Unterschied!). Bei den 65-Jährigen und Älteren betrug der Anteil 82% und 58% (24% Unterschied)v. Zu diesen Ungleichheiten beim Gesundheitszustand kommen noch die Ungleichheiten bei der Lebenserwartung hinzu. Da die durchschnittliche Lebenserwartung bei guter Gesundheit für die gesamte Bevölkerung derzeit bei etwa 70 Jahren liegt, bedeutet dies, dass bereits heute ein nicht unerheblicher Teil der Menschen mit den schwierigsten Lebens- und Arbeitsbedingungen eine Lebenserwartung bei guter Gesundheit unterhalb des gesetzlichen Rentenalters hat! Eine Erhöhung des Rentenalters wird weitere Bevölkerungsschichten in diese Position bringen.
Arbeit, Gesundheit und Rente
Die Arbeitsbedingungen sind eine der grundlegenden Dimensionen der sozialen Determinanten von Gesundheit. Es gibt unzählige Erhebungen, die den Zusammenhang zwischen belastenden Arbeitsbedingungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen aufzeigen. Die jüngste landesweite Studie, die das BFS im Oktober 2021vi veröffentlichte, zeigt, dass Personen, die bei ihrer Arbeit mit einer Kumulation von Arbeitsbedingungen konfrontiert sind, die ein Risiko für ihre körperliche Gesundheit darstellen können (z.B. repetitive Bewegungen, Tragen von schweren Lasten, schmerzhafte oder ermüdende Körperhaltungen einnehmen müssen) oder ein Risiko für ihre psychische Gesundheit sind (z.B. unter hohem Zeitdruck stehen, mit schwierigen Kunden oder Patient:innen umgehen müssen oder eine hohe emotionale Belastung aushalten müssen), geben drei- bis viermal häufiger an, dass ihre Gesundheit nicht gut ist, als Personen, die keinen derartigen Risiken ausgesetzt sind.
Der Studie zufolge ist der Wirtschaftszweig „Gesundheits- und Sozialwesen“, zu dem u.a. das Personal in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Kindertagesstätten gehört, der Wirtschaftszweig, dessen Beschäftigte – in erster Linie Frauen – am häufigsten gleichzeitig diesen beiden Arten von riskanten Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind. Gesundheitsprobleme am Arbeitsplatz sind also nicht spezifisch für [industriell-gewerbliche] Branchen, die „im Niedergang“ und traditionell männlich sind. Die Intensivierung der Arbeit in den letzten Jahren hat Probleme nur noch verschärft. Wenig überraschend sind es Männer und Frauen in den am wenigsten anerkannten, untergeordneten und am schlechtesten bezahlten Positionen, die auch am häufigsten diesen belastenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind.
Tut, was ich sage, nicht was ich tue…
An dieser Stelle ist eine kurze Zusammenfassung der Situation erforderlich.
Wer sind die Befürworter:innen einer Erhöhung des Rentenalters? Die rechten Parteien und die Unternehmer:innenkreise. Sie repräsentieren die kleine Minderheit, die den grössten Teil des Wohlstands für sich beansprucht, die die höchsten Einkommen, sowie die besten Lebens- und Arbeitsbedingungen hat. In ihren Reihen ist die Lebenserwartung am höchsten. Und in ihren Reihen befinden sich auch die Personen, die vorzeitig in den Ruhestand gehen und die höchsten Renten kassieren. Laut der Statistik der Neurenten des Bundesamts für Statistik (BFS)vii erhalten Männer, die mit 58 oder 59 Jahren in Rente gehen, im Durchschnitt die höchsten Renten aus der zweiten Säule: rund 3500 Franken pro Monat im Jahr 2020, gegenüber etwas mehr als 2150 Franken für Männer, die mit 65 Jahren in Rente gehen (sie haben die niedrigsten Renten). Bei den Frauen ist der Unterschied ähnlich, allerdings auf einem deutlich niedrigeren Niveau: rund 2100 Franken im Alter von 58 Jahren und 1300 Franken im Alter von 64 Jahren.
Wem erzählen diese Anhänger:innen der Erhöhung des Rentenalters, dass es „normal“ sei, länger zu arbeiten, da doch die Lebenserwartung stetig steige? Der Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung, die schlechtere oder sogar sehr viel schlechtere Lebensbedingungen hat als sie selbst; die häufig Arbeitsbedingungen hinnehmen muss, die ihre Gesundheit ernsthaft beeinträchtigen; die eine (deutlich) geringere Lebenserwartung bei guter Gesundheit hat; die allzu oft nur Anspruch auf Renten hat, die eine Frühpensionierung unmöglich machen; und die manchmal sogar gezwungen ist, ihre Erwerbstätigkeit über das gesetzliche Rentenalter hinaus zu verlängern, um genug zum Überleben zu haben.
Nicht in die Falle tappen
Das ist die soziale Realität, von der wir ausgehen müssen. Sie hat nichts mit der ewigen Leier von der steigenden Lebenserwartung zu tun, die für alle gleich sei. Wir dürfen also nicht in diese Falle tappen:
1. Es gibt keine finanzielle „Notwendigkeit“, das Rentenalter zu erhöhen.
2. Die Erhöhung des Rentenalters wird ungleiche und ungerechte soziale Folgen haben. Sie wird eine zusätzliche Belastung für all diejenigen sein, die bereits jetzt die schlechtesten Lebensbedingungen, die anstrengendste Arbeit und die schlechteste Gesundheit haben, und wird sie in ein unmögliches Dilemma bringen: noch länger arbeiten und dabei ihre Gesundheit riskieren oder vorzeitig aufhören und im Ruhestand ein miserables Einkommen erhalten. Die Minderheit mit dem besten Einkommen, den besten Arbeitsbedingungen und der besten Gesundheit hingegen wird es sich immer leisten können, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen, wenn sie dies wünscht.
3. Die Erhöhung des Rentenalters ist nicht notwendig, damit Menschen, die länger arbeiten möchten, weil sie sich gesund fühlen und ihre Arbeit mögen, dies auch tun können. Schon heute kann man den Zeitpunkt, an dem man die AHV bezieht, bis auf 70 Jahre hinauszögern. Man muss nur ein Unternehmen finden, das einen behalten will… und das sich nicht dafür entscheidet, einen mit 60 zu entlassen und durch jemand Jüngeren und Billigeren zu ersetzen…
4. Für die Mehrheit der Beschäftigten wäre heute eine Herabsetzung des Rentenalters notwendig. Eine solche Verkürzung der Lebensarbeitszeit wäre eine Antwort auf die zunehmende Intensivierung der Arbeit, die sie verschleisst.
Übersetzung durch die Redaktion.
i BFS, Gesundheit – Taschenstatistik 2022, 2022.
ii https://www.who.int/health-topics/social-determinants-of-health#tab=tab_1
iii BFS, Gesundheit – Taschenstatistik 2019, 2019.
iv Fair Society Healthy Lives (The Marmot Review), 2010.
v BFS, Gesundheit – Taschenstatistik 2022, 2022.
vi BFS, Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (SAKE) 2020 Arbeitsunfälle und andere arbeitsbedingte Gesundheitsprobleme, 2021.
vii BFS, Bezüger/innen einer neuen Altersrente und monatlicher Betrag pro Person, berufliche Vorsorge (Pensionskassen und Freizügigkeitseinrichtungen), nach Geschlecht und Alter, 2022.