Viele ältere Mitglieder der Bewegung für den Sozialismus (BFS/MPS) waren in den 1970er und 1980er Jahren in der Revolutionären Marxistischen Liga (RML) und der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) organisiert. Am 25. Januar 2018 findet im Volkshaus Zürich eine Veranstaltung zur Geschichte der RML/SAP statt. Dies nahmen wir zum Anlass, um uns mit dem folgenden Flugblatt an das Publikum und die ehemaligen Mitglieder der RML/SAP zu wenden. (Red.)
von BFS Zürich
Mit unserem politischen Engagement versuchen wir eine Kontinuität revolutionär-sozialistischer Ideen aufrechtzuerhalten, auch wenn dies gerade in der Schweiz – dem wirtschaftlich und politisch wohl stabilsten Land der Welt – alles andere als einfach ist. Unsere Kampagnen in den letzten Jahren (u.a. gegen den Sozialabbau im Kanton Zürich), dem jährlich stattfinden Anderen Davos (der Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum in Davos) und auch unsere Arbeit mit Jugendlichen, Schüler*innen und Lernenden, haben uns gezeigt, dass insbesondere bei jungen Menschen nach wie vor ein Interesse vorhanden ist, die aktuellen Zustände der Welt kritisch und systematisch zu reflektieren und einen Beitrag zur Umgestaltung dieser de facto nicht haltbaren Zustände der kapitalistischen Gesellschaft zu leisten.
Wir müssen es selber tun!
Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun. Der Abschnitt aus einem bekannten Lied sagt es deutlich: ein Ausbruch aus der Alltagsmisere wird von keiner höheren Kraft kommen. Nichts, überhaupt nichts, ist von Start-Up-Nationen und neu-alten Volksgemeinschaften zu erwarten. Staatslenker*innen haben Europa erneut in eine Festung verwandelt. Macrons Regierung zählt mehrere Millionär*innen, während er seine autoritären Züge kaum verbirgt. Vielleicht will die Absage an jeglichen Tribun auch von einer anderen Gefahr warnen: Von den selbsternannten Verwalter*innen der Empörung, von denjenigen, die mit aufgebrachten Menschenmassen ihre Macht verfestigen wollen. Vielleicht will uns die Strophe vor den Bürokrat*innen warnen. Nun, wer auch immer gemeint ist. Klar ist, dass es an uns selbst liegt – und nur an uns! – unsere Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen.
Revolutionärer Humanismus
Es gibt Kollektive von Revolutionär*innen, die kompromisslos die Freiheit gegen die Monstrosität des Stalinismus verteidigt haben. Dazu zählt zum Beispiel der von anarchistischen Ideen beeinflusste Victor Serge, der sich angesichts der Russischen Revolution den Bolschewiki anschloss, um dann vehement die stalinistischen Säuberungen zu verurteilen. Oder Moshe Lewin, der selbst in Kolchosen lebte und das Schicksal der lohnabhängigen Menschen in der Sowjetunion teilte, bevor er als Historiker grundlegende Werke zum Sowjetsystem schrieb. Seine Diagnose ist deutlich: Es war selbstverständlich kein Sozialismus. Ernest Mandel, Überlebender der nationalsozialistischen Konzentrationslager, politischer Aktivist und marxistischer Ökonom sprach diesbezüglich von revolutionärem Humanismus. Darin ist zunächst ein Kompass zu sehen: die Grundfreiheiten gehören zur revolutionären Praxis, ebenso wie Streiks und Besetzungen. Es ist auch ein Horizont: für ein freies Leben, beseitigt von allen Formen der Ausbeutung und Unterdrückung.
Aktualisieren und Historisieren
Wer die Bandbreite unserer Publikationen kennt, oder unsere Schulungen besucht hat, weiss es. Wir lernen ständig aus der Geschichte und von aktuellen emanzipatorischen Bewegungen, ohne Scheuklappen und aus fünf Kontinenten. So wertvoll Quellensammlungen auch sind, was wir brauchen sind vernünftige, langfristige Perspektiven für eine Umwälzung der gegenwärtigen Verhältnisse. Auch im Herzen der Bestie, da wo das Kapital einige seiner Schaltzentralen unterhält. Hier wie da entdecken Kommentator*innen die Aktualität von Marx und seinen Ideen wieder neu. The Economist und selbst The Lancet, die weltweit führende medizinische Zeitschrift, sagen es. Die Krise hat viele Gesichter, die Reproduktion von komplexen Natur-Mensch-Systemen rund um den Globus gerät zunehmend in Gefahr. Siehe die verheerende Waldbrände in Kalifornien, fünftgrösste kapitalistische Wirtschaftsmacht, wenn es unabhängig wäre. Es lässt niemanden kalt.
Nötig ist es jedoch auch von Historisierung zu reden. In Theorie und Praxis der Linken Europas gibt es eine Menge, die radikal revidiert werden muss. Dazu zählt zum Beispiel das fetischistische Verhältnis zu den Institutionen des bürgerlichen Staates, auch zum Parlament. Es herrscht nach wie vor ein archaisches Verständnis von der Sphäre des Rechts und der Justiz. Verkrustete Vorstellungen von Subjekten, die eine Auffrischung, oder besser ein tiefes Umdenken brauchen. Es kann in Lesegruppen, in der sicherheitsspendenden Wärme von Zirkeln passieren. Besser ist es aber, wenn es anhand von real existierenden sozialen Bewegungen geschieht. Erfahrungen von Widerstand, von kollektiver Selbstermächtigung, zwingen uns bestehende Denkmuster zu revidieren. Seit der Jahrtausendwende läuft solch ein Umdenken in den Feldern Geschlecht, Gender, Reproduktion. Feministische Aktivist*innen haben den Weg gezeigt, auch durch ihre transnationale Vernetzung.
Hört endlich auf Empörung in Generationen zu teilen!
Stephan Hessel, ein alter Widerstandkämpfer aus der Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs, hat 2010 die Streitschrift «Empört euch» verfasst. Seinem Aufruf sind Hundertausende gefolgt. Im Winter 2010/2011 haben junge Arbeitslose in Tunesien den Aufstand gegen Ben Ali angeleitet und den Anstoss zu den arabischen Revolutionen gegeben. Im Frühling ging es in Spanien und Griechenland mit der Bewegung der Platzbesetzungen weiter, dann in den Vereinigten Staaten mit «Occupy Wallstreet». Hier ist nicht der Ort, die Bedeutung anderer Triebkräfte, wie die Weltwirtschaftskrise ab 2007/08 oder die sozialen Medien zu thematisieren. Festzustellen ist aber auf jeden Fall, dass die letzte grosse Welle der Auflehnung, über nationale Grenzen hinweg, Menschen von verschiedenen Altersstufen und mit verschiedenen politischen Erfahrungen in Bewegung gebracht hat. Es ist irreführend, politische Prozesse anhand von Generationen zu klassifizieren. Viel produktiver ist es, politische Erfahrungsräume, den Transfer (trivial gesagt: die Stabsübergabe) sowie historisches Lernen in den Fokus zu nehmen. Ein politisches Projekt, das sich die Emanzipation aller Menschen auf die Fahne schreibt, muss eine Pluralität von Menschen ansprechen. Dazu möchten wir unseren Beitrag leisten – insbesondere auch auf der Strasse.
Spendenaufruf für eine neue Soundanlage
Weil wir Aktivist*innen sind, die nach wie vor von einer besseren Welt träumen, suchen wir solidarische Spender*innen, die uns bei der Anschaffung einer neuen Soundanlage unterstützen, die wir jeweils an Demos und Veranstaltungen benützen. Insgesamt rechnen wir mit Kosten von 8000 Fr. Wir freuen uns über jede auch noch so bescheidene Spende!
Bewegung für den Sozialismus Zürich
IBAN: CH38 0900 0000 8550 7861 5
Vermerk: Soundanlage