Vor 100 Jahren stürzten die russischen Arbeiter*innen, Bäuer*innen und Soldaten die bürgerliche Provisorische Regierung und eroberten unter Leitung der Bolschewiki die politische und ökonomische Macht im damaligen Russland. In einer dreiteiligen Serie möchten wir nun die historischen Ereignisse des revolutionären Russlands 1917 aufarbeiten, die zentralen Fragen beleuchten und damit nicht nur der stalinistischen, sondern auch der bürgerlichen Geschichtsschreibung, die auch heute noch in der Russischen Revolution das Grundübel des 20. Jahrhunderts erkennt, Gegensteuer geben. Im ersten Teil thematisierten wir die Februarrevolution 1917, die Kriegs- und die Agrarfrage sowie die unterschiedlichen Positionen innerhalb der bolschewistischen Partei. Im folgenden Teil werden die Entwicklung der Julitage bis zum Oktoberaufstand betrachtet. (Red.)
von Manuel Kellner; aus SoZ
Die Julitage und der Kornilow-Putsch
Eine große Demonstration am 18. Juni 1917 in Petrograd hatte den inzwischen überwältigenden Einfluss der Bolschewiki unter den Arbeiterinnen und Arbeitern der Hauptstadt gezeigt. Mehr war durch Demonstrationen allein nicht zu erreichen. Doch für einen Aufstand war es zu früh, weil im großen Russland insgesamt noch keine Mehrheit zu sehen war, die einen solchen Umsturz gedeckt hätte. Darum bemühten sich die Bolschewiki, die siedenden Gemüter zu kühlen und die Massen der Hauptstadt von Aktionen abzuhalten, die nur zu unnötigen Konfrontationen geführt hätten.
In der Süddeutschen Zeitung vom 8. März 2017 heißt es dazu: «Die linksradikalen Bolschewisten versuchen im Juli 1917 einen Staatsstreich und werden von regierungstreuen Truppen zusammengeschossen.» Das ist die Mutter aller Fake News, die bürgerliche Journalisten immer noch voneinander abschreiben, mit dem Ziel, die Bolschewiki als Putschisten zu verleumden. Mit der historischen Wahrheit, also mit dem, was sich in den Julitagen wirklich abgespielt hat, hat diese an den Haaren herbeigezogene Behauptung nichts zu tun.
Der Generalstreik und die bewaffneten Massendemonstrationen am 3. und 4. Juli 1917 (alter Kalender) entsprachen der explosiven Stimmung unter den Arbeitern und den meisten Soldaten der Hauptstadt. Die Bolschewiki hatten unbewaffnete Demonstrationen vorgeschlagen, nahmen aber an der Aktion Teil, um sie in friedliche Bahnen zu lenken. Die Parteiorganisation der Bolschewiki von Petrograd rief am 6. Juli 1917 zum Abbruch der Aktionen und zur Wiederaufnahme der Arbeit auf.
Ab dem 5. Juli 1917 muss sich Lenin wegen der absurden Beschuldigung, ein bezahlter Agent des Deutschen Reichs und der Hohenzollern zu sein, vier Monate lang versteckt halten. Unter Beschuldigungen wie der, einen bewaffneten Aufstand zu planen, aber auch mit der mehr oder weniger offenen Verleumdung, im Sold der Deutschen zu stehen, wurden viele Bolschewiki verhaftet, ihre Zeitung Prawda verboten. Die Provisorische Regierung erteilte sich selbst Sondervollmachten, was sie nicht nur mit der Gefahr von links, sondern auch mit der Gefahr eines reaktionären Militärputschs begründete.
Die Reaktion erhob nun ihr Haupt, und die von den Mehrheitssozialdemokraten beherrschten Räte schienen ihre revolutionäre Rolle ausgespielt zu haben. Die Bolschewiki stützten sich in dieser Zeit zunehmend auf die basisnahen Fabrikdelegierten und -komitees, in denen sie bereits eine eindeutige Mehrheit hatten.
Die Atempause für die Regierung Kerenski konnte aus vielen Gründen nicht lange andauern. Der wichtigste Grund dafür war der völlige Misserfolg der beschlossenen kriegerischen Offensive. Vom 18. Juni 1917 bis zum 6. Juli 1917 fielen nach Angaben des Hauptquartiers an der Südwestfront 56’000 Mann. Als Ursache des Scheiterns wurde die Tatsache genannt, die Vorgesetzten hätten bis hin zum Oberbefehlshaber bei den Soldaten keine Autorität mehr genossen.
Der Oberkommandierende der Armee, L.G. Kornilow, entpuppte sich mehr und mehr als Kandidat für einen Militärputsch nicht nur gegen die Räte, sondern auch gegen die Provisorische Regierung. Sein extrem reaktionäres Programm verwirklichte allerdings bereits die Regierung Kerenski in wichtigen Teilen: Feldgerichte und Todesstrafe für Soldaten, Erhöhung des Brotpreises um das Doppelte, Schutz der Großgrundbesitzer vor Enteignungen, Vorbereitung der Räumung des revolutionären Petrograd, Zusammenziehung von konterrevolutionären Truppen um die Hauptstadt im Einvernehmen mit Kornilow.
Am 26. August 1917 schiebt Kornilow den schwankenden Kerenski beiseite und führt Truppen gegen Petrograd. Die Bolschewiki sind zu dieser Zeit bestenfalls eine halblegale Partei, von der Kerenski-Regierung verfolgt, die ihrerseits von den Menschewiki und Sozialrevolutionären gedeckt wird. Die Partei Lenins und Trotzkis zögert aber keine Sekunde, um mit ihren politischen Gefängniswärtern gemeinsame Sache gegen den Putschgeneral zu machen.
Noch im Gefängnis erteilt Trotzki einer Delegation Kronstädter Matrosen, die am liebsten gleichzeitig mit Kerenski und Kornilow abgerechnet hätten, folgenden Rat: «Legt euer Gewehr auf die Schulter von Kerenski und schießt auf Kornilow.»
Überall wurden einheitliche Verteidigungskomitees gebildet, in denen die bolschewistische Minderheit bald die führende Rolle spielte. Kornilows Putschversuch endete ohne viel Blutvergießen, weil ihm seine Soldaten angesichts der Breite des Widerstands und der Aussicht, auf ihre Brüder und Kameraden schießen zu müssen, nicht mehr gehorchen wollten.
Trotzki schrieb 1932 rückblickend: «Nach dem 3. September 1917 schlug Lenin […] den Menschewiki und Sozialrevolutionären […] vor: Nehmt die Macht, wir werden euch gegen die Bourgeoisie helfen; garantiert uns volle Agitationsfreiheit, und wir gewährleisten euch friedlichen Kampf um die Mehrheit im Sowjet. […] Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre lehnten […] den neuerlichen Vorschlag einer Einheitsfront gegen die Bourgeoisie ab.»
September: Kurs auf den bewaffneten Aufstand
In den Wochen vor der Niederschlagung des Kornilow-Putsches hatten die Bolschewiki ihre Losung «Alle Macht den Sowjets» zurückgenommen, weil die Räte (Sowjets) von Kräften beherrscht wurden (den Menschewiki und Sozialrevolutionären), die offen die bürgerliche Regierung Kerenski unterstützten, welche die Entwaffnung der Arbeiterinnen und Arbeiter, vor allem in Petrograd, und die Unterdrückung der revolutionären Linken betrieb. Darum suchten die Bolschewiki in dieser Zeit Rückhalt bei den Fabrikkomitees und anderen Massenorganisationen, in denen sie bereits die Mehrheit hatten.
Die Tatsache, dass die Bolschewiki bei der Niederschlagung des Putsches (die die Regierung Kerenski und die von Menschewiki und Sozialrevolutionären dominierten Sowjets vor dem Untergang bewahrte) eine herausragende Rolle gespielt hatten, während die Regierung Kerenski weitgehend das Programm Kornilows durchzuführen bemüht war, änderte die Lage Anfang September 1917 grundlegend. Der Einfluss der Bolschewiki in den Räten wurde nach den jüngsten Erfahrungen immer größer. In dieser Situation stellten die Bolschewiki die Losung «Alle Macht den Räten!» wieder auf. Sie hielten es für möglich, die Eroberung der Macht nunmehr wieder auf friedlichem Weg zu erreichen, indem sie die Mehrheit in den Räten eroberten. Sie schlugen den Menschewiki und Sozialrevolutionären einen neuen Pakt gegen das Kapital und die Regierung Kerenski vor, in dessen Rahmen der Meinungsstreit in den Räten geführt werden sollte.
Erst die Ablehnung dieses Vorschlags durch die Menschewiki und Sozialrevolutionäre versperrte diesen Weg. Dadurch wurde die Losung «Alle Macht den Räten» rasch zur Perspektive der Macht für die Räte mit bolschewistischer Mehrheit – und von da an entwickelte sich in der Führung der Bolschewiki die Orientierung auf den bewaffneten Aufstand.
Dazu gab es durchaus kontroverse Positionen. Noch im Oktober 1917 stimmten zwei Mitglieder des Zentralkomitees, Sinowjew und Kamenew, nicht nur gegen den Aufstand, sondern agitierten auch öffentlich dagegen. Doch gab es auch Zwischenpositionen: «im Prinzip» für den Aufstand, aber nichts übereilen… Es ist auch schwierig, die damaligen Meinungsverschiedenheiten zu beurteilen, unterschiedliche Meinungen zum Tempo und zum konkreten Vorgehen gab es auch im Lager der unbedingten Befürworter des Aufstands.
Eine wichtige Episode war die sogenannte «Demokratische Beratung» bzw. das «Vorparlament», das die Regierung Kerenski sich selbst mit «passenden» Mehrheiten fabriziert hatte, um sich den Anschein einer demokratischen Legitimation zu geben. Die Bolschewiki waren darin in der zweiten Septemberhälfte mit einer Fraktion vertreten, die eine recht kleine Minderheit darstellte, während sie in den Räten beider Hauptstädte (Petrograd und Moskau) bereits die Mehrheit hatten.
Lenin schrieb dazu am 22. September 1917: «Man muss das Vorparlament boykottieren. Man muss in den Sowjet der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten, in die Gewerkschaftsverbände, überhaupt zu den Massen gehen. Man muss die Massen zum Kampf aufrufen.» In diesen Fragen der grundlegenden Orientierung war Trotzki mit Lenin einer Meinung. Am 23. September 1917 schrieb Lenin: «Trotzki ist für den Boykott eingetreten. Bravo, Genosse Trotzki!» Die Fraktion der Bolschewiki war aber mehrheitlich gegen den Boykott.
In einer nützlichen Dokumentensammlung Die russische Revolution 1917 [München: dtv, 1964] finden sich Texte von Lenin, der sich aus seinem Versteck heraus entschieden für den Kurs auf den Aufstand einsetzte. Überschrieben sind diese Texte mit «Lenins Hetze zum Aufstand». Doch handelte es sich nicht um «Hetze», sondern um eine ganz rationale Argumentation: Der Aufschwung der Revolution auf internationaler Ebene, die bolschewistische Mehrheit in den entscheidenden Räten, der entfesselte Bauernkrieg, die Ablehnung der Fortführung des Krieges durch die Mehrheit der Soldaten und die Tatsache, dass nur die Übernahme der Macht durch die Arbeiterklasse die Revolution vor der Niederlage bewahren konnte, setzte den Aufstand auf die Tagesordnung, um die Macht so schnell wie möglich zu erobern und den Räten zu übergeben.
Die stalinistische Geschichtsfälschung hat später aus Lenin einen kanonisierten Heiligen gemacht. Die «Unfehlbarkeit» Lenins war ein Hilfsmittel zur Durchsetzung der «Unfehlbarkeit» Stalins und der stalinistischen Führung. Doch Lenin war natürlich nicht unfehlbar. Weil er sich verstecken musste, war er weit ab vom Schuss. Seine Orientierung auf den Aufstand setzte sich durch, weil sie der Stimmung der proletarischen Mitglieder der Partei und breiter Massen entsprach. Doch keiner der konkreten Vorschläge Lenins, wie der Aufstand technisch durchgeführt werden sollte, setzte sich durch. Diese Vorschläge wurden von den Akteuren vielmehr meist kaum zur Kenntnis genommen. Was im Oktober 1917 folgte, war tatsächlich ein – fast völlig unblutiger – Massenaufstand.