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Geschichte: Vor 70 Jahren kam es zum Bruch zwischen Stalin und Tito – Teil 2

Nachdem wir im ersten Teil dieser zweiteiligen Artikelserie die Ursprünge des Verhältnisses zwischen Stalin und Jugoslawien ergründet haben, widmen wir uns im zweiten Teil dem eigentlichen Bruch zwischen den beiden Staaten. Ein Bruch, der für grosse Teile der Welt erst durch eine kurze Meldung in einer tschechoslovakischen Zeitung ersichtlich wurde. (Red.)

von Paul Michel; aus intersoz.org

Kalter Krieg: Stalin zieht die Zügel an

Stalin hatte das selbstbewusste, aus seiner Sicht eigenmächtige Handeln der jugoslawischen Kommunist*innen stets mit Groll verfolgt, hatte sie manchmal zurückgepfiffen, war aber vor dem offenen Eklat zurückgeschreckt und eine offene Konfrontation vermieden. Offenkundig war, dass die jugoslawischen Genoss*innen und ihr selbstständiger Kurs in den osteuropäischen Bruderländern in der Bevölkerung und zumindest auch bei Teilen der kommunistischen Parteien sehr populär waren. Bei Staatsbesuchen Titos in Prag und Warschau erschienen große Menschenmengen zu Titos Begrüßung. In Bukarest kamen im Dezember 1947 trotz eines heftigen Schneesturms 500 000 Menschen, um seine Rede zu hören. In Bulgarien war Tito nicht nur bei den Massen populär. Auch Dimitroff war von den guten Beziehungen zu Jugoslawien begeistert. Jugoslawien verkörperte auch in den anderen Volksdemokratien den Anspruch auf einen eigenen Weg zum Sozialismus.

Die sowjetische Führung sah sich 1947/48 mit dem Problem konfrontiert, dass die USA mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche versuchten, ihren Einfluss im Machtbereich der Sowjetunion zu verstärken. Im März 1947 hatten die USA mit der Truman-Doktrin auch offiziell den Kalten Krieg erklärt. Seit April 1947 stellten die USA den osteuropäischen Verbündeten der UdSSR große Summen aus dem Marshall-Plan in Aussicht, wenn sie sich aus dem Zugriff der Sowjetunion lösten und zu einer Annäherung an den Westen bereit wären. Weil die wirtschaftliche Lage in fast allen osteuropäischen Volksdemokratien sehr schwierig war, gab es in den dortigen „Volksfront“-Regierungen, vor allem bei den Sozialdemokrat*innen, eine Neigung, auf den Wink mit den Dollars positiv zu reagieren.

Stalin hatte das selbstbewusste, aus seiner Sicht eigenmächtige Handeln der jugoslawischen Kommunist*innen stets mit Groll verfolgt.

Am stärksten ausgeprägt war dies in der Tschechoslowakei. Im Juli 1947 hatte die tschechoslowakische Regierung mit Zustimmung der kommunistischen Partei Interesse an einer Teilnahme am Marshall-Plan gezeigt. Die Sowjetunion regierte sofort. Von Stalin genötigt zogen die Tschechoslowaken ihre Entscheidung zurück. In den darauf folgenden Monaten radikalisierte die stalinistische Partei ihre Haltung gegenüber ihren Bündnispartnern in der Volksfront – was schließlich in ihrem Coup vom 22. Februar 1948 mündete, als sie offen die Macht übernahmen und die sozialdemokratische Partei zur Fusion mit der kommunistischen gezwungen wurde.

Analog dazu zogen die UdSSR und ihre regionalen stalinistischen Filialen auch in den anderen Volksdemokratien die Zügel an. Die bisherigen bürgerlichen und sozialdemokratischen Partner*innen mussten sich unterordnen oder wurden ausgeschaltet. Jegliche Diskussionen um einen landesspezifischen, eigenständigen Weg zum Sozialismus wurden unterbunden. Bei einer derartigen politischen Großwetterlage wollte Stalin die „Extratouren“ der jugoslawischen Partei, die in die Bruderparteien als Vorbild für Widerborstigkeit ausstrahlten, nicht länger hinnehmen. Stalins Angriff auf die jugoslawischen Genoss*innen war Teil der verschärften Stalinisierungspolitik der Sowjetunion, die ihrerseits eine Folge der Verschärfung des Kalten Krieges war.

Der Bruch

Im Februar 1948 wurden die jugoslawischen und bulgarischen „Genoss*innen“ nach Moskau zitiert. Dort mussten sie sich dazu verpflichten, künftig alle außenpolitischen Entscheidungen vorab mit Moskau abzustimmen. Die parallel dazu in Moskau weilende jugoslawische Wirtschaftsdelegation bekam für ihr Begehren nach Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen eine Absage. Kurz darauf wurden alle sowjetischen Militärberater, wenige Tage später auch die Wirtschaftsberater abgezogen. Am 28. Juni 1948 erfuhr die ungläubige Welt durch eine lapidare Meldung in einer tschechoslowakischen Zeitung, dass die jugoslawische Partei aus der Kominform ausgeschlossen worden ist.

Die Führung der jugoslawischen kommunistischen Partei traf dies zwar nicht unvorbereitet, aber man war dennoch geschockt. Denn Stalin beschränkte sich nicht auf die die politische Exkommunizierung der jugoslawischen Genoss*innen, sondern er startete gleichzeitig zusammen mit den anderen Volksdemokratien in Osteuropa eine umfassende ökonomische Blockade, ergänzt durch unmissverständliche militärische Drohgebärden, die auch eine Invasion der Roten Armee in den Bereich des Möglichen rückte. In den nächsten Jahren gab es an den Grenzen zu Ungarn und Rumänien immer wieder Schießereien, wobei für die jugoslawische Seite nie klar war, ob solche Grenzprovokationen nicht den Vorwand für großangelegte militärische Operationen der Roten Armee liefern sollten.

Am 28. Juni 1948 erfuhr die ungläubige Welt durch eine lapidare Meldung in einer tschechoslowakischen Zeitung, dass die jugoslawische Partei aus der Kominform ausgeschlossen worden ist.

Der noch im Jahr 1948 in die Wege geleitete Wirtschaftsboykott traf die jugoslawischen Industrialisierungspläne schwer. Die jugoslawische Wirtschaft war stark auf den Austausch mit dem Ostblock ausgerichtet. Neben der Sowjetunion erhoffte sich die jugoslawische Führung die Lieferung von Industrieanlagen aus Polen und der Tschechoslowakei. Der Ausfall dieser Lieferungen traf die jugoslawische Wirtschaft schwer. Die Wachstumsraten gingen in den Jahren 1948 bis 1950 stark zurück. Verschärft wurden die sozialen Nöte im Land dadurch, dass das Land 1950 unter einer verheerenden Dürre zu leiden hatte. Letztendlich wurden die Folgen dadurch gemildert, dass die Führung um Tito in dieser verzweifelten Lage einen Schwenk Richtung Westen machte und in den Jahren ab 1950 tatsächlich beträchtliche Lebensmittelhilfe, Kredite und wohl auch Wirtschaftshilfe aus den USA erhielt.

Ziel der Stalinschen Blockadepolitik war der Sturz der Führungsgruppe um Tito und deren Ersetzung durch willfährige Teile der jugoslawischen Partei. Andrija Hebrang, der frühere Chef der Kommunistischen Partei Kroatiens (KPH), und Finanzminister Sreten Žujović waren Stalins Kandidaten für diese Rolle. Bereits im März 1948 wurden sie auf einer Sitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) von Rest des ZK zu Rede gestellt, sie blieben vollkommen isoliert und wurden schließlich verhaftet. Im ganzen Land setzte eine Kampagne gegen die „Kominformisten“ (also die Anhänger*innen Moskaus) ein. Insgesamt sollen etwa 55 000 Parteimitglieder ausgeschlossen worden sein, Tausende wurden verhaftet. In den Jahren 1948 bis 1952 herrschte ein Klima der Hexenverfolgung gegen „Kominformisten“, also Freunde Moskaus. Die Geheimpolizei von Aleksandar Ranković griff zu Methoden, die in der stalinistischen Tradition standen. Etwa 11 000 bis 18 000 „Kominformisten“ wurden in den folgenden Jahren auf der kleinen kroatischen Adria-Insel Goli otok unter unmenschlichen Bedingungen interniert.

Eine populäre kommunistische Partei

Dass Titos Herrschaft in den kritischen Jahren trotz katastrophaler wirtschaftlicher Lage nie ernsthaft gefährdet war, ist aber nicht der Härte der Repression geschuldet. Die Kommunistische Partei Jugoslawiens war in dieser Zeit im Volk äußerst populär. Die Mitgliederzahl der KPJ stieg von knapp 450 000 Mitgliedern im Juni 1948 auf ca. 780 000 Mitglieder im Juni 1952; in den sechs Monaten nach dem Beschluss der Kominform stieg die Mitgliederzahl der KPJ um 81 637 auf 530 812 Mitglieder an. In jedem anderen Land Osteuropas, in dem die Machtposition der Kommunist*innen insbesondere auf den Panzern der Roten Armee beruhte, wäre das undenkbar gewesen.

In dieser Phase hob Tito in seinen Antworten auf die Polemiken aus Moskau immer wieder hervor, wie wichtig die Unabhängigkeit Jugoslawiens sei. Mit Kritiken an der Politik der KPdSU und Angriffen auf die Person Stalin hielt man sich in Belgrad zunächst sehr zurück. Zumindest im Jahr 1948 hing auf allen Parteiversammlungen Stalins Porträt aus und in Reden wurde ihm nach wie vor gehuldigt – möglicherweise um nicht antikommunistischen Tendenzen Vorschub zu leisten. Dieses auf den ersten Blick unverständliche Agieren der KPJ hat aber auch sehr viel mit dem Umstand zu tun, dass ihr ideologischer Kompass stark durch die Weltsicht der stalinisierten Dritten Internationale geprägt war. Über ein anderes „Narrativ“ verfügte die KPJ 1948 nicht.

Zum neuen „Narrativ“ sollte die Arbeiter*innenselbstverwaltung werden, die laut Milovan Djilas von ihm und Edvard Kardelj während einer Autofahrt „erfunden“ worden sein soll. 1950 sollte sie mit ersten Maßnahmen erprobt und 1952/53 offiziell zu dem Markenzeichen Jugoslawiens werden.


Bild: Tito und Stalin auf Transparenten, 1946.

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