Das Berner Rap-Duo Migo & Buzz haben kürzlich ein neues Album veröffentlicht. Die Tracks zeugen von ihren vielfältigen musikalischen Skills. Die politisch bissigen und anklagenden Texte sind vor allem auch für linke Aktivist:innen, die sich ansonsten weniger für Rap interessieren, hörenswert.
von Theo Vanzetti (BFS Zürich)
Nachdem Migo im Jahr 2020 gleich an drei Albumreleases[1] mitwirkte, tat er sich dieses Jahr erneut mit dem Produzenten Buzz zusammen. Davor produzierten die beiden bereits gemeinsam die Trilogie «Partys im Blauliecht» 1 bis 3. Während Buzz’ Zuständigkeitsbereich darin besteht, meist melancholische Stimmungen durch Klangfarben und sorgfältig eingebettete Samples zu erzeugen,[2] liefert Migo dazu die passenden Raptexte. Je länger er rappt, desto klarer wird, dass er einer der interessantesten Lyriker der Schweizer Musikszene ist. Er schafft es durch die Darstellung von Alltagssituationen, mit welchen sich viele identifizieren können, die Totalität des Kapitalismus[3] darzustellen und zu kritisieren. Diese verbindet er mit bissigen Punchlines[4] und Humor, zwei wichtige Elemente, durch welche sich seine Texte von einer beliebigen politischen Abhandlung unterscheiden.
Totalität des Spätkapitalismus und Stadtentwicklung
Ein geeignetes Setting um das Album zu hören ist zum Beispiel ein Spaziergang durch den verregneten Zürcher Kreis 4. Die Melancholie, welche das Werk von Migo & Buzz auszeichnet, könnte anstelle von Bern geradesogut von einer anderen Stadt in der Schweiz oder Europa inspiriert sein. Wie die Lebenswelt, welche Migo in seinen Texten darstellt, ist auch der Alltag rund um die Langstrasse auch 2021 noch von Crackpfeifen und Obdachlosigkeit geprägt. Nur wenige Meter weiter befindet sich das Megaprojekt der Zürcher Stadtaufwertung: die Europa-Allee. Migo thematisiert diese Dynamik der kapitalistischen Stadtentwicklung in vielen seiner Texte. Lohnabhängige Personen können sich zwar für kurze Zeit als Teil einer angeblich vornehmen Gesellschaft, welche die ehemaligen Arbeiter:innenviertel Stück für Stück in Besitz nimmt, fühlen. Zum Beispiel indem sie ihr hart verdientes Geld in einem der neueröffneten teuren Läden im Erdgeschoss verprassen. Vielleicht sitzen sie auch weiter oben im neugeschaffenen Büroturm und generieren gerade den eigenen Lohn. Doch keine lohnabhängige Person wird jemals auch nur ansatzweise Eigentümer:in eines Stockwerks, geschweige denn der ganzen Europa-Allee. Das ist einer von vielen Aspekten, welche den Spätkapitalismus in reichen urbanen Zentren prägen. Irgendwo müssen die Armen sein (Frankfurter Bahnhofsviertel, Reeperbahn, Cottbusser-Tor – oder eben Reitschulvorplatz und Langstrasse). Und dort stört es ja dann auch nicht, wenn man die Sau rauslässt und sich alle gesellschaftlichen Probleme kumulieren. Doch das Ganze soll bitte nicht allzu weit weg von den effizienten Wirtschaftsmotoren des Dienstleistungssektors stattfinden (Frankfurter Bankenviertel, Hamburger Innenstadt, Berlin Mitte, Berner Altstadt – oder eben: Europaallee als Verlängerung vom Zürcher Kreis 1). Denn es sollte für die Angestellten des Finanzkapitals ja doch noch möglich bleiben, in nützlicher Frist auf dem Nachhauseweg Kokain kaufen zu können, ohne aus dem Porsche aussteigen zu müssen.
Spätestens wenn man als aufmerksamer Rap-Fan realisiert, dass die Songs «Lorraine» und «Defensivi Architektur» schon 2019 und 2020 gedroppt wurden, wird klar, dass dieses Album ein Langzeitprojekt war. Also nicht der Modus ‘hau raus, was auf der Festplatte vom Tonstudio ist’, sondern eher die Überlegung, was Durchdachtes und qualitativ sehr Anspruchsvolles zu veröffentlichen, dürfte hier die Idee gewesen sein. Und das ist auch gelungen. Das Schöne an der Rap-Kultur ist ja, dass es beide Arten von Releases gibt und beides auf seine eigene Art seinen Reiz hat. «Lorraine» und «Defensivi Architektur» thematisieren dann auch die Stadtaufwertung. Auf «Lorraine» wird in einem einzigen Satz noch ein anderes Thema angeschnitten:
«Ufem Schuttplatz vor Lorraineschuu, chasch du ke grade Pass gä (…)
Mir si us aune Länder und wo du hesch müesse ga, hätte mir aui dir ä Pass gä» («Lorraine» (0:06)[5]
Wie abgefuckt müssen ein Staat und eine Gesellschaft sein, die es zulassen, dass sogar Kinder aus der Schweiz ausgeschafft werden? Es also möglich ist, dass man an einem Tag noch mit den Friends Fussball spielt und schon tags darauf abgeschoben wird?
Trickle Down: Wenn es bei uns ankommt, weisst du, dass es niemand anderes haben wollte
Das ist die Kernaussage des Songs, welcher nach dem Trickle-Down Effekt benannt ist. Also jenes neoliberalen Wirtschaftsslogans, der davon ausgeht, dass auch für die Armen was übrig bleibt, wenns den Reichen supergut geht. Der Wohlstand der Einen wird in dieser bürgerlichen Verklärung kapitalistischer Funktionsweisen als Motor für ein Wachsen des gesamtgesellschaftlichen Wohlstands begriffen. Damit soll der schier surreale Reichtum einiger weniger legitimiert werden. Diese bürgerliche Augenwischerei wird auf dem Album gekonnt entlarvt.
Hier kannst du das Album „Warte uf ds Meer“ als CD oder als Download kaufen.

Am Anfang des Songs «Trickle Down» beschreibt Migo wie er bekifft zum Selecta-Automaten läuft. Welche cannabisaffine Person kennt das nicht? Das Phänomen, unter Substanzeinfluss an einem Selecta-Automaten genauso viel Freude zu haben, wie ein Kind in einer Schokoladenfabrik, kommt wohl gleich nach Gedankengängen wie «Endlich leb ich mal in einer Wohnung, wo die Badezimmerplättli nicht komplett im Arsch sind – ich habe sozusagen einen SPA zu Hause!». Der Habitus der arbeitenden Klasse zeichnet sich also nicht nur durch Protz[6] aus, wie es der Soziologe Bourdieu ausführlich dargelegt hat. Sondern oft auch dadurch, dass man mit Bescheidenem zufrieden ist, da man weiss, wie es ist, wenn man Nichts hat. Und was man ganz bestimmt nie von jemandem hört, der selbst von unten kommt oder Empathie für Marginalisierte hat, sind Aussagen, dass der Trickle-Down Effekt Armut bekämpfe (total herablassend), oder, dass Geld nicht glücklich mache (total naiv). So dann eben auch Migo auf dem Song Hochhuus:
«Sie säge Gäud macht nid glücklech / u du fragsch mi, hei die mau ärnsthaft kei Gäud gha?» (1:10).[7]
Ein weiteres Thema, welches Migo & Buzz sowie dem Umfeld am Herzen zu liegen scheint , ist es Neohippies und andere Positivity-Extremist:innen zu dissen. So rappt Migo auf «Trickle Down»: «Ig würds ou uf Karma schiebe / wieso nid, wenni immer aues überchäm» (0:34)[8]. Oder auf einem anderen Song:
«Vom Sinn vom Läbe liire aber hoffe, es fragt niemer nachem Sinn vo dim Job
Hör uf so viu nachedänke, d Energie wo dra verschwändisch fäuht im Gwinn vo dim Boss
Süsch zerbrichsch dir dr Chopf / unger Stifle vo Cops»
(Track «Wi viu Ziit», 1:40)[9]
Dass viele Leute sich eher einem individualistischen Meditations-Lifestyle verschreiben, um ihren Alltag als sinnstiftend zu betrachten, anstatt sich beispielsweise kollektiv dafür einzusetzen, strukturelle Gegensätze zu bekämpfen, ist leider weit verbreitet. Schon auf dem Song Esolution zeigte die FHG[10] auf, wie absurd es ist, sich dadurch vom beelendenden Arbeitsalltag abzulenken.
Nieder mit den Alpen – Freie Sicht aufs Mittelmeer
Auf das Meer zu warten, kann als Metapher verstanden werden, welche die Sehnsucht nach dem Schönen Leben ausdrückt. Auch andere Künstler:innen haben sich schon dem Thema bedient. Stereo Luchs zum Beispiel drückt mit den Zeilen «…mier hend villes gseh, aber s wartet no villes meh / Es langt villicht nöd zum Millionär, aber immer no bis as Meer»[11] aus, dass er trotz bescheidenem Lebensstil sehr zufrieden ist. Oder, wieder näher bei Migo & Buzz, die Parole der Häuserbesetzer:innen der 1980er Jahre: «Nieder mit den Alpen – Freie Sicht aufs Mittelmeer».
Es sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass es allerdings schon erstaunlich ist, auf einem Rapalbum mit politischem Anspruch den Begriff Corona nur ein einziges Mal zu hören. Ein weiterer Berner Rapper, Tommy Vercetti, der Migo musikalisch wie auch inhaltlich nahesteht, äusserte in einem Interview letzten Juni, dass es schade sei, finde das Thema im Schweizer Rap kaum statt. Wer Migo & Buzz hört, wird es wohl mit Tommy Vercetti ähnlich halten. Und Letzterer veröffentlichte letzten Sommer gleich eine ganze EP zum Thema. Migo & Buzz kann man hingegen dann hören, wenn man gerade nicht an die neueste Covid-Hiobsbotschaft denken möchte. Das Album «Warte uf ds Meer» ist also aus psychohygienischer Sicht wertvoll und greift dennoch viele brisante politische Themen auf. Und diese Themen wie Flucht, Lohnarbeit, Armut etc. sind ebenfalls Teil der multiplen Krise des Kapitalismus welche durch die Ausbreitung eines hochgefährlichen Virus nochmal massiv verschärft wurde.
Als sich vom Rest des Albums abhebender Beat kann jener vom Song «Dope» genannt werden, welcher zeigt, dass das Subgenre Trap in Kombination mit relevanten Inhalten auch auf Deutsch funktioniert. Es muss also nicht jeder deepe Song nach Oldschool klingen. Und nicht jeder Trapsong hat Texte, die ungefähr so wenig aussagen wie eine Weihnachtsansprache eines Staatsoberhauptes. Ebenfalls Spass beim Hören machen die Featureparts von Iroas und Sophie.[12]
Also unbedingt hören und immer dran denken: Alles allen! Denn unter dem Pflaster wartet der Sandstrand.
Songtextzitat im Titel: «Alles allen. Schon seit Partys im Blaulicht.»
[1] Album der 15-köpfigen Chaostruppe im Mai, Album zusammen mit Buzz und Iroas im Juli und Album der Fischermätteli Hood Gäng FHG im Dezember 2020.
[2] Der Beat vom Song «Wie viu Ziit» ist zum Beispiel mit einer tickenden Uhr hinterlegt, welche wohl darstellen soll, wie die Zeit verstreicht.
[3] Damit ist gemeint, dass der Kapitalismus als Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung alle Facetten unseres Lebens durchdringt und vielschichtige soziale Gegensätze und Unterdrückungsstrukturen hervorbringt.
[4] Zum Beispiel: «Figg mis Zitfänster / i wirfe ä Stei dri», «Fick mein Zeitfenster / ich werfe einen Stein rein» (Track «Was chunnt nach morn», 2:28)
[5] «Auf dem Fussballplatz vom Lorraine-Quartier kannst du keinen geraden Pass geben (…) Wir sind aus allen Ländern und wo du gehen musstest, hätten wir alle dir einen Pass gegeben.»
[6] Gucci und andere Luxussimulationen, die Migo auf dem Album ebenfalls thematisiert und kritisiert.
[7] «Sie sagen Geld macht nicht glücklich / Und du fragst mich, haben die mal ernsthaft kein Geld gehabt?»
[8] «Ich würde es auch auf Karma schieben / wieso nicht, wenn ich immer alles bekommen würde»
[9] «Vom Sinn des Lebens faseln aber hoffen es fragt niemand nach dem Sinn deines Jobs / Hör auf so viel nachzudenken, die Energie die du daran verschwendest fehlt im Gewinn deines Boss / Sonst zerbichst du dir den Kopf / unter Stiefeln von Cops»
[10] Anm. der Redaktion: Auf den sozialen Medien machen schon seit Jahren Gerüchte die Runde, dass Migo irgendwas mit der vierköpfigen Crew Fischermätteli Hood Gäng (FHG) zu tun haben könnte. Doch dies bleibt im Rahmen der Spekulationen…
[11] «…wir haben vieles gesehen, aber es wartet noch vieles mehr / Es reicht vielleicht nicht bis zum Millionär, aber immer noch bis ans Meer», Song Ziitreis
[12] Iroas und Sophie sind beide ebenfalls in der Chaostruppe.