Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat gerade eine Studie veröffentlicht, die nützliche Daten für gewerkschaftliche Aktionen liefert. Sie basieren auf einem Modul der Schweizerischen Arbeitskrafterhebung (SAKE), die 2020 erhoben wurde und unter anderem Arbeitsunfälle, arbeitsbedingte Gesundheitsrisiken sowie Gesundheitsprobleme am Arbeitsplatz behandelt. Drei Ergebnisse sind dabei besonders auffällig.
von Benoit Blanc; aus alencontre.org
Sagten Sie gerade: «Rentenalter erhöhen»?
2020 gaben 12% der mindestens einmal im Leben erwerbstätigen Bevölkerung im Alter von 15 bis 74 Jahren an, dass sie unter Gesundheitsproblemen leiden, die durch ihre Lohnarbeit verursacht oder verstärkt wurden. Im Vergleich zur SAKE 2013 hat sich dieser Anteil nicht verändert. Es können allerdings vier Beobachtungen gemacht werden:
- 2020 entsprach dieser Prozentsatz rund 800’000 Personen. Die negativen Auswirkungen, welche die Arbeit unter bestimmten Bedingungen auf die Gesundheit haben kann, sind somit definitiv keine Randerscheinung.
- Diese Gesundheitsprobleme sind nicht bloss irgendwelche Wehwehchen: 28% der betroffenen Personen gaben an, dass sie dadurch in ihren täglichen Aktivitäten erheblich (und 52% teilweise) eingeschränkt sind.
- Es überrascht nicht, dass diese Gesundheitsprobleme häufiger bei Personen auftreten, die in Sektoren wie der Landwirtschaft, dem Baugewerbe, aber auch dem Gesundheitswesen, dem Gastgewerbe oder dem Detailhandel beschäftigt sind; neben den Landwirt:innen sind es vor allem Personen, die in sogenannten „Grundberufen“ (so die offizielle Bezeichnung) arbeiten, die am meisten unter diesen Gesundheitsproblemen zu leiden haben.
- Je älter die betroffenen Personen werden, desto häufiger treten diese gesundheitlichen Probleme auf und desto einschränkender wirken sie sich aus: Unter den 55- bis 64-Jährigen gaben 18% an, darunter zu leiden, und von diesen gaben wiederum 45%, durch die gesundheitlichen Probleme in ihren Lebensaktivitäten erheblich eingeschränkt zu sein.
- Die häufigsten gesundheitlichen Probleme sind Gelenkschmerzen (58% der Fälle, mit Alter ansteigend), gefolgt von depressionsbedingtem Stress oder Angstzuständen (25% der Fälle).
Somit bestätigen diese Daten einmal mehr, dass ein beträchtlicher Teil der Lohnabhängigen, Männer wie Frauen [gemäss der binären Geschlechterkategorien der staatlichen Statistik, Anm. d. Red.], im Alter einfach damit enden, durch die Lohnarbeit verschlissen worden zu sein. Damit sind wir auch beim Kern der Debatte über das Rentenalter angelangt. Die Befürworter:innen einer sofortigen Anhebung des Rentenalters für Frauen, die zugleich auf eine künftige generelle Anhebung des Rentenalters hinarbeiten, tun so, als ob länger zu arbeiten, eine reine Formalität sei. So etwas wie die Last der Arbeit existiert für sie schlicht nicht! Dies entspricht jedoch nicht der Erfahrung eines beträchtlichen Teils der Lohnabhängigen. Diese Realität, von der Verkäufer:innen, Bauarbeiter:innen, Krankenpflegekräfte und Pflegehelfer:innen ebenso wie Logistiker:innen und Mechaniker:innen, Kellner:innen, Fahrer:innen und Postangestellte ganz konkret berichten können, kann und muss ein zentrales Argument in einer Kampagne gegen die Erhöhung des Rentenalters sein!
Gesundheit? Davon kann hier keine Rede sein!
In den Diskussionen wird oft nicht berücksichtigt, dass etwa jede vierte erwerbstätige Frau im Gesundheits- und Sozialwesen arbeitet. Dieser Sektor umfasst erstens den Bereich der menschlichen Gesundheit (Krankenhäuser, häusliche Pflege, Arztpraxen, usw.); zweitens die medizinische und soziale Unterbringung (Alters- und Pflegeheime für ältere Menschen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, usw.); und drittens die sozialen Einrichtungen ohne Unterbringung, und insbesondere alle Einrichtungen der frühkindlichen Betreuung. Der Gesundheitssektor steht in direktem Zusammenhang mit generellen sozialen Forderungen und Überlegungen: Auf welche Art und Qualität der Pflege haben wir Anrecht? Wie steht es um die Lebensqualität der älteren Menschen? Was tut die Gesellschaft, um Menschen mit Behinderungen und ihren Familien das bestmögliche Leben zu ermöglichen? Sind die besten Entwicklungsbedingungen während der frühen Kindheit, einer für jedes Individuum entscheidenden Phase, garantiert? Und ebenso in direktem Zusammenhang mit den Erwartungen der im Gesundheits- und Sozialwesen Arbeitenden: Kann ich gute Arbeit leisten? Dafür anerkannt werden? Das, ohne aber meine Gesundheit dafür zu gefährden? Wobei es kaum möglich sein wird, gute Arbeit zu leisten, wenn die besagte Arbeit gesundheitsgefährdend ist.
Unter diesem Blickpunkt sind die Ergebnisse der SAKE entmutigend: Das Gesundheits- und Sozialwesen ist unter allen Sektoren derjenige, wo die Lohnabhängigen am stärksten gleichzeitig physischen und psychischen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind. Zu den körperlichen Risiken gehört, dass sie ständig schwere Gegenstände oder Personen tragen (38%) oder schmerzhafte oder ermüdende Körperhaltungen einnehmen müssen (34%). Dabei handelt es sich um besonders anstrengende Arbeiten, die Ursache von Verschleiss und Gesundheitsschäden sind. Hinsichtlich der Risiken für die psychische Gesundheit sind der Kontakt mit schwierigen Patient:innen (54%), die hohe emotionale Belastung (39%), aber auch Gewalterfahrungen (17%) und die seelische Grausamkeit (11%) in diesem Sektor deutlich häufiger als im Durchschnitt (wobei der Durchschnitt noch weit entfernt vom Idealzustand ist…).
Diese Fakten sagen nichts Neues: Daten der SAKE haben diese Situation bereits 2013 und 2017 offengelegt. Es sind aber vor allem Gewerkschaften und Berufsverbände, die diese Situation und die fehlende Anerkennung der geleisteten Arbeit seit Jahren anprangern. Abwesenheitsquoten in Krankenhäusern, die kaum zu glauben sind; Pflegekräfte, die massenhaft ihren Beruf aufgeben (2018 lag die Quote der Pflegekräfte, die ihren Beruf aufgaben, laut einer Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan bei rund 40%); eine Qualität der Pflegeleistungen, die hinter möglichen und nötigen Standards zurückbleibt… Seit Beginn der Covid-19-Pandemie werden die Auswirkungen dieser Situation zwar jede Woche in der Presse thematisiert. Aber sie werden fast nie mit ihrer eigentlichen und unmittelbaren Ursache in Verbindung gebracht: den miserablen Arbeitsbedingungen, die körperlich und psychisch zermürbend sind. Dies wiederum verweist auf ihre indirekte Ursache: ein Gesundheitssystem und im weiteren Sinne soziale Dienstleistungen, die durch die ihnen auferlegten finanziellen Zwänge entstellt sind.
«Junge Leute, schaut selbst, wie ihr zurechtkommt!»
Während die beiden oben genannten Themen seit langem auf dem Radar der Gewerkschaftsorganisationen sind – oder es zumindest sein sollten –, wird das dritte Thema, das aus der jüngsten Veröffentlichung des Bundesamts für Statistik (BFS) hervorgeht, seltener erwähnt: Junge Menschen, insbesondere junge Männer, werden ungewöhnlich häufig riskanten Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Zwei Erkenntnisse veranschaulichen dies:
Erstens geht es um die Arbeitsunfälle. Im Jahr 2020 gaben 9% der Männer und 5% der Frauen an, dass sie im Jahr vor der Erhebung mindestens einen Arbeitsunfall hatten, der zu einer Verletzung führte. Diese Zahlen ähneln denjenigen von 2013. Einer von zwei solcher Unfälle führte zu einer Arbeitsunfähigkeit, die bei jede:r fünften Verletzten mindestens zwei Wochen betrug. Es handelt sich also um keine Bagatellen.
Unter den von diesen Arbeitsunfällen Betroffenen sticht jedoch eine Gruppe deutlich heraus: junge Männer* im Alter von 15 bis 24 Jahren: 19% von ihnen haben mindestens einen Unfall erlitten, was zweieinhalb Mal mehr ist als bei älteren Männern (7%) oder bei Frauen der gleichen Altersgruppe (ebenfalls 7%). Hinzukommt, dass ein Drittel dieser verunfallten jungen Männer im Baugewerbe arbeitet und ein weiteres knappes Drittel (29%) im Handel mit und der Reparatur von Kraftfahrzeugen tätig ist. Das Bundesamt für Statistik (BFS) weist darauf hin, dass die Überrepräsentation junger verunfallter Männer in diesen beiden Branchen durch zwei Faktoren erklärt werden kann. Erstens ist ein bedeutender Teil der jungen Männer zwischen 15 und 24 Jahren noch nicht erwerbstätig, sondern noch in einer schulischen Ausbildung. Diejenigen, die in besagtem Alter bereits erwerbstätig sind, sind daher verhältnismässig häufiger in Branchen anzutreffen, wo weniger Menschen mit tertiärer Ausbildung [Hochschule, Universität; Anm. d. Red.] beschäftigt sind. Dies ist insbesondere in den Branchen des Baugewerbes und der Arbeit mit Kraftfahrzeugen der Fall. Zweitens – und das sollte uns zu denken und zu handeln geben! – haben in diesen Branchen arbeitende junge Männer ein sehr hohes Unfallrisiko: Drei von zehn haben sich innerhalb des Zeitraums eines Jahres verletzt!
Neben dem Faktor der Anstellungssituation sind junge Männer im Alter zwischen 15 und 24 Jahren bei ihrer Arbeit auch in hohem Masse körperlichen Risiken ausgesetzt: 60% von ihnen – 64% der Auszubildenden! – sind mindestens drei der folgenden Risiken ausgesetzt, wie bspw. repetitive Arm- oder Handbewegungen, belastende oder ermüdende Tätigkeiten, die Verpflichtung zum Tragen schwerer Lasten, der Kontakt mit chemischen Stoffen oder mit Staub, usw. Dies liegt deutlich über dem Durchschnitt der befragten Männer (36%).
Die ihnen anvertrauten äusserst schweren und risikoreichen Arbeiten, der übermässige Druck der Arbeitszeiten, der das Unfallrisiko erhöht, die mangelnde oder fehlende Überwachung, die es ihnen ermöglichen würde, die notwendigen Fähigkeiten zum Selbstschutz zu erwerben, oder die selbstsüchtige Aufwertung der „Hab doch keine Angst„-Haltung, die häufige Abwehrreaktion im Angesicht von Gefahr: die konkreten Gründe für die übermässige Unfallgefährdung junger Männer sollten sowohl von den Gewerkschaften als auch von den Arbeitsaufsichtsbehörden untersucht werden, um diese Missstände zu bekämpfen. Und weil dies ebenso die Basis für die Wiederherstellung der Solidarität zwischen den Lohnabhängigen sein könnte; zwischen den verschiedenen Generationen und unterstützt durch eine gewerkschaftliche Präsenz am Arbeitsplatz.
Der Artikel wurde am 11. Oktober 2021 publiziert. Übersetzung durch die Redaktion.
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