Der dritte Teil unserer Artikelserie zur Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) beleuchtet die theoretischen Grundlagen ihrer feministischen Positionen und die Rolle der Frauenbefreiung innerhalb der Partei. (Red.)
von Alex de Jong; aus intersoz.org
Eine Revolution der Frauen
Schon in ihrem ersten Programm forderte die PKK volle Gleichheit von Männern und Frauen in allen sozialen und politischen Aspekten, aber das war wenig mehr als einfach eine Forderung unter anderen. Die unverwechselbare Praxis der PKK in Sachen Frauenbefreiung wurde in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre entwickelt, als die Beteiligung von Frauen an der kurdischen Bewegung, sowohl als Politikerinnen als auch als Kämpferinnen, zunahm. [15] Aber wie bei jeder anderen Position der PKK, war auch in der Frage der Frauenbefreiung Öcalan der ideologische Führer.
Die starke Beteiligung von Frauen auf allen Ebenen der Bewegung unterscheidet die PKK von allen anderen kurdischen Rebellionen. In der Ideologie der PKK scheint die Kategorie “Frauen” das “internationale Proletariat” ersetzt zu haben: Heute werden Frauen als solche als Vorhut des Kampfes angesehen.
Die Positionen der PKK zur Frauenbefreiung sind sehr stark beeinflusst vom Mythos einer prä-historischen matriarchalischen Vergangenheit: “Die Frau, die in der neolithischen Gesellschaft die erschaffende Göttin war, erfuhr in der Geschichte der Klassengesellschaft einen ständigen Verlust. (Öcalan).[16] Mit dem Entstehen der Klassengesellschaft begann die Unterdrückung der Frauen. Diese Ansichten sind klar von Friedrich Engels “Die Ursprünge von Familie, Staat und Privateigentum ” übernommen.
Nach Ansicht von Öcalan und der PKK dienen die patriarchalische Familienstruktur und die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen den Interessen des unterdrückerischen türkischen Staates und der mit ihm kooperierenden “feudalen” kurdischen Führer. Dieser Staat und seine Marionetten spielen eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung dieser Ungleichheiten und Traditionen, die die Entwicklung der kurdischen Frauen und der kurdischen Gesellschaft als Ganzes blockieren und ihnen erlauben, die kurdische Bevölkerung zu kontrollieren. Die traditionelle Familie unterdrückt Frauen, indem sie sie vom gesellschaftlichen Leben fernhält und die Familie wird geschützt durch „namus“ (svw. „Ehre“), die Kontrolle der Körper, des Auftretens und der Sexualität der Frauen durch Männer.[17]
Das Sprengen der Fesseln, die Frauen unterdrücken, würde ihnen nicht nur erlauben, eine aktive Rolle in der Befreiungsbewegung zu spielen und sie so zu stärken. Öcalan nahm auch an, dass Frauen als Opfer sowohl von nationaler als auch geschlechtsspezifischer Unterdrückung für radikale Ideen empfänglicher wären: “Heute, während des palästinensischen Aufstands sind es fast ausschließlich Frauen, Kinder und die Jugend, die mit Steinen die Revolution machen. Daraus müssen Lehren gezogen werden … Natürlich, alle Frauen sind wütend. Alle sind hungrig und verarmt. Es ist möglich, sie unter Anwendung aller möglichen Methoden zu Rebellinnen zu machen.“[18]
Die Befreiung der Frauen war und wird als Teil der Befreiung des kurdischen Volkes gesehen, aber in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre änderte sich die Art, wie diese Beziehung gesehen wurde. Handan Çağlayan fasst diese Änderung wie folgt zusammen: Vom Reden über Frauen, eine instrumentalisierende Sicht auf Frauen als Ressource für die Revolution, zum Reden mit Frauen als Akteurinnen ihrer eigenen Befreiung. In den frühen 1990er-Jahren nahm die Beteiligung von Frauen innerhalb der PKK dramatisch zu. In diesen Jahren gab es breite Proteste (Serhildan genannt) der kurdischen Bevölkerung, angefeuert durch ein neues Gefühl kurdischer Identität und Stärke, das durch den bewaffneten Kampf möglich gemacht worden war. An diesen Protesten beteiligten sich Schichten der Bevölkerung, die keinen direkten Kontakt mit der PKK-Guerilla hatten, aber dennoch mit ihr sympathisierten.
Die Proteste wurden unterdrückt, aber in ihrem Gefolge wurde die kurdische Bewegung zu einer wirklichen Massenbewegung, an der sich Studentenorganisationen, kulturelle Assoziationen, Publikationen, Frauengruppen und andere Initiativen beteiligten. Die PKK war die hegemoniale Kraft in dieser Bewegung, musste aber kämpfen, um die neuen Rekruten zu integrieren, die oft einen sozialen Hintergrund hatten, der sich sehr deutlich von dem der alten Garde unterschied. Dutzende dieser oft jungen, gebildeten Freiwilligen wurden von PKK-Kommandeuren exekutiert, die ihnen misstrauten oder ihre Macht durch sie gefährdet sahen. Aber der Zustrom neuer Mitglieder veränderte die Partei. Als die Beteiligung von Frauen zunahm, war die Bewegung gezwungen, sich mit bestehenden sexistischen Ideen und Praktiken auseinanderzusetzen. Frauen verweigerten die Beschränkung ihrer Rollen in der Bewegung auf bloße Unterstützung.
Die neue Rolle von Frauen führte zu Änderungen in der Ideologie und Organisation der PKK. In der Guerilla wurden unabhängige Fraueneinheiten und später eine unabhängige Frauenarmee aufgebaut – eine Praxis, die auch von der kurdischen Bewegung in Syrien mit dem Aufbau der YPJ (Yekîneyên Parastina Jinê, Frauenschutzeinheiten) übernommen wurde. Die Motivation dafür ist, dass auf diese Weise Frauen von den sexistischen Praktiken ihrer männlichen Genossen befreit und gleichzeitig gezwungen werden, mit den traditionellen Auffassungen weiblichen Gehorsams und weiblicher Unterwürfigkeit zu brechen und stattdessen Führungsrollen einzunehmen. In gemischten PKK-Organen gibt es eine verbindliche Frauenquote. Mindestens 40 % in den Leitungsorganen müssen Frauen sein, Vorstandsposten sind mit je einem Mann und einer Frau besetzt.
Eine wichtige Differenz zwischen der PKK-Theorie von Frauenunterdrückung und -befreiung und der von Friedrich Engels ist ihre Missachtung sozio-ökonomischer Faktoren. Engels argumentiert, dass die Entstehung sozialer Klassen zu einer Arbeitsteilung führte, die die Arbeit von Frauen und damit ihren sozialen Status zweitrangig machte. In der PKK liegt die Betonung stattdessen auf Fragen wie “Mentalität” und “Persönlichkeit”; Frauenunterdrückung ist angeblich in patriarchalischen Verhaltensweisen verwurzelt, die von Generation zu Generation weitergegeben und von den Frauen internalisiert werden. Frauen müssen diese Haltungen genauso verlernen wie Männer. Auf diese Weise werden Männer und Frauen neu geschaffen.
In der PKK-Sicht von Frauenbefreiung verdrängt die Kategorie Frauen politische Differenzen. So stellt es ihre Frauenorganisation dar: “die Frauenbefreiungsideologie ist eine Alternative zu allen bisherigen Weltanschauungen, egal ob von rechts oder links. Denn die bisherigen Ideologien, wie sie in den letzten Jahrhunderten als sozialistisch oder kapitalistisch kategorisiert wurden, sind männlich geprägt”.[19]
Diese Ideen bürden den Frauen eine schwere Last auf. Die traditionelle Familie wird als Ort kritisiert, wo Frauen durch patriarchalische Verhaltensweisen unterdrückt werden, aber sie wird gleichzeitig als Wiege einer neuen kurdischen Gesellschaft angesehen, weil die Familie eine sehr gewichtige Rolle bei der Sozialisierung von Menschen, der “Schaffung von Persönlichkeiten”, spielt. Daher sind es Frauen, denen als Mütter und Erzieherinnen eine Hauptverantwortung für den Ausgang des Kampfes zugewiesen wird. Das Denken der PKK konzentriert sich auf das Wesentlichste. Frauen und Natur werden oft gleichgesetzt, “Frau” wird mit Mutterschaft identifiziert. Frauen werden bestimmte frauliche Charakterzüge zugeschrieben wie Empathie, Abscheu vor Gewalt und Nähe zur Natur. Diese Qualitäten müssen Männern beigebracht werden, um die patriarchalische Gesellschaft zu überwinden.
Hier gehts zum vierten Teil.
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[15] Handan Çağlayan, ‘From Kawa the Blacksmith to Ishtar the Goddess: Gender Constructions in Ideological-Political Discourses of the Kurdish Movement in post-1980 Turkey’, European Journal of Turkish Studies 14 (2012). Online at [http://ejts.revues.org/4657] S. 2.
[16] Abdullah Öcalan, ‘Jineolojî als Wissenschaft der Frau’, Einleitende Worte der Herausgeberin, online auf [http://www.kurdistan-report.de/index.php/archiv/2014/172/110-jineoloji-als-wissenschaft-der-frau].
[17] Çağlayan, ‘From Kawa the Blacksmith to Ishtar the Goddess’, S. 2.
[18] Ebenda, S.10.
[19] Brauns & Kiechle, PKK, S. 247.
Ursprünglich veröffentlicht am 14. Juni 2018 auf der Seite der Internationalen Sozialistischen Organisation (ISO) aus Deutschland. Leichte Überarbeitung durch die Redaktion. Übersetzung durch W. Weitz.
Vielleicht sollte ein mal ein Schweizer Fussballer ein PKK Zeichen machen damit auch dieser Konflikt in das Bewusstsein von Herr und Frau Schweizer kommt… anscheinend gibt es keine bessere Möglichkeit, dass die Schweizer mit dem Ausland beschäftigen.
Leider nur Theorie im Artikel über die Frauen, wichtig wäre es, die konkrete Rolle von Frauen zu erwähnen,,, seit der Gründung der PKK…. da gibt es traurige Schicksale…. lg. K
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